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Wenn die „Glücksvögel“ in den Süden ziehen: Kranichzüge über Österreich

vor 28 Minuten
5 Min. Lesezeit

Heute Mittag durfte ich Zeugin eines beeindruckenden Naturschauspiels werden. Drei große, voneinander unabhängige Kranichzüge flogen in unterschiedlichen V-Formationen über unser Wohngebiet. Schon ihre lauten, trompetenden Rufe lenkten meinen Blick nach oben. Vor dem grauen Herbsthimmel veränderten die langen Vogelketten immer wieder ihre Gestalt und zogen schließlich weiter. Ein Anblick, der mich staunen ließ und neugierig machte auf die gefiederten Reisenden und die Geschichten, die sich um sie ranken.


Eine große Kranichschar hebt von der Wiese ab. Mit kräftigen Flügelschlägen gewinnen die Vögel an Höhe und setzen ihre Reise fort. Bild: Leon Sommer
Eine große Kranichschar hebt von der Wiese ab. Mit kräftigen Flügelschlägen gewinnen die Vögel an Höhe und setzen ihre Reise fort. Bild: Leon Sommer

Als Kulturanthropologin fasziniert mich der herbstliche Vogelzug als biologisches Meisterwerk ebenso wie seine Verbindung mit Bräuchen, Mythen und Glaubensvorstellungen. Zu Kranichen habe ich außerdem einen ganz persönlichen Bezug. Am Abend vor der Geburt meines zweiten Sohnes spazierte ein Kranich eine ganze Weile laut rufend vor der Terrassentür meines Schlafzimmers umher. Diese ungewöhnliche Begegnung ist mir bis heute in lebhafter Erinnerung geblieben, und ich deutete sie als Glückszeichen. Seither haben die Vögel einen besonderen Platz in meinem Herzen und begleiten mich sogar als Motiv auf meinen herbstlichen Polsterbezügen.




Das Flugbild. Woran sich der majestätische Wanderer erkennen lässt

Aufrecht stehend erreicht der Eurasische Kranich (Grus grus) eine Höhe von etwa 120 bis 130 Zentimetern. Mit einer Flügelspannweite von über zwei Metern gehört er zu den imposantesten Vögeln Europas. Besonders eindrucksvoll wirkt er, wenn ganze Scharen mit weit ausladenden Schwingen über den Himmel ziehen.

Einige Merkmale helfen dabei, die eleganten Wanderer zu erkennen.

  • Die Silhouette im Flug: Kraniche fliegen mit gerade vorgestrecktem Hals. Ihre langen Beine ragen deutlich über den Schwanz hinaus. Gerade diese nach hinten ausgestreckten Beine helfen bei der Unterscheidung von Gänsen.

  • Das markante Gefieder: Erwachsene Kraniche tragen überwiegend graues Gefieder. Kopf und Oberhals zeigen eine kontrastreiche Zeichnung in Schwarz und Weiß. Auf dem Scheitel liegt eine rote, unbefiederte Hautpartie.

  • Die natürliche Tarnung: Kraniche tragen eisenhaltigen Schlamm auf ihre Rückenfedern auf. Dadurch kann sich das ursprünglich graue Gefieder stellenweise braun bis rostrot färben.

  • Die auffällige Schleppe: Was im Stehen wie ein buschiger Schwanz aussieht, besteht tatsächlich aus verlängerten Federn der Flügel und des Schulterbereichs. Bei der Balz können sie aufgestellt werden und lassen den Vogel noch größer erscheinen.


Einblicke in das Leben der Kraniche. Die Galerie zeigt erwachsene Vögel am Boden und im Flug, ein Küken im flaumigen Jugendkleid und einen Jungvogel an der Seite eines Elternvogels.



Himmlische Autobahnen. Die großen Zugwege durch Europa

Die Flugwege der Kraniche gleichen einem weit verzweigten Netz. Je nach Herkunft der Vögel führen sie zu unterschiedlichen Winterquartieren. Dabei lassen sich drei große europäische Zugwege unterscheiden.

  1. Der westeuropäische Zugweg: Viele Kraniche aus Skandinavien, Mitteleuropa und Teilen des Baltikums ziehen über Deutschland nach Frankreich und Spanien. Dort verbringen sie den Winter, während ein Teil weiter nach Nordafrika fliegt.

  2. Der baltisch-ungarische Zugweg: Zahlreiche Vögel aus Finnland und Estland ziehen zunächst südwärts zu den großen Rastgebieten in Ungarn und im nördlichen Serbien. Von dort geht es für viele über Italien nach Nordafrika. Andere schwenken nach Westen und erreichen über den Alpenraum und Norditalien Südfrankreich oder Spanien.

  3. Der osteuropäische Zugweg: Kraniche aus weiter östlich gelegenen Brutgebieten ziehen über den Schwarzmeerraum und die Türkei nach Israel. Viele setzen ihre Reise bis nach Ostafrika fort, vor allem nach Äthiopien.

Diese Wege sind keine starren Flugstraßen. Sie überschneiden sich, und die Vögel können unterschiedliche Verbindungen nutzen.


Die Zugwege bilden ein verzweigtes Netz, in dem sich verschiedene Routen verbinden und überschneiden. Die eingezeichneten Rastgebiete sind wichtige Stationen zwischen Brutrevier und Winterquartier. Die Linien zeigen großräumige Zugkorridore, keine festgelegten Flugbahnen. Karte © NABU/Kranichzentrum, via Zukunft Region Neusiedler See. Quelle: https://zukunftsee.at/
Die Zugwege bilden ein verzweigtes Netz, in dem sich verschiedene Routen verbinden und überschneiden. Die eingezeichneten Rastgebiete sind wichtige Stationen zwischen Brutrevier und Winterquartier. Die Linien zeigen großräumige Zugkorridore, keine festgelegten Flugbahnen. Karte © NABU/Kranichzentrum, via Zukunft Region Neusiedler See. Quelle: https://zukunftsee.at/



Über unseren Köpfen. Warum immer mehr Kraniche Österreich überqueren

Der große Kranichzug über Österreich ist in seiner heutigen Ausprägung ein vergleichsweise junges Naturschauspiel. Seit den frühen 2000er-Jahren werden hier zunehmend große Trupps beobachtet.


Viele dieser Vögel kommen aus der Hortobágy-Puszta in Ostungarn, einem bedeutenden Rastgebiet. Von dort wenden sie sich nach Westen und erreichen den nordburgenländischen Seewinkel. Rund um den Neusiedler See hat sich inzwischen ebenfalls ein wichtiger Rastplatz entwickelt.


Der Seewinkel am Ostufer des Neusiedler Sees ist ein wichtiger Zwischenhalt auf der herbstlichen Reise der Kraniche. Viele erreichen das Burgenland aus der Hortobágy-Puszta in Ostungarn und bleiben nur wenige Tage, bevor sie Richtung Süden oder Westen weiterziehen. Starker Gegenwind kann ihren Aufenthalt verlängern. Besonders wertvoll sind seicht überflutete Wiesen, auf denen die Vögel geschützte Schlafplätze finden. Wie gut sich das Gebiet zur Rast eignet, hängt deshalb auch vom Wasserstand ab. Im Oktober 2025 wurden hier zeitweise rund 9.000 Kraniche gezählt, während trockene Bereiche wie die Lange Lacke als Rastgewässer ausfielen. Nur ein kleiner Teil bleibt über den Winter am See. Die meisten setzen ihre Reise fort und hinterlassen neben dem eindrucksvollen Bild großer Vogelscharen eine weithin hörbare Kulisse trompetender Rufe. Quelle:
Der Seewinkel am Ostufer des Neusiedler Sees ist ein wichtiger Zwischenhalt auf der herbstlichen Reise der Kraniche. Viele erreichen das Burgenland aus der Hortobágy-Puszta in Ostungarn und bleiben nur wenige Tage, bevor sie Richtung Süden oder Westen weiterziehen. Starker Gegenwind kann ihren Aufenthalt verlängern. Besonders wertvoll sind seicht überflutete Wiesen, auf denen die Vögel geschützte Schlafplätze finden. Wie gut sich das Gebiet zur Rast eignet, hängt deshalb auch vom Wasserstand ab. Im Oktober 2025 wurden hier zeitweise rund 9.000 Kraniche gezählt, während trockene Bereiche wie die Lange Lacke als Rastgewässer ausfielen. Nur ein kleiner Teil bleibt über den Winter am See. Die meisten setzen ihre Reise fort und hinterlassen neben dem eindrucksvollen Bild großer Vogelscharen eine weithin hörbare Kulisse trompetender Rufe. Quelle:

Danach teilt sich der Weiterflug in zwei Hauptachsen. Ein Teil zieht nördlich der Alpen Richtung Deutschland und anschließend weiter nach Südwesten. Andere Trupps überqueren die östlichen Randalpen und ziehen über Niederösterreich und die Steiermark nach Kärnten. Dabei werden auch große Täler wie das Mürztal genutzt. Im Klagenfurter Becken lassen sich ebenfalls regelmäßig eindrucksvolle Durchzüge beobachten.

Der Weg führt also keineswegs ausschließlich südlich am Alpenhauptkamm entlang. Auch Alpenpässe und Täler werden überflogen, während die höchsten Gebirgsregionen offenbar überwiegend umgangen werden.





Mythos und Brauchtum. Was der Kranich den Menschen erzählt

Die Schönheit der Kraniche, ihre Balztänze und ihr weithin hörbares Rufen haben die Menschen seit Langem fasziniert. Ihr Kommen und Gehen machte den Wechsel der Jahreszeiten am Himmel sichtbar. So wurden die Vögel zu Trägern von Hoffnungen, Vorzeichen und Geschichten.


In der Antike wurde der Kranich unter anderem mit Apollon, Demeter und Hermes verbunden. Er galt als Sinnbild für Wachsamkeit und Klugheit. Auch in der Wappenkunde begegnet er als Zeichen der Vorsicht und Wachsamkeit.


In China steht der Kranich für Weisheit und ein langes Leben. Er erscheint außerdem in Vorstellungen von Unsterblichkeit und himmlischen Welten. In der Qing-Dynastie kennzeichnete sein Bild die Rangabzeichen der Zivilbeamten des ersten Ranges.


In Japan verbindet sich der Kranich mit Glück und Langlebigkeit. Besonders bekannt ist die Überlieferung, dass das Falten von 1.000 Papierkranichen einen Wunsch erfüllen könne. Durch die Geschichte von Sadako Sasaki erhielten die gefalteten Vögel eine weitere, weltweit verständliche Bedeutung. Sadako hatte den Atombombenabwurf auf Hiroshima als kleines Kind überlebt und erkrankte später an Leukämie. In der Hoffnung auf Genesung faltete sie Papierkraniche. Heute stehen diese auch für Frieden und die Hoffnung auf eine Welt ohne Atomwaffen.


Utagawa Hiroshige, Kranich und Brandung, um 1833. Farbholzschnitt, Japan. The Metropolitan Museum of Art, New York, Inv. JP268. Public Domain.
Utagawa Hiroshige, Kranich und Brandung, um 1833. Farbholzschnitt, Japan. The Metropolitan Museum of Art, New York, Inv. JP268. Public Domain.

Dabei beziehen sich die asiatischen Überlieferungen auf unterschiedliche Kranicharten. Sie erzählen von einer ganzen Vogelfamilie, deren Erscheinung die Menschen in verschiedenen Weltregionen beeindruckt hat.




Wetterzeichen, Hochzeitsboten und nächtliche Wächter

Auch im europäischen Volksglauben wurde der Flug der Kraniche aufmerksam beobachtet. Der von mir herangezogene Eintrag im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens versammelt dazu bemerkenswerte Überlieferungen.


Hoch am Himmel fliegende Kraniche sollten schönes Wetter ankündigen. Umkreisten sie mit ihren Rufen ein Haus, wurde dies als Zeichen für eine bevorstehende Hochzeit gedeutet.

Verbreitet war zudem die Vorstellung, dass eine rastende Kranichschar für die Nacht einen Wächter aufstellt. Der Vogel wurde damit zum Sinnbild einer Gemeinschaft, die selbst im Schlaf nicht schutzlos bleibt.


Diese Überlieferungen stammen aus unterschiedlichen Regionen. Sie zeigen, wie eng Naturbeobachtung und die Deutung menschlicher Lebensereignisse miteinander verbunden sein konnten.




Augen und Ohren auf im Herbst!

Im Oktober und November lohnt sich der Blick zum Himmel besonders. Bei der österreichischen Auswertung des Herbstzuges 2025 zeigte sich nach einem ersten größeren Durchzug Mitte Oktober ein Höhepunkt in der ersten Novemberwoche. Der genaue Zeitpunkt kann von Jahr zu Jahr variieren.


Wenn ihr das nächste Mal dieses wehmütige, trompetende Rufen über unseren Wäldern und Hügeln hört, haltet einen Moment inne. Vielleicht ziehen gerade Hunderte Kraniche über euch hinweg. Mit ihnen wandern auch die Geschichten weiter, die Menschen seit Generationen mit diesen Vögeln verbinden.




Habt ihr dieses Jahr schon Kraniche am Himmel entdeckt?




Quellen

Nature Gallery: Kranich. Online

Landesbund für Vogel- und Naturschutz in Bayern (LBV): Kraniche über Bayern. Online

Zukunft Region Neusiedler See: Kraniche am Neusiedler See. Online

Niederösterreichische Nachrichten (NÖN): Kraniche machen Zwischenstopp am Neusiedler See. Online

Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.), unter Mitwirkung von Eduard Hoffmann-Krayer (1932): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 5: Knoblauch–Matthias. Berlin und Leipzig: Walter de Gruyter. Stichwort „Kranich“, Sp. 376–377.



 
 
 

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