Gewebe und Gewichte. Textilhandwerk in St. Barbara-Mitterdorf
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Teil 1 der Reihe über die späthallstattzeitliche Siedlung von St. Barbara-Mitterdorf im Mürztal
Mitterdorf führt uns auf eine neue Spur der Hallstattzeit: weg von Fürstengräbern und Waffen, hin zu Webstuhl, Frauenarbeit, Tracht und Alltag. Im Mittelpunkt steht ein Haus, das durch Brand zerstört wurde, während darin offenbar noch ein Stoff auf dem Webstuhl lag. Die Webgewichte, Markierungen, Spielsteine und Werkzeuge zeigen, wie viel Wissen in diesem Handwerk steckte. Es geht um Stoffe, die getragen, getauscht, gefärbt und vielleicht auch als Zeichen von Herkunft und Identität verstanden wurden. Teil 1 folgt daher den Fäden von Mitterdorf: vom Webstuhl im verbrannten Haus bis zur großen textilen Welt der Hallstattzeit.

Im einleitenden Beitrag dieser Reihe wurde der Ort vorgestellt: eine späthallstattzeitliche Talbodensiedlung am südwestlichen Ortsrand von Mitterdorf, entdeckt durch geomagnetische Prospektion der GeoSphere Austria und im Dezember 2023 in einer kurzen Feststellungsgrabung erstmals untersucht. Dass dieser Platz überhaupt in den Fokus rückte, ist wesentlich der Initiative Günter Singers zu verdanken. Als jemand, der in den Bergen dieser Gegend aufgewachsen ist, verbindet er genaue Ortskenntnis mit intensiver Beschäftigung mit den eisenzeitlichen Spuren des Mürztals. Im Gespräch beschrieb er, dass ihn die Verbindung aus Geländeerfahrung, Literaturrecherche und wiederholter Beobachtung zu dem Verdacht führte, Mitterdorf könne archäologisch bedeutsam sein. Bereits am Trollkogel zeigte sich, dass solche Einschätzungen nicht ins Leere gingen: Dort wurden rasch entsprechende Funde gemacht. In Mitterdorf führte diese Spur schließlich zu einem Befund von außergewöhnlicher Dichte. Im Zentrum stand ein Haus, das durch Brand zerstört worden war; darin befand sich ein Webstuhl, an dem offenbar noch gearbeitet wurde.
Genau dieser Befund bildet den Ausgangspunkt für den ersten Teil der Reihe, denn ein Webstuhl mit etwa zwanzig Webgewichten, daneben ein Brandschuttkomplex mit Keramik, Hüttenlehm und einem mutmaßlichen Mondidol-Fragment, ist eine seltene Konstellation, die einen ungewöhnlich konkreten Blick auf das Textilhandwerk der Späthallstattzeit eröffnet.
Bevor der Befund selbst zur Sprache kommt, lohnt eine kurze geografische und zeitliche Einordnung. Wo lag dieses Mitterdorf eigentlich im damaligen Europa, und in welche Phase der Hallstattzeit gehört der Webstuhl?

Das Mürztal als Durchgangslandschaft
Mitterdorf liegt auf etwa 670 Meter Seehöhe im mittleren Mürztal im Übergangsbereich zwischen den Mürzsteger Alpen im Norden und der Fischbacher Alpen im Süden. Die Mürz, ein rechter Nebenfluss der Mur, hat hier einen breiten, alluvialen Talboden geschaffen, der seit der späten Bronzezeit landwirtschaftlich nutzbar war. Die Fundstelle selbst liegt am südwestlichen Ortsrand auf diesem Talboden, etwa 600 Meter vom heutigen Mürzlauf entfernt und rund einen Kilometer nordwestlich der Einmündung des Veitschbachs in die Mürz (Karl et al. 2024).
Diese Lage ist verkehrsgeografisch alles andere als zufällig. Karl, Löcker, Wallner und Mitautorinnen formulieren sie in ihrem Grabungsbericht als Knotenpunkt, „an dem sich die Wege ins obere niederösterreichische Donautal über die Veitsch und Mariazell und über den Semmering ins südöstliche Niederösterreich und weiter nach Ungarn trennen“ (Karl et al. 2024). Wer von Süden, also aus dem Grazer Becken kommend, durch das Mürztal zog, hatte am Ausgang des Veitschgrabens die Wahl: entweder weiter nach Nordosten über den Semmering ins Wiener Neustädter Feld und in den oststeirisch-niederösterreichischen Raum, oder nach Nordwesten über die Veitsch, den Mariazeller Raum, den Ötscher und die Erlauf ins westliche niederösterreichische Donautal. Genau an dieser Weggabelung, in Sichtweite zum Veitschgraben, liegt die Siedlung.

Etwa zwei Kilometer nordwestlich der Fundstelle, direkt westlich über dem Ausgang des Veitschgrabens, erhebt sich der Trollkogel, auf dem eine bislang weder verifizierte noch datierte mögliche Wallanlage liegt (Karl et al. 2024). Östlich und südlich begleiten der Wartbergkogel und der Karnerkogel das Tal, beide im 16. Jahrhundert für die Steirische Kreidfeuerordnung als Signalberge belegt (vergleiche dazu der Beitrag zur Einleitung der Reihe und Steininger 1973 zum Wartbergkogel 1532 bis 1696). Wer das Mürztal in der Eisenzeit kontrollierte, kontrollierte einen Engpass im südostalpinen Wegenetz.
Dass diese verkehrsgeografische Schlüssellage so lange archäologisch im Schatten lag, hat einen einfachen Grund: das Mürztal galt jahrzehntelang als „archäologisch schwache Gegend, meinte man immer schon“, wie Bernhard Hebert (BDA) im Vorwort zu Fuchs 2017 mit Blick auf den Semmeringraum formuliert. Bereits Walter Modrijan hatte 1976 mit Blick auf den Bezirk Hartberg festgehalten, dass die Forschungslücke nicht primär eine Fundlücke sei, sondern Folge eines „notorischen Notstands an Personal, Geld und technischen Hilfsmitteln“ (Modrijan 1976). Erst die magnetische Prospektion und die in den letzten Jahren durchgeführten Grabungen, in Mitterdorf wie zuvor schon am Ringkogel bei Hartberg, beginnen, diese Lücke gezielt zu schließen.
Die Hallstattzeit als chronologisches Gerüst
Der Befund von Mitterdorf gehört in jenen Abschnitt der mitteleuropäischen Vorgeschichte, der nach dem Gräberfeld von Hallstatt im oberösterreichischen Salzkammergut benannt ist und üblicherweise in vier Stufen Ha A bis Ha D gegliedert wird. Die Stufen Ha A (etwa 1200 bis 1050 v. Chr.) und Ha B (etwa 1050 bis 800 v. Chr.) gehören noch zur späten Bronzezeit und werden in Mitteleuropa als jüngere und späte Urnenfelderzeit bezeichnet. Mit Ha C (etwa 800 bis 620 v. Chr.) beginnt die ältere Eisenzeit, mit Ha D (etwa 620 bis 450 v. Chr.) folgt die jüngere oder späte Hallstattzeit, an die wiederum die latènezeitliche Phase anschließt (vergleiche zur Chronologie zusammenfassend Grömer 2010).
Mitterdorf gehört nach den bisherigen Befunden eindeutig in die späte Hallstattzeit, also Ha D, etwa 620 bis 450 v. Chr. (Karl et al. 2024). Der Datierungsanker dafür ist ein eisernes Griffdornmesser mit konkav geschwungener Klinge, das im Pflughorizont unmittelbar oberhalb des Webstuhlbefundes lag und sich aufgrund seiner Form klar in Ha D einordnen lässt. Die Keramikfunde aus der benachbarten Brandschuttgrube, von denen mindestens dreizehn Gefäße fragmentarisch zu fassen sind, fügen sich in das spätbronze- bis späthallstattzeitliche Spektrum, das aus dem weiteren Umfeld bekannt ist (vergleiche Geigenberger 2008, Schneidhofer 2010, Heymans 2014, jeweils zitiert nach Karl et al. 2024).

Wichtig für das Verständnis ist, dass die Späthallstattzeit nicht isoliert dasteht. Sie folgt unmittelbar auf die Urnenfelderkultur, in der nach Bender Jørgensen in der Webtechnik der Übergang zur Köperbindung als textiltechnische Innovation in Mitteleuropa fällt. Bei dieser Bindung verläuft der Schussfaden nicht einfach abwechselnd über und unter einem Kettfaden wie bei der Leinwandbindung, sondern versetzt über mehrere Kettfäden hinweg. Dadurch entsteht die typische diagonale Struktur des Köpers, die festere, zugleich aber beweglichere und oft dichter wirkende Gewebe ermöglicht. Genau diese Bindungsfamilie erlebt in der Hallstattzeit mit Varianten wie Fischgrat- und Rautenköper ihre volle Entfaltung (Bergerbrant 2007, S. 46 ff.; Grömer 2014, S. 320). Mitterdorf liegt damit chronologisch am Ende eines langen mitteleuropäischen Entwicklungsstrangs des Textilhandwerks und nicht an dessen Anfang.
Der Webstuhlbefund im Detail
Eine Vorbemerkung ist hier nötig. Textilien selbst sind in archäologischen Befunden Mitteleuropas eine Ausnahmeerscheinung. Wolle, Leinen, Holz und alle anderen organischen Bestandteile eines Webstuhls vergehen unter normalen Bodenbedingungen innerhalb weniger Jahre durch mikrobiellen Abbau (Grömer 2014, S. 319 mit Verweis auf Grömer 2010, S. 40 f.). Was im Boden bleibt, sind die haltbaren Teile des Arbeitsprozesses: tönerne Webgewichte, Spinnwirtel und gelegentlich Bodenverfärbungen, die die Standspuren eines Rahmens markieren. Die mehreren hundert Gewebereste aus dem Salzbergwerk Hallstatt, von denen weiter unten noch ausführlicher die Rede sein wird, sind nur deshalb erhalten geblieben, weil die konservierende Wirkung des Salzes die mikrobielle Zersetzung verhindert. Im Mürztal liegen diese Bedingungen nicht vor. Der Mitterdorfer Befund bewahrt nicht den Stoff selbst, sondern die Werkstatt: die Gewichte in ihrer Lage, die Schlitzgrube, in der sie hingen, und die Brandschicht, die alles zusammen einsiegelte. Genau diese Konstellation, ein Werkstattbefund in Bespannungslage, ist das, was für die steirische Hallstattzeit bislang gefehlt hat.
Schon beim Abtrag des Humusbodens in Schnitt 2 stieß das Team auf ein eisernes Messer (Inventar Δ3) sowie auf eine mit verziegeltem Lehm durchsetzte Verfüllung, die sich nach Reinigung als Schlitzgrube herausstellte. Eine Schlitzgrube ist in der Archäologie eine schmale, längliche, in den Boden eingetiefte Grube. Der Name beschreibt zuerst einmal die Form: schlitzartig, also länger als breit und meist relativ schmal.
Die genaue Funktion hängt stark vom Befundzusammenhang ab. Schlitzgruben können zum Beispiel mit Pfosten- oder Wandkonstruktionen, Gräbchen für Einbauten, Arbeitsgruben, Entwässerung, Abfallentsorgung oder bestimmten handwerklichen Tätigkeiten zusammenhängen. Ohne Lage, Größe, Füllung und Fundmaterial lässt sich die Funktion nicht sicher bestimmen.
Diese Schlitzgrube, etwa 1,5 Meter lang und 0,5 Meter breit, war an den Längs- und Schmalseiten teilweise mit Steinen eingefasst. In ihr lagen rund zwanzig ganz oder fragmentarisch erhaltene Webgewichte aus gebranntem Lehm, dazu Holzkohle, verziegelte Lehmstücke und einzelne Kleinfunde (Karl et al. 2024).
Helga Rösel-Mautendorfer, die mit Karina Grömer und Hans Reschreiter den Sammelband „Textiles from Hallstatt“ 2013 herausgegeben hat und dort das Kapitel zur Nähtechnik beigesteuert hat (Grömer, Kern, Reschreiter, Rösel-Mautendorfer 2013), zeichnet im Grabungsbericht das textilarchäologische Bild des Befundes. Sie beschreibt einen Senkrechtwebstuhl mit zwei Schäften beziehungsweise Fächern. Aus der Anordnung und Anzahl der Gewichte schließt sie auf eine Bespannung in Leinenbindung oder einer Leinenbindungsvariante wie Panama, Halbpanama oder Rips. Die Stoffbahn, an der gerade gearbeitet wurde, war etwa 1,5 Meter breit. Beim Brand des Hauses fielen die noch in Bespannungslage hängenden Gewichte gemeinsam mit den verkohlten Resten des Webstuhlrahmens in die Schlitzgrube und wurden dort sekundär verziegelt (Karl et al. 2024).

Der Senkrechtwebstuhl, auch Gewichtswebstuhl genannt, ist seit dem Neolithikum in Mitteleuropa belegt und bleibt die zentrale Webtechnologie bis weit ins Frühmittelalter. Auf einem hölzernen Rahmen wird die Kettfadenschar von oben gespannt und mit Tongewichten beschwert, durch das so entstehende Fach werden Schuss für Schuss die Querfäden eingetragen. Die Sopron-Darstellung auf einem hallstattzeitlichen Kegelhalsgefäß aus Westungarn zeigt die Arbeit an einem solchen Webstuhl figürlich (Grömer 2014, S. 322 mit Abb. 5). Für das südostalpine Gebiet, in dem auch Mitterdorf liegt, ist diese Webstuhlform die Norm.

Was kann aus den Gewichten gelesen werden
Die Mitterdorfer Webgewichte sind pyramidenstumpfförmig, also mit quadratischer Grund- und Kopffläche und sich nach oben verjüngender Form. Ihre Magerung besteht aus kleinen Steinchen und organischem Material, ihre Oberflächen weisen die typischen sekundären Brandspuren auf, die beim Hausbrand entstanden (Karl et al. 2024).
Rösel-Mautendorfer hat die Gewichte nach Masse und Größe vermessen und kommt zu einem klaren Befund: Drei Gewichtsklassen lassen sich unterscheiden, leichtere zwischen 400 und 600 Gramm, mittlere zwischen 700 und 800 Gramm und schwerere zwischen 1000 und 1200 Gramm. Das vollständig erhaltene Exemplar Δ4 wiegt 499 Gramm bei elf Zentimeter Höhe, das nahezu komplette Stück Δ40 ursprünglich rund 800 Gramm bei 14,5 Zentimeter Höhe, und Δ42 dürfte ursprünglich rund 1200 Gramm gewogen haben (Karl et al. 2024).
Diese Spannweite ist textiltechnisch bedeutsam. Unterschiedlich schwere Gewichte erzeugen unterschiedliche Zugkraft am Kettfaden, was bei einem gleichmäßigen Gewebe normalerweise zu vermeiden ist. Rösel-Mautendorfer schlägt daher eine pragmatische Erklärung vor: die schwereren Gewichte könnten mit Bodenkontakt aufgehängt und gekippt worden sein, sodass nur ein Teil ihres Gewichts effektiv am Faden zog. Auf diese Weise ließe sich ein gleichmäßiges Gewebe trotz unterschiedlicher Gewichtsmassen erzielen. Hinweise auf einen separat gelagerten Bestand an Ersatzgewichten gibt es nicht; die Gewichte wurden also offenbar alle gleichzeitig im selben Webstuhl verwendet (Karl et al. 2024).
Dass diese Spannweite überhaupt geplant berücksichtigt werden musste, verweist auf das technische Wissen, das hinter dem Werkzeug stand. Experimentalarchäologische Versuche zur eisenzeitlichen Weberei haben gezeigt, dass die Zugkraft pro Kettfaden ein präziser Faktor ist. Zu viel Spannung lässt Fäden reißen, zu wenig Zug erzeugt ein ungleichmäßiges Gewebe (Grömer 2010, S. 130 ff.). Schmälere und leichtere eisenzeitliche Gewichte erlauben zudem dichter aneinander hängende Kettfäden und damit feinere, dichtere Stoffe, wie sie aus den hallstattzeitlichen Hallstätter Befunden in großer Zahl belegt sind (Grömer 2010; Grömer 2014, S. 320). Ein Webgewicht ist in diesem Sinn kein beliebiger Tonklumpen, sondern ein präzises Werkzeug, dessen Masse und Form auf die geplante Fadenstärke, die Stoffbreite und die Bindungsart abgestimmt sein müssen. Wer in Mitterdorf am Webstuhl arbeitete, verfügte über entsprechendes Erfahrungswissen: über Faserqualitäten, Drehrichtung der Garne, Fadenspannung, Bindungsmuster und Verarbeitung.
Die Tragfähigkeit dieser Beobachtungen stützt sich auf eine breitere Vergleichsbasis aus der Forschung zu römischen Webwerkstätten in Noricum. Kordula Gostenčnik nennt in ihrer Übersicht zur Textilproduktion in der römischen Provinz als experimentell etablierten Richtwert rund 20 Gramm Zugkraft pro Kettfaden, sodass sich aus in-situ-Reihen die Stoffbreite und die Qualität des Gewebes rekonstruieren lassen (Gostenčnik 2014, S. 71 mit Verweis auf Mårtensson u. a. 2006a). Sie weist außerdem darauf hin, dass auch an einem einzigen Webstuhl unterschiedliche Gewichtstypen koexistieren konnten. Der in-situ-Webstuhlbefund aus der Linzer Altstadt, datiert zwischen dem 1. und der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr., zeigt zwei Reihen aus kegelstumpfartigen und pyramidenförmigen Webgewichten nebeneinander am selben Webstuhl (Gostenčnik 2014, S. 71 f. mit Verweis auf Karnitsch 1962). Die Mitterdorfer Beobachtung, dass leichtere und schwerere Gewichte gemeinsam in einem Werkzeug verwendet wurden, hat damit eine über mehrere Jahrhunderte stabile Parallele im südlichen Mitteleuropa. Auch die Gewichtsspanne am Magdalensberg, wo Gostenčnik 193 Webgewichte zwischen 95 Gramm und 1,40 Kilogramm dokumentiert (S. 83), deckt die Mitterdorfer Klassen von 400 bis 1200 Gramm vollständig ab.

Mindestens ebenso interessant wie die Massen sind die Verzierungen, siehe oben. Auf den Köpfen und Seiten der Gewichte finden sich Eindrücke, die offenbar bewusst gesetzt wurden: mittige, durch Fingerdruck erzeugte Dellen (Δ23, Δ24, Δ39, Δ44, Δ53, Δ54, Δ76), eine mittige tiefe Delle (Δ48), eine tiefe Delle mit kreuzförmiger Einkerbung (Δ42), eine kreuzförmige Einkerbung ohne Delle (Δ40), in einem Fall (Δ42) zusätzlich eine sieben Zentimeter lange Längsrille an einer Seitenfläche, in einem weiteren Fall (Δ39) eine lineare Einkerbung an der Kante zwischen zwei Seitenflächen (Karl et al. 2024).
Besonders auffällig ist das Stück Δ41. Auf seiner Bodenfläche, also der Seite, die im Webstuhl nach unten zeigte und im Gebrauch nicht sichtbar war, befinden sich mehrere parallele und sich teils überkreuzende Linien, die nach Karl et al. 2024 wahrscheinlich intentional eingeritzt wurden. Eine Markierung der Gewichtsmasse scheidet als Erklärung aus, weil die Verzierungen nicht mit den Gewichtsklassen korrelieren. Damit ist jedoch nicht gesagt, dass diese Zeichen rein dekorativ oder symbolisch gemeint waren.
Naheliegender ist zunächst ein praktischer Bezug zum Arbeitsprozess. Die Eindrücke und Ritzungen könnten geholfen haben, einzelne Gewichte im Webstuhl zu unterscheiden, bestimmten Fadengruppen zuzuordnen oder beim Einrichten des Gewebes die Reihenfolge der Gewichte zu kontrollieren. Gerade bei wechselnden Lichtverhältnissen im Haus, bei Rauch, Schatten oder halbfertigem Gewebe konnten tastbare oder sichtbare Markierungen eine einfache Orientierungshilfe gewesen sein. Auch ein Zusammenhang mit bestimmten Webtechniken, Randpartien, Fadenstärken oder Musterabschnitten ist denkbar. Die Zeichen würden dann weniger eine verborgene Botschaft als vielmehr Werkstattlogik zeigen: kleine, praktische Markierungen, die den Umgang mit einem komplexen Arbeitsgerät erleichterten.
Gerade bei einem größeren Gewebe war das nicht nebensächlich. Unterschiedliche Fadenbündel, Randbereiche oder Musterzonen konnten verschiedene Behandlung verlangen. Auch beim Nachspannen, Umhängen oder Korrigieren der Kette war es hilfreich, Gewichte nicht nur nach Form und Größe, sondern auch nach markierten Gruppen unterscheiden zu können. Dass einige Markierungen an wenig sichtbaren Stellen sitzen, spricht nicht gegen eine praktische Funktion. Sie mussten möglicherweise nicht während des Webens sichtbar sein, sondern vor allem beim Einrichten, Ablegen, Wiederaufnehmen oder Sortieren der Gewichte erkennbar bleiben. Die Markierungen wären dann keine rätselhaften Zeichen, sondern Spuren einer Arbeitsorganisation am Webstuhl.
In den Lochungen mehrerer Gewichte fanden sich leichte Abdrücke, die wahrscheinlich von dünnen Fäden stammen (Karl et al. 2024). Damit ist erstmals für Mitterdorf konkret nachgewiesen, dass die Gewichte tatsächlich am Faden hingen, nicht bloß irgendwo lagerten.
Markierungen auf Webgewichten sind im südlichen Mitteleuropa keine isolierte Erscheinung. Aus der römischen Villa von Srejach in Kärnten, der Villa von Schönering in Oberösterreich und aus Flavia Solva in der Steiermark sind ebenfalls Webgewichte mit eingeritzten oder eingedrückten Zeichen dokumentiert (Gostenčnik 2014, S. 90 f. mit Abb. 60; Wedenig 2008). Die Mitterdorfer Verzierungen reihen sich damit in eine im ostalpinen Raum über die gesamte Eisenzeit und römische Kaiserzeit hinweg gepflegte Praxis, einzelne Webgewichte individuell zu kennzeichnen.
Werkzeug in der Nähe des Webstuhls
Zwei weitere Funde aus dem unmittelbaren Webstuhlbereich verdienen besondere Aufmerksamkeit. Das schon erwähnte eiserne Griffdornmesser mit konkav geschwungener Klinge (Δ3) lag direkt oberhalb des obersten Webgewichts und wurde noch vor dem Baggerabhub mit dem Metalldetektor lokalisiert (Karl et al. 2024). Es datiert sich typologisch in Ha D und bildet damit, wie eingangs angesprochen, den zentralen chronologischen Anker für den gesamten Befund. Rösel-Mautendorfer hält es für möglich, dass das Messer zum Abschneiden der Fäden im Arbeitsprozess diente. Diese Funktion ist für hallstattzeitliche Webstühle plausibel, aber bislang archäologisch selten zu fassen. Alternativ könnte es auch ein Rasiermesser Typ Griffdornmesser sein.

Im Bereich des Webstuhls lagen außerdem zwei kleine Spielsteine mit jeweils zwei Zentimeter Durchmesser (Δ33 und Δ63). Rösel-Mautendorfer bringt sie vorsichtig mit dem Arbeitsprozess in Verbindung, ohne eine konkrete Funktion festzuschreiben (Karl et al. 2024). Spielsteine im Werkstattbereich sind aus eisenzeitlichen Kontexten in unterschiedlicher Form bekannt, ihre Deutung schwankt zwischen Spielzeug, Webgerät und Zählmarke. Die räumliche Nähe zum Webstuhl macht eine textile Funktion zumindest denkbar. Solche kleinen Stücke könnten als Zähl- oder Arbeitsmarken gedient haben, etwa beim Einrichten der Kette, beim Ordnen von Fadengruppen oder beim Kontrollieren eines Musterrapports. Besonders bei komplexeren Bindungen mussten Arbeitsschritte, Fadengruppen und Wiederholungen im Gewebe zuverlässig überblickt werden. Die Stücke wären dann weniger Spielzeug als einfache Hilfsmittel einer praktischen Werkstattlogik. Sicher beweisen lässt sich das nicht; doch im Kontext des Webstuhls ist eine Funktion als Markierung, Zählhilfe oder Ordnungszeichen naheliegend.

Vom Faden zum Gewebe
Bevor an einem Webstuhl gewebt werden konnte, mussten die Fasern, ob Wolle oder Flachs, gereinigt, gekämmt und versponnen werden. Das Werkzeug für diesen Arbeitsschritt war die Handspindel, ein einfacher Stab mit einem aufgesteckten Gewicht, dem Spinnwirtel. Der Wirtel hielt die Spindel in Drehung und half dabei, die Fasern gleichmäßig zu verdrillen. Spindeln sind in Mitteleuropa seit der Jungsteinzeit, also seit etwa 7500 Jahren, in Gebrauch und bleiben bis ins Spätmittelalter das zentrale Werkzeug der Garnherstellung (Grömer 2010, S. 79 ff.).

Anders als der ortsfeste Webstuhl ließ sich das Spinnen überall verrichten, im Sitzen, im Stehen, beim Hüten, am Feuer. Diese Beweglichkeit erklärt, warum Spinnwirtel in eisenzeitlichen Siedlungen häufig und über das ganze Wohnareal verstreut auftreten, während Webgewichte fast immer im engeren Bereich eines festen Webplatzes konzentriert liegen (Grömer 2014, S. 323). Aus dem 2023 untersuchten Webstuhlbefund von Mitterdorf sind bislang keine Spinnwirtel veröffentlicht, wohl aber die beiden kleinen Spielsteine aus dem Bereich des Webstuhls. Bei der Folgegrabung 2024 kamen im weiteren Fundareal mehrere Spinnwirtel hinzu. Einer davon ist verziert und steht wegen möglicher Schriftzeichen im Mittelpunkt des zweiten Teils dieser Reihe. Schon an dieser Stelle ist aber festzuhalten, dass Webgewichte und Spinnwirtel zusammengehören. Sie bezeugen einen vollständigen Arbeitsablauf von der Faser zum Faden, vom Faden zum Garn, vom Garn zur Stoffbahn.
Der Webstuhl als Arbeitsplatz
Der Gewichtswebstuhl brauchte viel Platz. Ein senkrechter Rahmen mit einer Spannweite von 1,5 Meter, davorgelagerte Gewichte am Boden und Bewegungsraum für die webende Person ergeben einen Werkstattbereich von mehreren Quadratmetern. Anders als die Spindel, die sich überall mitnehmen ließ, war der Webstuhl ortsfest. Er prägte einen Bereich des Hauses oder einer eigenen Werkstatt und band Arbeit, Material und Lagerung an einen bestimmten Ort.
Dass der Mitterdorfer Webstuhl in einem Brandhorizont liegt, macht ihn als Befund noch wertvoller. Eine Werkstatt, die nach Arbeitsende ordentlich aufgeräumt wurde, hinterlässt kaum Spuren. Ein Webplatz hingegen, der während des Gebrauchs durch Feuer zerstört wird, friert einen Moment ein. Die Gewichte fielen dorthin, wo sie zuletzt hingen. Die Stoffbahn verbrannte mit dem Rahmen. Das Griffdornmesser, das vielleicht gerade zum Abschneiden der Fäden gebraucht wurde, blieb mit den Gewichten zusammen liegen. Der Brand, der das Haus zerstörte, hat damit zugleich einen Arbeitsmoment der Späthallstattzeit konserviert, der unter normalen Bedingungen vollständig verloren gegangen wäre.
Der Brand und was er uns bewahrt hat
Das Haus, in dem dieser Webstuhl stand, fiel, wie gesagt, einem Brand zum Opfer. Karl et al. 2024 rekonstruieren den Verlauf wie folgt: Das Gebäude war in Holzkonstruktion mit lehmverschmierten Flechtwerkwänden errichtet. Während es noch genutzt wurde, geriet es in Brand und brannte mit seinem gesamten Inventar nieder, darunter der Webstuhl mitsamt Stoffbahn, Hausrat und vermutlich auch einer verzierten Lehmplastik. Nach dem Brand entsorgten die Bewohnenden den Schutt direkt neben der Brandruine in einer seichten Grube. Das spricht dafür, dass sie den Brand wenigstens teilweise überlebt haben und den Ort weiter besiedeln wollten oder dies auch tatsächlich taten.
Diese Brandschuttgrube wurde in Schnitt 3 angetroffen. Sie ist etwa 1,75 mal 1,75 Meter groß und enthält zwei aufeinanderfolgende Verfüllungen (SE 6 und SE 7) mit unterschiedlichem, aber jeweils stark verbranntem Material. In den beiden Verfüllungen lagen Reste von mindestens dreizehn Gefäßen, dazu Eisenfragmente, ein kleiner Eisennagel (Δ26), zahlreiche Stücke Hüttenlehm mit Stab- und Flechtwerkabdrücken sowie eine Gruppe ungewöhnlich fein verzierter, hüttenlehmartiger Fragmente, die wohl von einem plastisch gestalteten Gegenstand stammen (Karl et al. 2024).
Keramikfragmente aus der Brandschuttgrube der späthallstattzeitlichen Siedlung von Mitterdorf. Die Scherben stammen aus den beiden Verfüllungen SE 6 und SE 7, in denen stark verbranntes Material, Hüttenlehm, Holzkohle und Reste von mindestens dreizehn Gefäßen dokumentiert wurden. Sie gehören zum Brandschutt jenes Hauses, in dem auch der Webstuhl niederbrannte, und zeigen den häuslichen Kontext des Befundes: Keramik, Feuer, Wandmaterial und Arbeitsgerät lagen nach dem Brand gemeinsam im Boden. Quelle: Karl et al. 2024, Abb. 22–23.
Aus Schnitt 2 stammt ein weiteres bemerkenswertes Stück: ein kleines Fragment gebrannter Keramik, mit linear angebrachten Stäbchenabdrücken verziert, bei dem es sich nach Karl et al. 2024 um ein Füßchen eines Mondidols, auch Feuerbock genannt, handeln dürfte (Δ62). Mondidole, halbmondförmige Tonobjekte mit zwei kurzen Füßchen und seitlich oft hörnerartig auslaufenden Spitzen, sind aus dem Kreis der Kalenderbergkultur des östlichen Hallstattraums bekannt. Sie werden in der Forschung verschieden gedeutet, von Kultobjekten bis zu Feuerbockzubehör, und sind in der Steiermark unter anderem aus Bärnbach, Fötzberg bei St. Margarethen an der Raab, Königsberg bei Tieschen und vom Ringkogel belegt (Matzerath 2009, vergleiche dazu auch den Hartberg-Beitrag dieser Website). Sollte sich die Deutung des Mitterdorfer Fragments bestätigen, wäre damit ein eigener Kalenderberg-Bezug für die Siedlung gesichert, der unabhängig von der reinen Keramiktypologie funktioniert.

Sollte sich die Deutung des Mitterdorfer Fragments bestätigen, wäre damit ein eigener Kalenderberg-Bezug für die Siedlung gesichert, der unabhängig von der reinen Keramiktypologie funktioniert.

Zugleich führt dieses Stück unmittelbar in den Bereich des häuslichen Feuers. Der Feuerbock ist kein bloßes Zierobjekt, sondern in seinem später gut fassbaren Gebrauch ein Herdgerät. Karl Lacher beschreibt in seiner Studie zur altsteirischen Rauchstube Feuerböcke als Geräte des offenen Herdes und verweist zugleich auf prähistorische und römische Vergleichsstücke. In den von ihm abgebildeten Beispielen dienen Feuerböcke dazu, Holzscheite über dem Herdfeuer so zu lagern, dass Luft unter das Brennmaterial treten kann; außerdem konnten sie in bestimmten Formen auch mit Bratspießen verbunden sein (Lacher 1891, S. 138–149). Auch Viktor von Geramb beschreibt für das steirische Bauernhaus den Feuerbock, auch Feuerroß oder Feuerhund genannt, als Herdgerät der Rauchküche: Auf seine Querstange wurden Holzscheite schräg aufgelegt, damit unter dem Holz der nötige Luftzutritt möglich blieb (Geramb 1911).

Für Mitterdorf bedeutet das zwar nicht, dass der Hausbefund bereits als Rauchstube im späteren steirischen Sinn angesprochen werden kann. Der Vergleich zeigt jedoch den engen Zusammenhang von Feuerbock, offenem Herd und häuslichem Arbeitsraum. In Häusern mit offenem Feuer, Rauch im Innenraum und leicht brennbaren Materialien wie Holz, Stroh, Wolle, Flachs, Garn oder Gewebe war Feuer zugleich Grundlage des Alltags und ständiges Risiko. Ein mögliches Feuerbockfragment verweist daher nicht nur auf einen Herdzusammenhang, sondern auch auf die praktische Notwendigkeit, Feuer im Haus zu ordnen und zu kontrollieren.

Auch der verzierte Hüttenlehm aus SE 6 ist ungewöhnlich. Es handelt sich um klein fragmentierte, stark verbrannte Stücke aus etwas feinerem, hüttenlehmartigem Material, intentional mit feinen Ritzungen, Kammstrichen, Dreiecks- und V-Strichmustern und in einem Fall mit einem rautenförmigen Viereck verziert (Δ65 bis Δ73, Karl et al. 2024). Ob das Stück ursprünglich eine vollplastische Figur war oder ein an einer Lehmwand applizierter Reliefschmuck, lässt sich wegen des schlechten Erhaltungszustandes nicht feststellen. Karl et al. 2024 weisen darauf hin, dass plastisch verzierter Hüttenlehm aus hallstattzeitlichen Kontexten zwar bekannt ist (Kmeťová et al. 2010), feine Ritzverzierungen wie hier aber selten sind und in dieser Form sonst vor allem aus Bresto in Bulgarien dokumentiert wurden (Athanassov et al. 2012).
Zwei kleine Detailfunde sollten an dieser Stelle wenigstens erwähnt werden, weil sie das Bild der Siedlung über das reine Textilhandwerk hinaus erweitern. Drei Eisennägel (Δ35, Δ22 und Δ37), von denen einer stratifiziert in der Webstuhl-Schlitzgrube selbst lag, werden von Karl et al. 2024 als möglicherweise zur Radreifenbefestigung oder zum Beschlag eines Wagens gehörig diskutiert. Sollten sich diese Nägel als späthallstattzeitliche Wagenbestandteile bestätigen, was nach Pare 1987 und Egg und Lehnert 1999 typologisch denkbar ist, würde das auf die Anwesenheit eines vierrädrigen Prunkwagens in der Siedlung oder zumindest auf erheblichen Wagenverkehr an dieser Stelle hindeuten. Damit wird die verkehrsgeografische Lage am Knotenpunkt zur Veitsch nicht nur kartografisch, sondern auch materiell greifbar.

Textilhandwerk im eisenzeitlichen Europa
Um die Bedeutung des Mitterdorfer Webstuhls einschätzen zu können, hilft ein Blick auf den größeren Kontext. Das beste Bezugsmaterial dafür liefert der prähistorische Salzbergbau von Hallstatt, an dem aufgrund der konservierenden Wirkung des Salzes eine in dieser Form einzigartige Menge an Textilien aus Bronzezeit und Eisenzeit erhalten geblieben ist.
Aus dem Salzberg Hallstatt liegen heute etwa 700 Gewebereste vor, die einen Zeitraum von der Mittelbronzezeit um 1600 v. Chr. bis über das Ende der Hallstattzeit hinaus abdecken (Grömer 2014, S. 320). Dazu kommen über 600 Textilien aus dem zweiten großen ostalpinen Salzbergwerk, dem Dürrnberg bei Hallein, die zwischen dem 6. und 2. Jahrhundert v. Chr. datieren (Stöllner 2005). Diese beiden Bestände bilden die Grundlage, vor der sich die Mitterdorfer Funde lesen lassen.

Das textilarchäologische Bild der Hallstattzeit ist gegenüber der vorausgehenden Bronzezeit klar unterscheidbar. Während die bronzezeitlichen Textilien aus Hallstatt überwiegend grob, in Leinwandbindung und kaum gemustert sind, treten in der Eisenzeit feinere Stoffqualitäten, komplexere Bindungen und Muster in den Vordergrund (Grömer, Rösel-Mautendorfer, Reschreiter 2013, Kapitel 5). Bindungsvarianten der Hallstattzeit umfassen neben der einfachen Leinwand vor allem Köper in mehreren Spielarten, darunter Fischgrat- und Diamantköper, sowie Übergänge zwischen Panamabindung und Köper. Sogar dreidimensionale Oberflächen mit Schussfadenschlaufen sind belegt (Grömer 2014, S. 320).
Eine für die Hallstattzeit besonders typische Musterungsart bedient sich des optischen Effekts unterschiedlich gedrehter Fäden. Werden vier bis sechs s-gedrehte und vier bis sechs z-gedrehte Fäden abwechselnd verwendet, entsteht ein Ton-in-Ton-Streifenmuster, das nur durch den Lichteinfall auf die unterschiedlich gedrehten Garne sichtbar wird. Diese sogenannten Spinnrichtungsmuster sind nach Bender Jørgensen 1989 vor allem im Osthallstattkreis verbreitet (Grömer 2014, S. 322). Mitterdorf liegt im Osthallstattkreis. Die Stoffe, die auf dem dortigen Webstuhl produziert wurden, dürften sich technisch und stilistisch an diesem ostalpinen Standard orientiert haben.
Auch die Farbenwelt der hallstattzeitlichen Textilien beginnt sich zu öffnen. Farbstoffanalysen an Hallstätter Geweben haben Färberwaid für Blau (Farbstoff Indigotin), verschiedene Pflanzen für kräftiges Rot und Gelb sowie Karminsäure als Insektenfarbstoff nachweisen können (Hofmann-de Keijzer 2010, zitiert nach Grömer 2014, S. 320). Die Karminsäure stammt entweder aus der in Nordeuropa lebenden Polnischen Cochenille oder aus der in Westasien beheimateten Armenischen Cochenille. In beiden Fällen ist von Fernkontakten auszugehen, die ein Färbemittel aus weit entfernten Regionen in die ostalpinen Salzbergwerke brachten. Welche dieser Färbemittel auch die Mitterdorfer Stoffe geprägt haben, lässt sich nicht direkt klären, weil die Stoffbahn selbst beim Brand verbrannte und nur die Gewichte erhalten blieben. Aber die Färbetradition als solche war im Osthallstattkreis verfügbar.

Brettchenweberei mit Borten in Schachbrettmustern, Dreiecken, Mäandern und Rauten ergänzt das technische Repertoire. Diese Borten wurden an einfarbige Stoffe angenäht, um Ränder und Kanten zu akzentuieren (Grömer 2014, S. 322). Wie solche Gewänder ausgesehen haben konnten, zeigen unter anderem die figuralen Darstellungen der Situlenkunst, die zwischen dem 6. und 4. Jahrhundert v. Chr. im Ostalpenraum entstand (Turk 2005, zitiert nach Grömer 2014). Auch das jüngere Beispiel eines abgerissenen Ärmelteils mit angenähter Brettchenwebborte vom Dürrnberg datiert ins 3. Jahrhundert v. Chr. und zeigt die Lebendigkeit dieser Technik in der ostalpinen Eisenzeit (Grömer und Stöllner 2009).

Die Bilderwelt einer Kulturtechnik: Weben
Die textile Arbeit, die in Mitterdorf am Webstuhl verrichtet wurde, hat im Ostalpenraum auch eine eigene Bildtradition. Drei Beispiele genügen, um sie zu umreißen.
Auf einem hallstattzeitlichen Kegelhalsgefäß aus Sopron im westungarischen Burgenland ist eine spinnende und webende Frau dargestellt. Die Szene ist eines der wenigen Beispiele, an denen sich der Arbeitsprozess am Senkrechtwebstuhl bildlich nachvollziehen lässt (Grömer 2014, S. 322 mit Abb. 5; vergleiche dazu Eibner 1980 und Eibner-Persy 1980 zur Kalenderberg-Keramik).
Eine Frauenfigur aus Marburg an der Drau zeigt nach Walter Schmid 1941 ein gefälteltes, langes Gewand mit zickzackverziertem Gürtel, das er als mütterliche Gottheit interpretiert. Schmid spricht in diesem Zusammenhang vom „gesteckten Gewand“ als neuer Trachtform der älteren Eisenzeit (Schmid 1941, Zeitschrift Historischer Verein Steiermark Jahrgang 34).
Der Strettweg-Kultwagen, gefunden in der Obersteiermark und heute im Landesmuseum Joanneum in Graz, datiert ins 7. Jahrhundert v. Chr. und zeigt unter anderem weibliche Figuren in Bronzeguss, die in ihrer Tracht und Haltung das Frauenbild der älteren Hallstattzeit verkörpern (zur kulturgeschichtlichen Einordnung des Strettweg-Wagens in den Mitterdorfer Bezugsrahmen siehe die Bemerkungen zum südostalpinen Hallstattkreis bei Grömer 2010 und Grömer 2014).

In allen drei Bildern, dem Sopron-Gefäß, der Marburger Figur und dem Strettweg-Wagen, ist die Trägerin der Tracht weiblich. Das ist kein Zufall, sondern entspricht einem in Mitteleuropa weitgehend konsistenten Befund: Textile Arbeit, Tracht und ihre Vermittlung sind in der späten Bronze- und in der Eisenzeit eng mit weiblichen Lebenswelten verbunden. Spinnwirtel, Webgewichte und Nähnadeln finden sich in eisenzeitlichen Gräbern überwiegend bei Frauen (Grömer 2014, S. 323; Rebay 2006 zu Statzendorf).
Diese enge Verknüpfung von Textilarbeit und weiblicher Identität wirkt in der römischen Kaiserzeit weiter und wird dort sogar literarisch formalisiert. Eine spätrepublikanische Grabinschrift aus Rom fasst das Leben einer Matrone namens Claudia mit der Formel „domum servavi, lanam fecit“ zusammen, also „sie führte den Haushalt und arbeitete an der Wolle“, eine stehende Wendung für weibliche Tugend (CIL VI 15346, zitiert nach Gostenčnik 2014, S. 93). Plinius der Ältere überliefert das Mitführen von geschmücktem Rocken und Spindel mit Faden im römischen Hochzeitszug (Plinius, Naturalis historia 8,194, ebenda). Zugleich beobachtet Gostenčnik einen krassen Gegensatz zwischen dieser funerären und literarischen Hochschätzung einerseits und der tatsächlichen sozialen Stellung jener Frauen, die ihren Lebensunterhalt mit der Garnproduktion bestritten, andererseits (Gostenčnik 2014, S. 107). Spinnen war in der antiken Arbeitswelt ein Beruf mit niedrigem sozialem Status, während dieselbe Tätigkeit im Bild der vornehmen Hausherrin als sittliche Auszeichnung galt. Diese Doppelheit, in der Textilarbeit symbolisch hochbesetzt und materiell gering entlohnt ist, sollte beim Blick auf die Mitterdorfer Werkstatt mitbedacht werden. Wer dort am Webstuhl arbeitete, gehörte mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Gruppe, deren Arbeit unentbehrlich war, ohne dass sich diese Unentbehrlichkeit notwendigerweise in sozialer Position oder materieller Entlohnung niederschlug.
Textilarbeit als zentraler Wirtschaftssektor
Mit der Verortung der Textilarbeit in weiblichen Lebenswelten ist die wirtschaftliche Dimension dieses Handwerks erst angedeutet. Spinnen, Weben, Färben, Nähen und Verzieren bildeten in der eisenzeitlichen Wirtschaft keinen Randbereich, sondern einen zentralen Produktionssektor. Eine einzige Stoffbahn von zwei mal eineinhalb Metern in einer einfachen Diamantköperbindung erforderte nach den experimentalarchäologischen Berechnungen des HallTex-Projekts rund zehn Kilometer Faden und 400 bis 500 Arbeitsstunden, gerechnet ohne die vorgelagerten Schritte der Faseraufbereitung und Garnherstellung (NHM Wien Online, Forschungen Textilforschung). Über das Jahr hinweg ergibt sich daraus ein erheblicher Anteil an der gesamten Arbeitszeit einer Siedlung.
Das Textilhandwerk versorgte die Gemeinschaft nicht nur mit Kleidung, sondern auch mit Decken, Wandbehängen, Säcken, Bändern, Verbänden, mit Schwertumwicklungen und vielem mehr (Grömer 2014, S. 319 f.). Aus dem späthallstattzeitlichen Fürstengrab von Hochdorf in Baden-Württemberg sind etwa Wandbehänge, Polsterelemente und Bodenbeläge aus Stoff dokumentiert (Banck-Burgess 1999, zitiert nach Grömer 2014, S. 319). Stoffe waren Tauschgut, Statusmarker, Festtracht und Alltagskleidung in einem. Wer textile Produkte herstellte, stand wirtschaftlich nicht am Rand, sondern im Zentrum der materiellen Lebensgrundlagen einer hallstattzeitlichen Siedlung.
Eine zweite, methodisch unabhängige Berechnung von Kordula Gostenčnik bestätigt die Größenordnung. Für einen Quadratmeter Stoff mit 20 Fäden pro Zentimeter in Kette und Schuss werden am Webstuhl rund fünf Kilometer gesponnenes Garn benötigt, was bei Wolle etwa 150 Stunden, bei Flachs etwa 205 Stunden reine Spinnarbeit mit der Handspindel bedeutet (Gostenčnik 2014, S. 68 f., gestützt auf Versuchsergebnisse des CTR Kopenhagen). Für ein einziges Gewand rechnet Gostenčnik mit „sehr bald über 1000 Arbeitsstunden bzw. über 80 Arbeitstage à 12 Stunden, von der Rohstoffaufbereitung über das Spinnen bis zum Weben und Ausrüsten“ (Gostenčnik 2014, S. 69). Die in der Forschung etablierte Faustregel, wonach die Arbeitsleistung von fünf spinnenden Personen erforderlich ist, um einen einzigen Webstuhl kontinuierlich mit Garn zu versorgen, geht auf John Peter Wild zurück (Wild 2002, zitiert nach Gostenčnik 2014, S. 69 Anm. 134). Beide Kalkulationen, das HallTex-Projekt und die Gostenčnik-Werte aus den CTR-Versuchen, ziehen damit in dieselbe Richtung.
Dass dieser Aufwand tatsächlich einen tragenden Wirtschaftszweig konstituierte, lässt sich für die römische Kaiserzeit auch quantitativ belegen. Nach Auswertung der inschriftlichen und papyrologischen Berufsbezeichnungen folgt der Textilsektor mit 188 dokumentierten Berufsbenennungen unmittelbar auf die Nahrungsmittelproduktion mit 222 Bezeichnungen und bildet damit nach der Landwirtschaft den zweitgrößten Wirtschaftsfaktor des Imperiums (Ruffing 2008, zitiert nach Gostenčnik 2014, S. 58 mit Anm. 71). Gostenčnik selbst betont, dass diese Dimension „in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung völlig“ untergehe und damit eine „Fehlbeurteilung der wirtschaftlichen Grundlagen ganzer Regionen“ in Kauf genommen werde (Gostenčnik 2014, S. 58). Da sich die Rohstoffbasis aus Schafzucht, Flachsanbau und Färberpflanzen sowie die zentralen Werkzeuge der Garn- und Stoffherstellung zwischen Späthallstattzeit und römischer Kaiserzeit strukturell kaum unterscheiden, ist diese ökonomische Größenordnung auch für die Eisenzeit anzunehmen. Mitterdorf gehört damit, technisch wie wirtschaftlich, in einen Produktionszweig, der im Lauf der nächsten Jahrhunderte ohne grundlegenden Bruch in die römische Provinz Noricum hinüberreicht.
Karina Grömer schlägt für die ostalpine Eisenzeit zwei Produktionsmodelle vor: ein Haushandwerk, in dem Stoffe vor allem für den eigenen Bedarf hergestellt werden, und eine spezialisierte Werkstatt- oder Überschussproduktion, in der Stoffe für den Tausch und Handel entstehen. Hallstatt mit seiner enormen Vielfalt der Stoffqualitäten ordnet sie eher dem Haushandwerk zu, den Dürrnberg mit seinen stärker standardisierten Geweben einer seriellen Massenproduktion (Grömer 2014, S. 323 f.; von Kurzynski 1996).
Mitterdorf liegt mit einem einzigen Webstuhlbefund noch nicht in diesem Spektrum festlegbar. Aber die verkehrsgeografische Lage an einem Wegeknoten lässt zumindest die Frage zu, ob die hier produzierten Stoffe ausschließlich für den lokalen Bedarf gedacht waren.
Tracht, Identität und weibliche Mobilität
Wer in Mitterdorf am Webstuhl stand, ist archäologisch nicht greifbar. Das Haus mit dem Webstuhl brannte ab, ein Gräberfeld der Siedlung ist bisher nicht entdeckt, anthropologische Aussagen über die hier lebenden Menschen können daher noch nicht gemacht werden. Aber für den weiteren Donau- und Ostalpenraum existieren naturwissenschaftliche und archäologische Befunde, die zeigen, in welche Strukturen weiblicher Lebenswege das Textilhandwerk eingebettet war.
Pellegrini, Teschler-Nicola, Bookstein und Mitteroecker haben 2011 die Schädelmorphologie von 171 Individuen aus elf frühbronzezeitlichen Fundorten Niederösterreichs geometrisch-morphometrisch analysiert. Drei kulturelle Gruppen lassen sich räumlich abgrenzen: die Únětice-Gruppe nördlich der Donau, die Unterwölbling-Gruppe südwestlich der Donau und die Wieselburg-Gruppe südöstlich der Donau. Die Schädelformen zeigen signifikante Mittelwertunterschiede zwischen den Gruppen und zwischen den Geschlechtern. Das zentrale Ergebnis: die weiblichen Mittelwerte sind sich ähnlicher als die männlichen, und geografische Bedingungen wie die Donau als Barriere erklären bei den Frauen mehr als doppelt so viel morphometrische Variation wie bei den Männern (Pellegrini et al. 2011, S. 8 bis 9). Die Autorinnen und Autoren schließen daraus auf ein patrilokales System, in dem Männer am Ort blieben und Frauen über teils erhebliche Distanzen in andere Gemeinschaften einheirateten.
In Hainburg, am südöstlichen Donauufer im Wieselburg-Gebiet, fanden Pellegrini et al. 2011 acht Individuen (fünf Frauen, drei Männer), die morphologisch der nördlichen Únětice-Gruppe entsprechen und zugleich archäologisch durch Únětice-typische Keramik und Metallbeigaben charakterisiert sind. Tracht und Schädelform stimmen also bei diesen Personen überein, beide weisen auf eine Herkunft nördlich der Donau hin (Pellegrini et al. 2011, S. 6). Hier ist Mobilität von Frauen über die Donau hinweg konkret und mehrfach belegt.

Auf einer früheren chronologischen Ebene hat Sophie Bergerbrant 2007 mit einer Bestattung aus Fallingbostel in der Lüneburger Heide ein eindrucksvolles Beispiel beschrieben. Die dort beigesetzte Frau aus der mittleren Bronzezeit, etwa 1500 v. Chr., trug eine doppelseitig profilierte Radkopfnadel und herzförmige Anhänger, die nach Bergerbrant 2005 und Laux 1996 charakteristisch für das Gebiet Österreich-Ungarn, also den mitteleuropäischen Donau- und Ostalpenraum, sind. Die Entfernung von ihrem Herkunftsgebiet bis Fallingbostel beträgt nach Daum 2000 mehr als 800 Kilometer. Ihre Tracht wurde nach Bergerbrant 2007 zur Vorlage für die nachfolgenden Frauengenerationen in der Region, eine prägende Wirkung also, die über das Individuum hinaus reichte.
Dass diese Mechanismen auch in der Eisenzeit weiterwirken, zeigt Peter Ramsl 2017 für die latènezeitlichen Gräberfelder in Nordostösterreich. In Mannersdorf am Leithagebirge identifiziert er aufgrund von Trachtanalyse mehrere Frauenbestattungen, deren Beigaben auf eine Herkunft aus dem Gebiet der heutigen Schweiz hindeuten. Frauen stellen in diesem Gräberfeld den doppelt so hohen Anteil wie Männer, und 50 Prozent dieser Frauen haben Waffenbeigaben. In Grab 117 lag eine vollbewaffnete Frau, deren Schwert nach Ramsl 2011 eine exakte Parallele in Plessis-Gassot in Frankreich besitzt. In den Gräberfeldern von Pottenbrunn und Mannersdorf erkennt Ramsl außerdem geschlechtsspezifische Bestattungsareale, also räumlich getrennte Gräbergruppen von Frauen und Männern (Ramsl 2017, S. 101 bis 103).

Mitterdorf passt in diese Bilderwelt. Die Leute, die am Webstuhl arbeiteten, stehen in einer langen mitteleuropäischen Tradition, in der das Textilhandwerk untrennbar mit weiblichen Lebenswegen, mit Mobilität, mit Tracht und Identitätsstiftung verbunden war. Wenn der Webstuhl von Mitterdorf eine Stoffbahn von 1,5 Meter Breite in Leinenbindung oder einer Variante davon erzeugte, dann gehörte er in ein Netzwerk technischer, ästhetischer und sozialer Praktiken, das von Norddeutschland über den Donau- und Ostalpenraum bis nach Norditalien und in den Balkan reichte.
Die Spur, die Mitterdorf in dieser Entwicklung hinterlässt
Die Bedeutung des Mitterdorfer Befundes für das eisenzeitliche Textilhandwerk in der Steiermark lässt sich in mehreren Punkten zusammenfassen.
Erstens ist Mitterdorf bislang der einzige in situ erhaltene Webstuhlbefund einer späthallstattzeitlichen Talbodensiedlung im Mürztal. Hallstatt liefert Textilien, also fertige Stoffe und Bänder, aber nicht den Webstuhl selbst, Dürrnberg ebenfalls nicht. In Mitterdorf hingegen sind die Webgewichte in Bespannungslage, also in jener räumlichen Anordnung, die sie zum Zeitpunkt des Brandes im Webstuhl tatsächlich einnahmen, dokumentiert. Diese Konstellation erlaubt erstmals für die Steiermark, einen späthallstattzeitlichen Webstuhl in seinem Arbeitskontext zu beschreiben.
Zweitens fügt sich Mitterdorf technisch in das ostalpine Bild ein, ohne darin aufzugehen. Die pyramidenstumpfförmigen Gewichte, die drei Gewichtsklassen, die Verzierungen mit Fingereindrücken und Kreuzritzungen, die Bespannung in Leinenbindung oder einer Variante davon, all das ist mit dem aus Hallstatt und Dürrnberg bekannten technischen Repertoire vereinbar. Die Stoffbahnbreite von etwa 1,5 Meter liegt im Spektrum der bisher bekannten hallstattzeitlichen Webstühle (vergleiche dazu die Beispiele aus Wallwitz mit etwa einem Meter Webstuhlbreite bei Bergerbrant 2007, S. 47).
Drittens deutet das Feuerbock-Fragment, sollte es sich bestätigen, auf eine eigene Anbindung an die Kalenderbergkultur des östlichen Hallstattraums hin. Mit dem verzierten Hüttenlehm, der ungewöhnlich feine Ritzverzierungen aufweist, kommt ein weiteres Element hinzu, das in der hallstattzeitlichen Steiermark bisher nur selten zu fassen ist. Beide Funde stehen nicht direkt mit dem Webstuhl in Zusammenhang, sie verorten Mitterdorf aber kulturell im ostalpinen Spektrum.
Viertens unterstreicht die mögliche Anwesenheit eines Wagens oder zumindest erhebliches Wagenaufkommen an der Stelle (über die drei Eisennägel mit Wagenbeschlag-Charakteristik) die verkehrsgeografische Schlüssellage an der Weggabelung zur Veitsch. Das Haus in Mitterdorf war kein abgelegener Bauernhof, sondern ein Ort an einem Knotenpunkt überregionaler Routen. Die Verbindung zum Strettweg-Wagen, der nur etwa 90 Kilometer westlich gefunden wurde, liegt nahe, auch wenn ein direkter Bezug nicht behauptet werden soll.
Fünftens und vielleicht am wichtigsten: der Befund von Mitterdorf zeigt, dass die jahrzehntelang als „archäologisch schwach“ geltende Region des Mürztals in der Späthallstattzeit nicht weniger entwickelt war als die umliegenden Gebiete. Die Lücke war eine Forschungslücke, keine Befundlücke. Mit jeder neuen Grabungssaison füllt sich dieser blinde Fleck auf der archäologischen Karte der Steiermark.
Ausblick auf Teil 2
Die Grabungssaison 2024 hat weitere Funde aus der Mitterdorfer Siedlung erbracht, darunter mehrere Spinnwirtel und einen besonders bemerkenswerten verzierten Spinnwirtel, der nach den vorläufigen Befunden eine Inschrift in einem norditalischen Alphabet tragen könnte. Spinnwirtel sind, neben den Webgewichten, das zweite zentrale Werkzeug der prähistorischen Textilproduktion, sie spielen aber zugleich eine eigenständige Rolle als Träger von Zeichen und Schrift. Dem ist der zweite Teil dieser Reihe gewidmet, der unter dem Titel „Zeichen, Schrift und ein rätselhafter Spinnwirtel aus St. Barbara“ erscheinen wird.
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