Lichtmess im Volksglauben: Vorstellungen, Schutzbräuche und Zeitordnungen
- Christa Berger
- vor 19 Stunden
- 12 Min. Lesezeit
Mein erster Beitrag zu Mariä Lichtmess widmete sich vordergründig dem kirchlichen Festtag. Dieser Text richtet den Blick auf den Volksglauben und seine regionalen Ausprägungen. Auf Grundlage des Handwörterbuchs des Deutschen Aberglaubens werden Lichtmessvorstellungen aus unterschiedlichen Landschaften zusammengeführt und in ihrem Zusammenhang dargestellt. Zudem wird ein kurzer Exkurs nach mittelalterliches Island unternommen, wo der Wintermonat Góa als weiblich personifizierte Gestalt den Übergang vom Winter zum Frühjahr markiert.

Zur Quellenlage
Dieser Beitrag stützt sich auf den Eintrag zu Mariä Lichtmess im Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens (Hanns Bächthold-Stäubli / Eduard Hoffmann-Krayer). Die regionalen Bezeichnungen folgen den dort verwendeten volkskundlichen Landschaften und stimmen nicht immer mit heutigen Grenzen überein; zur Orientierung sind moderne geografische Bezüge in Klammern ergänzt. Ziel ist es, die überlieferten Vorstellungen in ihrer Vielfalt sichtbar zu machen, nicht sie zu vereinheitlichen oder zu modernisieren.
Einleitung: Lichtmess als Schwellentag in Europa
Lichtmess gehört zu jenen Tagen des Jahres, die im Volksglauben weit über ihre kirchliche Bedeutung hinausreichen. Der 2. Februar markiert einen Übergang: zwischen Winter und Frühling, Dunkelheit und zunehmendem Licht, Stillstand und neuem Leben. Solche Übergänge galten seit jeher als gefährlich, aber auch als besonders wirksam. Entsprechend dicht sind die Bräuche, Deutungen und Regeln, die sich um diesen Tag gelegt haben.
Das Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens zeigt Lichtmess nicht als einheitlichen Brauch, sondern als ein Geflecht regionaler Vorstellungen. Landschaft, Klima, Wirtschaftsform und soziale Ordnung prägen, wie der Tag verstanden wird. Die folgende Darstellung ordnet diese Vorstellungen nach Regionen, wobei die historischen und volkskundlichen Bezeichnungen des Handwörterbuchs verwendet werden. Zur besseren Orientierung sind jeweils heutige geografische Lagen in Klammern angegeben.

1. Der ostösterreichische Donauraum
(heute vor allem Niederösterreich, Wien, nördliches Burgenland)
Im ostösterreichischen Donauraum gilt Lichtmess vor allem als Lostag von großer Tragweite. Das Augenmerk richtet sich hier besonders auf das Wetter, auf Helligkeit und Sonnenschein. Dabei zeigt sich eine auffällige Umkehrung der Erwartungen: Nicht das Licht wird erhofft, sondern die Dunkelheit.
Scheint während der Kerzenweihe die Sonne auf das geweihte Wachs, so gilt dies vielerorts als böses Zeichen. Man fürchtet ein „Sterben“ unter Menschen und Tieren, Krankheit oder Unglück im kommenden Jahr. Trübes, nebliges oder regnerisches Wetter hingegen wird als günstig empfunden, da es einen baldigen Abschied vom Winter verspricht.
Lichtmess besitzt in dieser Region auch eine besondere Bedeutung für Frauen und Wöchnerinnen. Der Tag gilt als sensibel und potenziell gefährlich. Gleichzeitig werden geweihte Kerzen und Wachs als Schutzmittel eingesetzt, um Mutter und Kind vor Schaden, Zauber und Krankheit zu bewahren.
Im Donauraum erscheint Lichtmess als Tag der Vorsicht. Das Licht ist ambivalent: Es kann schützen, aber auch Unheil anzeigen. Der Volksglaube reagiert damit auf die Unsicherheit der Jahreswende.

2. Das oberösterreichische Alpenvorland
(heute vor allem Oberösterreich)
Im oberösterreichischen Alpenvorland ist Lichtmess stark mit Ordnung, Arbeit und sozialem Rhythmus verbunden. Der Tag markiert das endgültige Ende der Weihnachtszeit. Die Krippe wird aus der Stube entfernt, festliche Speisen verschwinden, der Alltag beginnt neu.
Besonders ausgeprägt sind die Arbeits- und Spinnverbote. Spinnen, Nähen oder Flickarbeiten gelten an Lichtmess als unrecht. Wer sich nicht daran hält, zieht Gewitter, Unglück oder Schäden für Haus und Vieh an. Auch Holz darf nicht gehauen werden, lautes oder unruhiges Verhalten im Haus gilt als gefährlich.
Von großer Bedeutung ist der Dienstbotenwechsel, der an Lichtmess stattfindet. Dienstverhältnisse enden oder beginnen neu. Dieser soziale Übergang wird von besonderen Broten begleitet, die Trennung, Neubeginn und Bindung symbolisieren.
Hier zeigt sich Lichtmess weniger als magischer Abwehrtag, sondern als ordnender Einschnitt. Der Volksglaube stabilisiert soziale Abläufe und mahnt zur Einhaltung fester Regeln.

3. Der inneralpine Raum
(heute vor allem Steiermark, Salzburg, Teile Tirols)
Im inneralpinen Raum gehört Lichtmess zu den mächtigsten Brauchtagen des Jahres. Im Zentrum steht die geweihte Kerze, der höchste Schutzkräfte zugeschrieben werden.
Mit ihr schützt man Haus, Stall und Vieh. Wachs wird an Türen, Balken und Stallungen angebracht oder zu kleinen Kreuzen geformt. Bei schweren Gewittern entzündet man die Lichtmesskerze, um Blitz und Donner abzuwehren. Auch gegen Dämonen, Hexen und böse Geister gilt sie als wirksam.
Eine besonders wichtige Rolle spielt die Kerze am Sterbebett. Sie brennt neben dem Sterbenden, um ihn vor Angriffen böser Mächte zu schützen und der Seele den rechten Weg zu weisen.
Auch gemeinschaftliche Bräuche sind verbreitet. Jugendliche ziehen mit brennenden Kerzen umher, es wird gesungen oder gesammelt. Lichtmess ist hier nicht nur ein häuslicher, sondern auch ein sozialer Tag.
Im alpinen Raum ist Lichtmess ein Kampf gegen Naturgewalten und Unsicherheit. Licht wird zur aktiven Schutzmacht in einer rauen Umwelt.

4. Der südöstliche Alpenraum
(heute vor allem Steiermark und Kärnten)
Im südöstlichen Alpenraum stehen Tierorakel und Wetterdeutungen im Vordergrund. Besonders bekannt ist die Vorstellung vom Bären, der an Lichtmess aus seiner Höhle tritt, um nach dem Wetter zu sehen.
Sieht er Sonne oder seinen Schatten, so kehrt er für längere Zeit in seine Höhle zurück, und der Winter dauert an. Ist das Wetter dagegen schlecht, bleibt er draußen – ein Zeichen für den nahenden Frühling. Ähnliche Vorstellungen gibt es auch vom Dachs.
Sonnenschein gilt hier oft als ungünstig, trübes Wetter dagegen als verheißungsvoll für Fruchtbarkeit und Ernte.
Der Volksglaube liest die Zukunft im Verhalten der Tiere. Sie werden zu Mittlern zwischen Mensch und Natur.

5. Der westungarisch-pannonische Raum
(heute vor allem Burgenland, Teile der Steiermark)
Im westungarisch-pannonischen Raum tritt Lichtmess besonders als Vieh- und Stalltag hervor. Verbreitet sind Räucherungen von Kühen und Stallungen, um Krankheiten fernzuhalten und Fruchtbarkeit zu sichern.
Hier steht weniger das Wetter im Mittelpunkt als die unmittelbare Sorge um das Vieh, das die wirtschaftliche Grundlage der Haushalte bildet. Lichtmess ist der Übergang vom Winter zum kommenden Arbeitsjahr.

6. Der skandinavische Raum
(heute vor allem Schweden und Norwegen)
Im skandinavischen Raum besitzt Lichtmess einen anderen Charakter. Der Tag ist weniger durch Kerzenzauber oder Wetterregeln geprägt als durch hausbezogene und weibliche Rituale.
Die Hausfrau versammelt das Gesinde beim Backofen oder Herdfeuer. Man kniet, isst gemeinsam einen Bissen Kuchen und trinkt einen Schluck. Diese Handlung gilt als Opfer an die Hausgeister, die über Ordnung, Wohlstand und Schutz des Hauses wachen.
Auffällig ist das Fehlen scharfer Dämonen- oder Unheilsvorstellungen. Lichtmess dient hier der Bewahrung innerer Ordnung.
Nicht Abwehr, sondern Pflege des Hauses steht im Vordergrund. Lichtmess wird zu einem stillen Übergangsfest.
Die Bakstuga – gemeinschaftliche Backhütte – war in Teilen Schwedens ein separates Wirtschaftsgebäude für das gemeinschaftliche Brotbacken und die Zubereitung größerer Mahlzeiten. Sie stand meist abseits des Wohnhauses, um die Brandgefahr durch offene Feuerstellen und Backöfen zu verringern. Bakstugor waren häufig aus Holz gebaut, während der Backofen aus Stein oder Ziegel gemauert war. Der stark aufgeheizte Ofen wurde von mehreren Haushalten nacheinander genutzt, weshalb das Backen in festen Abständen als gemeinschaftlicher Arbeitstag erfolgte. In der Bakstuga wurde besonders häufig Tunnbröd gebacken, ein traditionelles, dünnes schwedisches Fladenbrot. Nach dem Backen hing man das Brot auf langen Holzstangen zum Abkühlen oder Trocknen auf. Diese Methode diente dazu, das Tunnbröd haltbar zu machen – entweder als weiches Brot für den baldigen Verzehr oder vollständig getrocknet als Vorrat für längere Zeit. Das Aufhängen des Brotes gehörte zum festen Ablauf des gemeinschaftlichen Backens und prägte das Erscheinungsbild der Bakstuga ebenso wie den Arbeitsrhythmus.Neben dem Brotbacken diente die Bakstuga auch anderen arbeitsintensiven Tätigkeiten und war damit nicht nur Funktionsbau, sondern ein Ort der Zusammenarbeit und sozialen Ordnung innerhalb der Dorfgemeinschaft. (Bild 1: Back- und Brauhaus, Pfarrhaus Vidbo, Sigtuna, Fotografie: Kersti Lilja, Bild 2: Backofen in der Backhütte, Järnboås, Bild 3: Tunnbröd, Långhed, Bild 4: Tunnbröd, Fladenbrot)
7. Der nordatlantisch-skandinavische Raum: Frauenmonat Februar
(Island; in abgeschwächter Form auch Norwegen)
In Island ist der Februar als Frauenmonat bekannt, während der Jänner dem Männlichen zugeordnet ist. Lichtmess fällt genau in diesen Übergang.
Der Frauenmonat steht für Vorbereitung, Bewahrung und das leise Wiedererstarken des Lebens. Frauen empfangen den beginnenden Lenz durch häusliche Rituale, die Wohlstand und Ordnung sichern sollen.
Auch in Norwegen sind Reste dieser geschlechtlichen Zeitordnung bekannt, wenn auch weniger ausgeprägt.
Hier wird der Jahreslauf nicht nur naturhaft, sondern kosmisch-geschlechtlich geordnet. Lichtmess bedeutet Übergabe der Zeit an eine neue Kraft.

Exkurs: Góa – Wintermonat und weibliche Jahreszeit im alten Island
Góa ist im alten isländischen Kalender der fünfte und vorletzte Wintermonat. Er folgt auf den Þorri und beginnt je nach Jahr zwischen dem 18. und 24. Februar. Der Monat gilt als einer der schwierigsten Abschnitte des Winters, da zu dieser Zeit die Vorräte oft knapp wurden und die Härte der Jahreszeit besonders spürbar war.
In den ältesten Überlieferungen erscheint Gói (in dieser Form der ursprüngliche Name) als Tochter des Wintermonats Þorri. Ihre genealogische Einbindung verweist deutlich auf winterliche Naturkräfte: Ihr Großvater heißt Snær (Schnee), ihr Urgroßvater Frosti (Frost), ihre Schwestern väterlicherseits Mjöll (Neuschnee) und Drífa (starker Schneefall). Gói ist damit eindeutig als personifizierte Gestalt der winterlichen Jahreszeit gedacht.
Der Sage nach verschwand Gói während eines Þorrablót, eines winterlichen Opferfestes, nachdem sie mit einem jungen Mann fortgegangen war. Ihr Vater Þorri opferte daraufhin den Göttern, um ihr Schicksal zu erfahren; dieses Opfer wurde Góublót genannt. Solche Góublót fanden vermutlich in der Zeit ihres Monats statt, ähnlich den Þorrablót, doch sind über ihren genauen Ablauf keine sicheren Details überliefert. Die Quellen belegen lediglich, dass es sich um Feier- oder Opferhandlungen handelte.
Im Volksbrauch war Góa ein weiblich konnotierter Monat. Hausfrauen sollten sie am ersten Morgen begrüßen, indem sie früh aufstanden, leicht bekleidet nach draußen traten und Góa mit einem Willkommensspruch in Haus und Hof einluden. Dieser Brauch entspricht dem Empfang des Þorri durch die Männer und unterstreicht die geschlechtliche Gliederung der Winterzeit.
Mit der Christianisierung Islands im 11. Jahrhundert verschwanden diese Bräuche weitgehend aus dem öffentlichen Leben, könnten sich jedoch in einzelnen Haushalten noch länger erhalten haben. Da der Monat Góa stets an einem Sonntag beginnt, wurde später vermutet, dass der traditionelle Sonntagsbraten zur Entstehung oder Umdeutung von Góublót beigetragen haben könnte. Diese Annahme bleibt jedoch unsicher, zumal der Beginn der Góa häufig in die Fastenzeit fällt, in der üppige Mahlzeiten eigentlich nicht vorgesehen waren.
In neuerer Zeit tauchen gelegentlich kommerzialisierte Formen einer sogenannten Góugleði („Góa-Freude“) auf, meist als von Geschäften organisierte Frauenabende. Diese modernen Erscheinungen stehen jedoch in keinem direkten Zusammenhang mit den historischen Überlieferungen, sondern greifen lediglich den Namen und die weibliche Konnotation der Góa auf.
„Velkomin sértu, góa mín“ – ein isländischer Begrüßungsvers für den Frühling
Velkomin sértu, góa mín,
og gakktu í bæinn;
vertu ekki úti í vindinum
vorlangan daginn.
„Willkommen seist du, meine Góa,
und tritt ins Haus;
sei nicht draußen im Wind
den langen Frühlingstag.“
Herkunft und Kontext
Dieser Vers stammt nicht aus einer klassischen isländischen Saga und ist auch kein literarisches Zitat im engeren Sinn. Vielmehr gehört er zur isländischen Volksüberlieferung und ist Teil der jahreszeitlichen Ritualpraxis des alten isländischen Kalenders.
Der Monat Góa ist der fünfte Monat des traditionellen Winters und markiert den Übergang zum Frühling. Er folgt auf Þorri und beginnt nach heutiger Rechnung meist gegen Ende Februar. In der Vorstellungswelt des mittelalterlichen Island wurde Góa personifiziert – als weibliche Gestalt, die man willkommen heißen konnte und musste.
Der Brauch der Begrüßung der Góa
Am ersten Tag des Monats Góa oblag es den Häuslerinnen, insbesondere der Hausfrau, den neuen Monat rituell zu empfangen. Der überlieferte Brauch sah Folgendes vor:
– Die Hausfrau trat am Morgen unbekleidet aus dem Haus
– Sie ging dreimal um den Hof
– Dabei sprach sie den Begrüßungsvers und lud Góa symbolisch ein, das Haus zu betreten
Der Akt verband Schutz, Fruchtbarkeit, Wetterhoffnung und Hausordnung. Indem Góa „ins Haus“ gebeten wurde, sollte sie nicht draußen im Wind bleiben, sondern dem Hof milde Witterung und einen guten Übergang zum Frühling bringen.
Überlieferung
Der Vers wurde mündlich tradiert und ist aus der Volkskunde bekannt. Er findet sich in späteren Sammlungen isländischer Bräuche und Kalendertraditionen, teils in indirekten Bezügen in der Sagaüberlieferung (u. a. im Umfeld der Orkneyinga saga), vor allem aber in volkskundlichen Quellen der Neuzeit.
Er ist ein seltenes Beispiel dafür, wie vorchristliche Kalenderpersonifikationen, häusliche Rituale und poetische Sprache im mittelalterlichen Island zusammenwirkten.
Lichtmess, Percht, Brigida und das Ende der Spinnzeit
Mit Lichtmess endet im Volksglauben nicht nur die Weihnachtszeit, sondern auch eine tiefere, dunkle Phase des Jahres. Von der Zeit um den Hl. Andreas Ende November an, wenn Vorstellungen von der Wilden Jagd, von umgehenden Mächten und von nächtlicher Unruhe den Volksglauben prägen, gilt der Winter als eine Zeit erhöhter Gefährdung. In diesen Wochen haben Spinnstuben, nächtliche Arbeiten und gemeinschaftliche Winterabende ihren festen Platz.
Diese Zeit steht unter der Aufsicht weiblicher Gestalten, die im Volksglauben als Hüterinnen von Ordnung und Maß auftreten. Besonders Percht und ihre zahlreichen regionalen Ausprägungen – wie Stampa, Pudelmutter, Luzia und andere weibliche Figuren der winterlichen Überlieferung – gelten als Inbegriff der Spinnstubenverantwortlichkeit. Sie sind keine bloßen Schreckgestalten, sondern Normträgerinnen. Ihre Zuständigkeit umfasst das Spinnen, die häusliche Ordnung, die Einhaltung der Zeitdisziplin und die Regeln der Winterarbeit. Sie wachen darüber, dass zur rechten Zeit gearbeitet wird, dass nächtliche Tätigkeiten ihren Platz haben und dass die dunkle Jahreszeit nicht überschritten wird. Wer gegen diese Ordnung verstößt, wer zu spät spinnt oder die zeitlichen Grenzen missachtet, setzt sich ihrem Zorn aus.
An der Schwelle zu Lichtmess tritt mit der Hl. Brigida (1. Februar) eine weitere weibliche Ordnungsgestalt hinzu, die in der christlichen Überlieferung viele Züge älterer Frauenmächte aufnimmt. Als Hüterin von Haus, Herd, Licht und weiblicher Arbeit steht Brigida zwischen der winterlichen Spinnordnung und dem beginnenden helleren Jahresabschnitt. Ihr Fest markiert den Übergang: Noch gehört sie zur Zeit der häuslichen Winterarbeit, zugleich weist sie bereits auf Reinigung, Licht und Neubeginn hin. In dieser Funktion vermittelt Brigida zwischen der alten Ordnung der dunklen Zeit und der neuen, die mit Lichtmess einsetzt.

Mit Lichtmess selbst verschiebt sich diese Ordnung endgültig. Das nächtliche Spinnen hat nun zu enden, die Spinnstuben werden geschlossen, und gemeinschaftliche Winterzusammenkünfte verlieren ihre bisherige Berechtigung. Was während der dunklen Zeit notwendig, erlaubt und sogar geboten war, gilt nun als unrecht oder gefährlich. Die weiblichen Gestalten der Winterzeit ziehen sich zurück; ihre Zuständigkeit erlischt nicht abrupt, sondern mit dem zunehmenden Licht und dem Wandel des Jahresrhythmus.
So schließt Lichtmess den Kreis des Volksglaubensjahres. Was mit der Andreaszeit begann – das Einsetzen der Dunkelheit, der Unruhe und der inneren Sammlung unter der Aufsicht weiblicher Ordnungsmächte –, endet nun. Die wilden Züge verstummen, die Spinnstuben schweigen, und das Jahr tritt wieder in eine hellere, geregelte Phase ein. Lichtmess markiert diesen Übergang nicht durch einen scharfen Bruch, sondern durch das stille Ende dessen, was der dunklen Zeit vorbehalten war.
Gemeinsame Motive des Lichtmess-Volksglaubens (regional betrachtet)
Trotz der großen regionalen Vielfalt lassen sich im Volksglauben rund um Lichtmess mehrere Grundmotive erkennen, die in nahezu allen behandelten Landschaften wiederkehren. Sie erscheinen in unterschiedlicher Ausprägung, folgen jedoch einem gemeinsamen inneren Zusammenhang.
Lichtmess als Schwellentag
In allen Regionen gilt Lichtmess als Zeitgrenze. Ob im ostösterreichischen Donauraum, im Alpenvorland, im inneralpinen Raum oder in Skandinavien – der 2. Februar markiert den Übergang von einer Ordnung in eine andere. Winter und Frühling, Dunkelheit und zunehmendes Licht, Stillstand und Neubeginn berühren sich. Gerade diese Zwischenstellung macht den Tag als wirksam, aber auch als gefährlich.
Licht und Dunkelheit
Das Licht steht überall im Zentrum, doch seine Bewertung variiert regional.Im alpinen Raum und im Alpenvorland gilt das geweihte Licht als aktive Schutzmacht gegen Unheil, Gewitter, Dämonen und Krankheit. Im ostösterreichischen Donauraum hingegen kann Sonnenschein an Lichtmess als schlechtes Zeichen gelten, während Dunkelheit und Trübe Hoffnung verheißen. In Skandinavien tritt das Licht weniger als magische Waffe auf, sondern als häusliche Wärme am Herd.
Gemeinsam ist allen Regionen die Vorstellung, dass Licht Ordnung schafft, aber auch Grenzen sichtbar macht.
Schutz von Haus, Mensch und Tier
Nahezu überall dient Lichtmess dem Schutz. Haus, Stall, Vieh, Kranke, Sterbende und Neugeborene werden durch Kerzen, Wachs, Rauch oder rituelle Umgänge gesichert. Besonders empfindliche Übergänge – Geburt, Krankheit und Tod – werden an diesem Tag mit besonderer Aufmerksamkeit begleitet. Die konkrete Form variiert regional, der Zweck bleibt derselbe: Schaden abzuwehren und das Kommende günstig zu stimmen.
Lichtmess als Lostag
In fast allen Regionen erscheint Lichtmess als Lostag.Im Donauraum und im südöstlichen Alpenraum werden Wetter und Sonnenschein gedeutet, im alpinen Raum und in angrenzenden Gebieten Tiere wie Bär oder Dachs zu Orakeln gemacht. Auch in nördlicheren Regionen werden Wind, Heu oder andere Zeichen gelesen. Überall geht es darum, die Unsicherheit des kommenden Jahres durch Zeichen fassbar zu machen.
Frauen und weibliche Ordnungskräfte
Auffällig ist die zentrale Rolle der Frauen. In mitteleuropäischen Regionen betrifft dies vor allem Wöchnerinnen und den häuslichen Schutz. In Skandinavien tritt die Hausfrau als ordnende Figur in den Vordergrund, während in Island der Februar selbst als Frauenmonat gilt. Überall verbindet der Volksglaube Lichtmess mit Bewahrung, Vorbereitung und innerer Ordnung – Tätigkeiten, die weiblich konnotiert sind.
Soziale Ordnung und Dienstbotenwechsel
Ein besonders deutliches gemeinsames Motiv ist Lichtmess als Termin sozialer Neuordnung.Vor allem im Alpenvorland und in angrenzenden Regionen gilt der 2. Februar als Stichtag für den Dienstbotenwechsel. Knechte und Mägde lösen alte Dienstverhältnisse und treten neue an. Dieser Wechsel ist nicht zufällig gewählt, sondern folgt dem gleichen Schwellenprinzip wie die übrigen Lichtmessbräuche.
Begleitet wird der Übergang durch besondere Brote, kurze Ruhezeiten und rituelle Handlungen, die gutes Einvernehmen und langes Bleiben sichern sollen. Lichtmess ordnet hier nicht nur das Jahr, sondern auch das soziale Gefüge des Hofes.
Auch dort, wo kein formalisierter Dienstbotenwechsel belegt ist, zeigt sich Lichtmess als Zeitpunkt, an dem Arbeit neu geregelt wird: Spinnverbote, Arbeitsunterbrechungen oder der Beginn neuer Tätigkeiten weisen in dieselbe Richtung.
Gemeinsamer Kern
Über alle Regionen hinweg zeigt sich Lichtmess als Tag, an dem Menschen versuchen, Übergänge zu bändigen:mit Licht und Dunkelheit, mit Zeichen und Verboten, mit Schutzhandlungen und sozialer Ordnung. Ob im alpinen Kerzenzauber, im donauländischen Misstrauen gegen die Sonne, im skandinavischen Herdritual oder im isländischen Frauenmonat – stets geht es darum, das kommende Jahr unter günstige Vorzeichen zu stellen.
Gerade diese Mischung aus Vorsicht, Ordnung und Hoffnung macht Lichtmess zu einem der vielschichtigsten Tage des europäischen Volksglaubens.
Quelle:
Bächthold-Stäubli, Hanns / Hoffmann-Krayer, Eduard (Hg.): Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens. 10 Bände. Berlin: de Gruyter, 1987.














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