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Leinaussaat zu den Eisheiligen: Warum die Haarstube nichts mit Haaren zu tun hat

  • vor 6 Stunden
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Wenn im Mai die letzten Nachtfröste über die Felder zogen, begann in vielen Gegenden der Steiermark die Zeit der Leinaussaat. Besonders rund um die Eisheiligen achtete die bäuerliche Bevölkerung aufmerksam auf Wetter, Boden und alte Lostage. Aus dem gesäten Flachs entstand später das sogenannte „Haar" oder „Hoar", jene langen, hellen Fasern, aus denen Leinwand, Kleidung und Arbeitsstoffe gefertigt wurden. Auch die „Haarstube" hatte daher nichts mit Kopfhaar zu tun, sondern mit der Verarbeitung des Flachses. Hinter diesen heute fast verschwundenen Begriffen verbirgt sich eine ganze Welt aus bäuerlicher Arbeit, Volksglauben und alten Gemeinschaftsbräuchen.


Blühendes Flachsfeld im Frühsommer: Die zarten blauen Blüten des Leins prägen für wenige Wochen die Landschaft. Aus den Pflanzen wurden früher Fasern für Leinengarn und Leinenstoffe gewonnen. Im Hintergrund zeichnet sich eine bäuerliche Siedlung am Horizont ab, wie sie vor etwa 150 Jahren ausgesehen haben könnte.
Blühendes Flachsfeld im Frühsommer: Die zarten blauen Blüten des Leins prägen für wenige Wochen die Landschaft. Aus den Pflanzen wurden früher Fasern für Leinengarn und Leinenstoffe gewonnen. Im Hintergrund zeichnet sich eine bäuerliche Siedlung am Horizont ab, wie sie vor etwa 150 Jahren ausgesehen haben könnte.



  1. Die Etymologie des Wortes "Flachs"

Schon in der germanischen Urform des Wortes "Flachs" zeigt sich, welche Bedeutung der Flachs im alltäglichen Leben besaß. Bereits die rekonstruierten Wortformen unterscheiden sehr genau zwischen verschiedenen Verarbeitungsstufen der Pflanze. Das Germanische Wörterbuch von Gerhard Köbler verzeichnet zum Stichwort „flachs" insgesamt elf Lemmata, die sich in mehrere Bedeutungsgruppen ordnen lassen.


Die Pflanze als Rohstoff

Für den Flachs als Pflanze und Rohmaterial bestanden gleich mehrere Begriffe:

flahsa-, flahsam (Neutrum) und flahsa-, flahsaz (Maskulinum): Flachs harwa-, harwaz (Maskulinum): Flachs

Aus flahsa- entwickelte sich das heutige Wort „Flachs". Daneben bestand mit harwa- eine zweite, später verschwundene Bezeichnung für dieselbe Pflanze.


Das bearbeitete Produkt

Eine eigene sprachliche Kategorie bildete der bereits aufbereitete Flachs:

hazwa, hazwaz (Substantiv): Abgekämmtes, Flachs

Dieser Begriff bezeichnet jenen Bearbeitungszustand, der durch das Hecheln entsteht. Karl Hassack beschreibt 1906 genau diesen Arbeitsschritt: das Kämmen der Bastfasern durch eiserne Zähne, bis sich die langen Fasern von den holzigen Resten trennen. Dass für diesen Zwischenzustand ein eigenes germanisches Wort existierte, zeigt die wirtschaftliche und alltägliche Bedeutung dieses Arbeitsganges.


Das textile Erzeugnis

Für das fertige Gewebe und seine Eigenschaften existierten gleich drei verwandte Begriffe:

leina-, leinam, līna-, līnam (Neutrum): Lein, Linnen, Leinen līnīna-, līnīnaz (Adjektiv): leinen (also „aus Leinen bestehend") *lint- (Substantiv): Leinen, Leinwand

Aus dieser Wortfamilie entwickelten sich die heutigen Begriffe „Lein", „Leinen", „Linnen" und „Leinwand". Sowohl Substantiv als auch das Adjektiv besaßen jeweils eigene Wortformen, was wiederum für die textile Allgegenwart spricht.


Fasern und Fäden

Zwei weitere Wörter beziehen sich auf Bauteile und Endprodukte der Verarbeitung:

linament- (Substantiv): Docht, Faser þrēdu-, þrēduz, þrǣdu-, *þrǣduz (Maskulinum): Draht, Faden

Aus *þrēdu- entstand das heutige Wort „Faden", das Ergebnis des Spinnvorgangs. Linament- benennt nicht nur die Einzelfaser, sondern auch den Docht, ein weiteres altes Erzeugnis aus Pflanzenfasern.


Die Verben der Bearbeitung

Auch für die einzelnen Arbeitsschritte am Flachs bestanden eigene Wörter:

reipan, rīpan (Verb): ernten, reißen *þehsan (Verb): hauen, zurichten, Flachs schwingen

Das Verb reipan lebt im heutigen „raufen" weiter, also jenem Ausziehen der Flachspflanzen samt Wurzel, das Hassack als ersten Schritt der Ernte beschreibt. Þehsan beschreibt das Schwingen und Zurichten der Fasern, also einen späteren Arbeitsgang nach dem Brecheln.


Was die Wortvielfalt zeigt

Elf voneinander unterschiedene germanische Lemmata für einen einzigen Rohstoff sind selten. Sie zeigen, dass Flachs niemals als einfache Einheit verstanden wurde, sondern als ganze Kette aus Pflanze, Faser, Garn und Gewebe in präzise getrennten Zuständen. Vergleichbare Differenzierungen finden sich nur bei wenigen anderen Pflanzen, etwa beim Getreide mit seinen eigenen Wörtern für Halm, Korn, Mehl und Brot.


Die alte Unterscheidung zwischen Flachs als Pflanze und Leinen als Stoff lebt bis heute weiter. Beide Wörter stehen im Deutschen nebeneinander, getragen von einer Tradition, die bis in die germanische Zeit zurückreicht. In den bäuerlichen Dialekten Österreichs hielt sich daneben lange das „Haar", ein Begriff, der die langen, hellen Fasern unmittelbar mit blondem menschlichem Haar in Beziehung setzte.




  1. Wann der Lein gesät wurde

Gerade rund um die Eisheiligen begann früher in vielen Regionen die entscheidende Zeit für den Flachsanbau. Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens nennt eine ganze Reihe günstiger Aussaattage, darunter Servaz (13. Mai), Bonifaz (14. Mai) und Sophie (15. Mai). Erst nach diesen Tagen erschien die Gefahr später Fröste gebannt.


Der Ausdruck „Haar" für den Flachs wirkt heute ungewohnt, war früher aber völlig selbstverständlich. Nicht das Kopfhaar war gemeint, sondern die langen, glänzenden Flachsfasern selbst. Karl Hassack hielt 1906 in einem Vortrag in Wien fest:


Außer den vortrefflichen Spinnfasern, die unsere Bauern häufig „Haar" nennen, ein Ausdruck, der auch für die dem Flachs sehr ähnlichen Hanffasern gebraucht wird, gewinnt man von der Leinpflanze auch die Samen, „Leinsaat", bei uns auch „Haarlinsen" genannt.

Flachs gehörte über Jahrhunderte zu den wichtigsten Kulturpflanzen des ländlichen Österreichs. Aus ihm entstanden Leinwand, Arbeitskleidung, Bettzeug, Säcke, Tischtücher und Mischgewebe wie der steirische Wilfling. Auch in anderen Bundesländern Österreich ist dieser Stoff bekannt. Gleichzeitig war die Verarbeitung des Haares von Bräuchen, Aberglauben, Fruchtbarkeitsriten und gemeinschaftlichen Arbeitsfesten begleitet.


Je nach Gegend und Überlieferung kannte die bäuerliche Bevölkerung unterschiedliche Termine für die Aussaat. Das Handwörterbuch nennt neben den Eisheiligen auch Gertrud (17. März), Maria Verkündigung (25. März), Georg (23. April), Markus (25. April), Walpurgis (1. Mai), Helene (22. Mai), Urban (25. Mai), Petronella (31. Mai), Erasmus (2. Juni), Medardus (8. Juni) und Vitus (15. Juni). Marientage galten besonders günstig, und sehr beliebt war auch der Gründonnerstag.


Sogar die Tageszeit wurde beachtet. Im Handwörterbuch heißt es:


Fast allgemein heißt es, man müsse den Lein in aller Frühe, vor oder bei Sonnenaufgang, oder doch vormittags säen. Der nachmittags gesäte Lein blüht immerfort und setzt keine Samen an oder er blüht nur nachmittags.



  1. Weshalb der Flachs „Haar" genannt wird

Dass der Flachs in großen Teilen Österreichs einfach „Haar" oder „Hoar" hieß, wirkt heute zunächst ungewohnt. In alten Quellen begegnen jedoch zahlreiche Begriffe, die unmittelbar damit zusammenhängen: die Haarstube, das Haarsammeln, härene Hemden oder härene Tücher. Noch ältere Menschen verwendeten diese Ausdrücke völlig selbstverständlich.


Flachs als Rohstoff und geriffelt, so dass die Faser menschlichem hellem Haar ähnelt.
Flachs als Rohstoff und geriffelt, so dass die Faser menschlichem hellem Haar ähnelt.

Der Ursprung dieser Bezeichnung dürfte in den langen, feinen und glänzenden Flachsfasern liegen, die tatsächlich an blondes menschliches Haar erinnerten. Karina Grömer beschreibt in ihrem Werk zur prähistorischen Textilkunst:


Flachsfasern sind gut zu glatten, glänzenden Fäden zu verspinnen, was wiederum verwoben einen festen, robusten Stoff ergibt. Flachs wirkt durch die hohe Wärmeleitfähigkeit der Fasern kühlend. Die blassgrauen bis hellbraunen Fasern lassen sich gut zu einem hellen bis weißen Farbton bleichen, das Einfärben des Materials bereitet hingegen Schwierigkeiten.

„Hären" bezeichnete grobes Leinen oder aus Flachs gefertigtes Gewebe. Ein „härenes Gewand" bestand also nicht aus Tierhaar, sondern aus Leinwand oder gröberem Flachsstoff. Solche Wörter hielten sich vielerorts bis weit ins 19. und frühe 20. Jahrhundert.


Die alte Unterscheidung lebt bis heute weiter. Noch immer stehen im Deutschen zwei Begriffe nebeneinander: der Flachs als Pflanze und das Leinen als fertiger Stoff. In den bäuerlichen Dialekten Österreichs hielt sich daneben lange das „Haar", ein Wort, das heute beinahe verschwunden ist.




  1. Der „Allernützlichste": Flachs als Kulturpflanze

Der Flachs zählt zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Sein Anbau zählt zu den ältesten Kulturtechniken Europas und lässt sich bereits für vorgeschichtliche Zeit nachweisen. Mit der Bandkeramikkultur (ca. 5700 bis 4100 v. Chr.) kam der Flachs nach Mitteleuropa. Er wurde auf den Lößflächen nördlich der Donau bis nach Nordfrankreich angebaut. Auch antike Autoren erwähnen die Verarbeitung von Leinen: Der römische Gelehrte Plinius der Ältere (23–79 n. Chr.) berichtete vom Weben von Leinenstoffen durch germanische Frauen. Im Capitulare de villis Karls des Großen, einer Landgüterverordnung aus der Zeit um 794, wurde der Flachsanbau ausdrücklich empfohlen. Bis weit ins 18. Jahrhundert gehörte Flachs zu den wichtigsten landwirtschaftlichen Nutzpflanzen im ländlichen Raum. Bereits sein botanischer Name verweist auf seine außergewöhnliche Bedeutung.


Flachs (Linum usitatissimum) ist eine einjährige Faserpflanze und erreicht etwa einen halben Meter Höhe. Rund hundert Tage nach der Aussaat erscheinen die charakteristischen blauen Blüten. Wenige Wochen später entwickeln sich daraus Samenkapseln. Sobald diese reif sind, beginnt die Ernte. Die Samenkapseln werden durch Dreschen oder mit Hilfe eines Eisenkammes, des sogenannten Riffelns, von den Stängeln getrennt. Die Samen dienten unter anderem zur Herstellung von Leinöl und fanden auch medizinische Verwendung. Flachs (Tafel aus: Köhler’s Medizinal-Pflanzen Bd.1; 1887; Quelle: BioLib.de)
Flachs (Linum usitatissimum) ist eine einjährige Faserpflanze und erreicht etwa einen halben Meter Höhe. Rund hundert Tage nach der Aussaat erscheinen die charakteristischen blauen Blüten. Wenige Wochen später entwickeln sich daraus Samenkapseln. Sobald diese reif sind, beginnt die Ernte. Die Samenkapseln werden durch Dreschen oder mit Hilfe eines Eisenkammes, des sogenannten Riffelns, von den Stängeln getrennt. Die Samen dienten unter anderem zur Herstellung von Leinöl und fanden auch medizinische Verwendung. Flachs (Tafel aus: Köhler’s Medizinal-Pflanzen Bd.1; 1887; Quelle: BioLib.de)

Die eigentlichen Flachsfasern liegen im Inneren der Stängel und werden von Holz- und Markschichten umgeben. Damit die Fasern nutzbar werden, mussten mehrere Arbeitsschritte erfolgen: Rösten, Brecheln, Ausschlagen und Kämmen. Erst danach blieb die feine Faser zurück, aus der Garn hergestellt werden konnte.


Das Spinnen der Flachsfasern gehörte über Jahrhunderte zu den typischen Winterarbeiten der Frauen auf dem Land. Mit Spindel oder Spinnrad wurden die Fasern zu langen Fäden verarbeitet. Anschließend kochte man das Garn häufig in Lauge, um es geschmeidiger für das Weben zu machen.



Karina Grömer vom Naturhistorischen Museum in Wien erläutert:


Der Flachs (Linum usitatissimum) ist eine vielseitige Kulturpflanze, was schon die überschwängliche Bezeichnung der Botaniker „usitatissimum, der Allernützlichste" andeutet.

Karl Hassack beschrieb die Pflanze 1906 mit lyrischen Worten:


Ein schlankes Gewächs mit kurzer Pfahlwurzel, dünnem, oben etwas verästeltem Stengel mit zahlreichen kleinen, linealen Blättchen; auf dem Gipfel mehrere große, himmelblaue Blüten, die einem blühenden Leinfelde einen überaus lieblichen Anblick verleihen, ja ein Dichter nannte es „ein Stück auf die Erde gefallenen Himmels".

Die Wildform des Kulturflachses, der schmalblättrige Wildlein (Linum bienne), stammt nach Grömer aus dem Mittelmeergebiet, aus Nordafrika und Vorderasien:


Flachs als Kulturpflanze gelangte, ähnlich wie viele andere Errungenschaften des Neolithikums, aus dem Süden zu uns. Die ältesten Hinweise auf diese Kulturpflanze zur Faserherstellung stammen aus dem Nahen Osten, aus dem Akeramischen Neolithikum um 9.000 v. Chr. Dies sind Pflanzenreste des kultivierten Flachses aus Jericho sowie Leinengewebe aus der Nahal-Hemar-Höhle in der Nähe des Toten Meeres.

Seit der Jungsteinzeit begleitet der Flachs auch die Siedlungsgeschichte Mitteleuropas. Besonders gut erforscht wurde sein Anbau in den Pfahlbausiedlungen rund um den Zürichsee. Grömer schreibt dazu:


Hier erreicht der Anbau des Flachses einen Höhepunkt im Spätneolithikum, besonders in der Horgener Kultur im 33. Jahrhundert v. Chr. Dies geht Hand in Hand mit zahlreichen Funden von Hechelzähnen zur Flachsaufbereitung und mit Funden von Leinengeweben.

Auch in Österreich lässt sich Flachs früh nachweisen. Aus Hallstatt stammen mittelbronzezeitliche Leinengewebe, vom Dürrnberg bei Hallein eisenzeitliche Textilreste. In Roseldorf in Niederösterreich fanden sich Hinweise auf Flachsverarbeitung in einer latènezeitlichen Siedlung mit Heiligtum.


Die Menschen schätzten den Flachs nicht nur wegen seiner Fasern. Grömer hält fest, dass Leinsamen bereits in der Urgeschichte gegessen wurden:


Lein wurde in der Urgeschichte auch gegessen, wie Krusten von verkohlten Leinsamen auf spätneolithischen Topfscherben aus der Schweiz belegen.

Auch in Wien spielte Flachs wirtschaftlich eine Rolle. Seit dem Mittelalter wurde sogenanntes „Haar“ – also aufbereiteter Flachs – auf dem Haarmarkt gehandelt, der sich in Teilen der heutigen Rotenturmstraße im 1. Bezirk befand.




  1. Vom Haar zur Leinwand

Der Flachsanbau verlangte weit mehr Arbeit als viele andere Kulturpflanzen. Zwischen Aussaat und fertigem Leinen lagen zahlreiche einzelne Arbeitsschritte, die sich über Monate erstreckten.


Karl Hassack beschreibt in seinem Vortrag von 1906 zwei Anbauzeiten:


Bezüglich der Anbauzeit unterscheidet man eine Frühsaat zwischen Ende März und Ende April und eine Spätsaat in der zweiten Hälfte des Mai bis Mitte Juni.

Nach Hassacks Erfahrung war die Frühsaat unbedingt vorzuziehen. Für die Fasergewinnung war eine möglichst dichte Aussaat notwendig. Hassack erläutert:


Die Stengel werden, da sie recht dicht stehen und so viel als möglich dem Lichte zustreben, sehr dünn und verästeln sich nur wenig, geben infolgedessen bei der Erntebereitung feine und doch feste, lange Fasern.

Nach der Reife wurde der Flachs nicht mit der Sense geschnitten, sondern „gerauft". Hassack beschreibt diesen Vorgang:


Die Arbeitsleute, meist Frauen, ergreifen mit beiden Händen bis zu 50 Stengel auf einmal und ziehen sie mit raschem Griffe gemeinsam aus der Erde.

Ein besonders wichtiger Arbeitsschritt war die Röste. Hassack nennt die Tau- oder Rasenröste „das älteste und einfachste Verfahren". Misslang die Röste, verdarb die gesamte Faser.


Bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde in vielen ländlichen Regionen Österreichs noch Flachs angebaut. Neben Schafwolle bildete er einen der wichtigsten Rohstoffe für die Herstellung von Textilien. Besonders auf bäuerlichen Höfen gehörte die Verarbeitung des Flachses über Generationen zum festen Jahresablauf. Ende August zog man die Flachspflanzen büschelweise händisch aus dem Boden und band sie zu Garben. Nach einer ersten Trocknung auf dem Feld entfernte man die Samenkapseln mit Hilfe eines groben Eisenkammes. Dieser Arbeitsschritt wurde „Abriffeln“ genannt. Anschließend legte man das Flachsstroh mehrere Tage im Freien aus. Durch Tau, Regen und Sonneneinstrahlung setzte langsam die sogenannte Feldröste oder Bleiche ein. Dabei löste sich die natürliche Leimschicht der Pflanzenfasern. Danach mussten die Stängel erneut getrocknet werden, häufig in beheizbaren Räumen, die man vielerorts als Brechelstuben bezeichnete. Es folgte das eigentliche Brecheln: Mit einer hölzernen Brechel wurden die holzigen Bestandteile der Stängel aufgebrochen. Danach entfernte man die verbleibenden Holzreste mit der Schwinge, einem hölzernen Schlagwerkzeug. Um schließlich die feinen Fasern zu gewinnen, zog man den Bast durch eine Hechel mit dicht stehenden Eisennadeln. Die dabei ausgesonderten kurzen Fasern, das sogenannte Werg, verwendete man oft als Dichtmaterial. Vor dem Spinnen musste das „Hoar“, also der aufbereitete Flachs, zusätzlich geklopft und gebürstet werden. Erst dadurch entstand ein weiches, glänzendes Garn, aus dem Leinenstoff gewebt werden konnte. Auch die Nebenprodukte fanden Verwendung: Leinsamen dienten als Nahrungsmittel oder zur Gewinnung von Leinöl. Das Brecheln selbst galt als schwere körperliche Arbeit. Gleichzeitig waren diese gemeinsamen Arbeitsabende wichtige soziale Treffpunkte. Nachbarn halfen einander, tauschten Neuigkeiten aus und verbanden die Arbeit häufig mit Unterhaltung und kleinen Streichen. Bild links: Schaukasten "Werdegang des Flachses", Weberei Wilhelm Kübler & Co Stadtoldendorf, 1959, Heimatmuseum Seelze ©, Foto: Klaus A.E. Weber, Historisches Museum Hellental (https://historisches-museum-hellental.de/flachsgewinnung-flachsverarbeitung.html); Bild Mitte: Haarriffel zum Abreißen (Riffeln) der Flachssamenpollen von der Pflanze, Bergbauernmuseum Wildschönau (https://www.bergbauernmuseum.at/bilderspaziergang/flachs-und-hanf); Bild rechts: Von links nach rechts: Flachs getrocknet (Grünflachs) -> Tauröstflachs -> Wasserröstflachs -> Flachs aus modifizierter Wasserröste (© Heger. Hulda Natural Fibres Consultants), Blog zu Flachs und Leinen (https://flachs.de/).



Nach dem Trocknen wurde der Flachs gedörrt. Beim Brecheln zerbrach das harte Innere der Stängel zwischen hölzernen Brecheln. Dabei entstanden große Mengen Staub und Spreu. Anschließend folgte das Hecheln. Die Fasern wurden durch eiserne Kämme gezogen, bis nur noch die langen, glatten Flachsfasern übrig blieben.


Erst nach dem Hecheln begann das Spinnen. Aus den langen Fasern entstand Leinengarn, das anschließend auf dem Webstuhl verarbeitet wurde. Daraus fertigte die bäuerliche Bevölkerung Hemden, Bettzeug, Säcke, Arbeitsschürzen und Tischtücher.




  1. Haarstuben, Brechelbäder und Schwitzhäuser

Die Verarbeitung des Haares erfolgte vielerorts nicht im eigentlichen Wohnhaus. Für das Dörren, Brecheln und Hecheln bestanden eigene Nebengebäude, die regional als Haarstuben, Brechelstuben, Badstuben, Brechelhütte, Brechelbäder, Rauhstuben oder Hurstuben (von "Haar") oder Schwitzhäuser bezeichnet wurden.


Sie gehörten bis weit ins 20. Jahrhundert zur bäuerlichen Arbeitswelt vieler österreichischer Regionen. Dabei handelte es sich um kleine, beheizbare Gebäude, in denen der Flachs gedörrt und für die weitere Verarbeitung vorbereitet wurde. Da gedörrter Flachs leicht entflammbar war, standen Haar- und Brechelstuben aus Sicherheitsgründen meist in einiger Entfernung vom Bauernhof oder am Rand der Siedlung.


In den Brechelbädern wurde der Flachs nach dem Rösten gebrechelt, also von den holzigen Bestandteilen getrennt. Erst dadurch konnten die langen Fasern für das Spinnen und Weben gewonnen werden. In manchen Gemeinden waren solche Gebäude weit verbreitet. Allein in Seeham existierten früher vierzehn Brechelbäder. Der Flachsanbau gehörte damals selbstverständlich zur bäuerlichen Selbstversorgung, da aus den Fasern Leinenstoffe für Kleidung, Bettwäsche oder Arbeitsgewand hergestellt wurden.


Neben der Flachsverarbeitung dienten viele Brechelbäder zugleich als Schwitz- oder Dampfbäder und erfüllten damit eine ähnliche Funktion wie die heutige Sauna. Schwitzbäder lassen sich in Mitteleuropa bereits für das 16. Jahrhundert nachweisen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gerieten diese Badeformen allerdings zunehmend unter Kritik und verschwanden vielerorts.


Die Badstube aus Alpbach in Tirol stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde 1966 in das Österreichische Freilichtmuseum Stübing übertragen. Solche Bad- und Brechelstuben dienten früher sowohl zum Dörren des Flachses als auch als Schwitzbad. Bild: Badstube, Alpbach, Tirol, © ÖFM (https://www.museum-joanneum.at/oesterreichisches-freilichtmuseum-stuebing/entdecken/tal-der-geschichten/tirol/badstube).
Die Badstube aus Alpbach in Tirol stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde 1966 in das Österreichische Freilichtmuseum Stübing übertragen. Solche Bad- und Brechelstuben dienten früher sowohl zum Dörren des Flachses als auch als Schwitzbad. Bild: Badstube, Alpbach, Tirol, © ÖFM (https://www.museum-joanneum.at/oesterreichisches-freilichtmuseum-stuebing/entdecken/tal-der-geschichten/tirol/badstube).


Besonders eng verbunden waren Brechelstube und Badstube. Viktor Herbert Pöttler beschreibt für das Rauchstubenhaus „Sallegger Moar":


Durch Begießen des Ofengewölbes oder glühend gemachter Steine bereitete man sich bis ins 18. Jahrhundert in der Rauchstube Dampf- oder Schwitzbäder.

Das Österreichische Freilichtmuseum Stübing dokumentiert für eine Tiroler Badstube aus Alpbach:


Wie der Name noch erkennen lässt, wurden in der in Blockbau gezimmerten Stube einst Dampf- oder Schwitzbäder, wie in einer Sauna, zubereitet. Diese der Gesundheit sehr zuträglichen Bäder wurden im 18. Jahrhundert als unsittlich verboten, und es sollte lange dauern, bis das Bad wieder im Bauernhaus Einzug hielt. Schließlich wurden die mit einem gemauerten Ofen ausgestatteten Badestuben nur mehr zum Dörren und Brecheln verwendet. In der Bezeichnung Brechel-Badstuben sind noch die Funktionen des Badens und Brechelns erhalten geblieben.

Damit wandelten sich zahlreiche mehrfach genutzte Gebäude allmählich zu reinen Arbeitsgebäuden der Flachsverarbeitung. Regional bestanden große Unterschiede. In manchen Gegenden standen eigene Haarstuben, andernorts erfolgte das Dörren des Flachses in Rauchstuben, Wirtschaftsräumen oder Dachböden.


Haarstube auf dem elterlichen Hof. Die Hütte ist etwa 150 Meter von den Hauptgebäuden entfernt und diente später ab den 1970er Jahren als Ferien- und Wochenendunterkunft für Tante, Onkel, Cousins und Cousinen. Bis Anfang der 1990er Jahre gab es keinen Strom, fließend Wasser wurde Ende der 1970er installiert.
Haarstube auf dem elterlichen Hof. Die Hütte ist etwa 150 Meter von den Hauptgebäuden entfernt und diente später ab den 1970er Jahren als Ferien- und Wochenendunterkunft für Tante, Onkel, Cousins und Cousinen. Bis Anfang der 1990er Jahre gab es keinen Strom, fließend Wasser wurde Ende der 1970er installiert.

Die Haarstuben waren jedoch nicht nur Arbeitsräume. Während der Wintermonate entstanden dort wichtige Treffpunkte des Dorflebens. Beim Brecheln, Hecheln und Spinnen trafen sich Nachbarn, Verwandte und junge Leute. Arbeit, Gespräch und Brauchtum gingen ineinander über.


Mit dem Rückgang des Flachsanbaues verloren auch die Brechelbäder ihre ursprüngliche Bedeutung. Als Baumwolle und später Kunstfasern in den 1950er Jahren das Leinen zunehmend verdrängten, wurden viele dieser Gebäude nicht mehr benötigt. Zahlreiche Brechelbäder verfielen oder verschwanden vollständig aus dem Ortsbild.




  1. Die Rauchstube und ihre Bedeutung

Nicht überall standen gleich eigene Haar- oder Brechelstuben zur Verfügung. Vielerorts erfolgte je nach Hofform das Dörren des Flachses zunächst direkt im Rauchstubenhaus. Ein Rauchstubenhaus ist eine ältere Form des bäuerlichen Wohnhauses, bei der die sogenannte Rauchstube den zentralen Wohn- und Arbeitsraum bildete. In dieser Stube wurde gekocht, gegessen, gearbeitet und oft auch geschlafen. Der Rauch des offenen Herdfeuers zog nicht sofort durch einen Kamin ab, sondern erfüllte zunächst den oberen Teil des Raumes und entwich erst durch Rauchluken oder hölzerne Rauchschlote. Besonders verbreitet waren Rauchstubenhäuser in den Alpenregionen Österreichs.


Viktor Herbert Pöttler hebt die Bedeutung dieser Hausform hervor:


Die Rauchstube ist, wie schon die Bezeichnung „Stube" sagt, ein Wohnraum oder richtiger der Hauptwohnraum des Hauses. Darüber hinaus ist sie ein Mehrzweckraum, in dem gewohnt, gekocht, gegessen und geschlafen wurde, und in dem auch noch Platz für die Hühner war.

Trotz des Rauches galt die Rauchstube lange als funktional und praktisch, da der Rauch auch konservierend wirkte und Holz sowie Vorräte vor Schädlingen schützen konnte. Das negative Urteil, das der Rauchstube oft zuteilwurde, hält Pöttler für „völlig unberechtigt". In gut funktionierendem Zustand sei sie „mit ihrem Ausmaß von durchschnittlich 45 bis 50 m² Fläche durch Jahrhunderte ein vorzüglicher Mehrzweckraum" gewesen.


Viktor von Geramb, der bedeutende österreichische Volkskundler, schrieb bereits 1911:


Wenn es je dazu kommt, daß aus volkskundlichen, musealen Gründen, was sehr erfreulich wäre, irgendwo Typen von Bauernhäusern aufgestellt würden, so müßte meines Erachtens folgerichtig zuerst auf den Typus des Rauchstubenhauses gegriffen werden.

Diese Forderung wurde verwirklicht. Am 4. Juni 1963 begann die Übertragung des „Sallegger Moar" aus Sallegg Nr. 9, Gemeinde Kogelhof bei Birkfeld, in das Österreichische Freilichtmuseum. „Moar“ (auch „Meier“ oder „Maier“) bezeichnete ursprünglich den Verwalter oder Bewirtschafter eines größeren Hofes oder Grundbesitzes. Im bairisch-österreichischen Raum entwickelte sich daraus später die Bezeichnung für einen größeren Bauernhof selbst beziehungsweise für dessen Besitzer.


Der Name „Sallegger Moar“ bedeutet daher sinngemäß der Meierhof beziehungsweise Großbauernhof von Sallegg. Solche Hofnamen blieben oft über Jahrhunderte erhalten und wurden zu festen Bezeichnungen für bestimmte Anwesen und Familien.


Ein bekanntes Beispiel für ein Rauchstubenhaus ist der „Sallegger Moar“, dessen Geschichte bis in das Jahr 1409 zurückreicht. Im Jahr 1775 erhielt das Wohnhaus seine heutige Form. Das eingeschossige, strohgedeckte Gebäude ist im Wohnbereich in überkämmtem und verzinktem Blockbau errichtet, während Keller und Stall aus Bruchsteinen gemauert wurden. Mittelpunkt des Hauses ist die vollständig erhaltene Rauchstube, die zugleich als Koch-, Ess- und Wohnraum diente. Die Ausmaße der Rauchstube betragen 6.60 x 7 m (46,2 m²) und 2.70 m in der Höhe. Die relativ starke Überhöhung des Rauchstubenraumes gegenüber den anderen Räumen soll verhindern, dass beim Einheizen den aufgestauten Rauch eingeatmet wird. Bett und Wiege erinnern daran, dass hier auch Kleinkinder und kranke Familienmitglieder versorgt wurden. Selbst für die Hühner war unter der Sitzbank ein eigener Platz vorgesehen. Die typische Doppelfeuerstätte bestand aus einem offenen Herd und einem angeschlossenen Ofen zum Kochen, Backen und Heizen. Über dem Herd befand sich ein trichterförmiger Feuer- oder Funkenhut, der Rauch und Funken aufnahm. Da der Rauch aus Brandschutzgründen nicht direkt abziehen durfte, sammelte er sich zunächst im oberen Bereich der Stube und zog erst durch eine Rauchluke über der Tür in den hölzernen Rauchschlot und weiter ins Freie. Schlafräume befanden sich zusätzlich unter dem Dach, während über dem kleinen „Stübl“ ein Vorratsraum eingerichtet war, der von außen über eine Stiege erreichbar blieb. Bilder und Informationen: Rauchstubenhaus „Sallegger Moar“ aus Sallegg bei Birkfeld in der Steiermark. © Österreichisches Freilichtmuseum Stübing (ÖFM) (https://www.museum-joanneum.at/oesterreichisches-freilichtmuseum-stuebing/entdecken/tal-der-geschichten/steiermark/historische-bauten-aus-der-oststeiermark/rauchstubenhaus).




  1. Die Aussaat des Leinens

Mit der Aussaat des Leinens begann nicht nur ein neuer Arbeitsabschnitt des bäuerlichen Jahres, sondern auch eine Vielzahl von Bräuchen, Wetterregeln und Vorstellungen rund um Wachstum und Fruchtbarkeit.


Das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens nennt im Artikel „Lein" eine Fülle von Orakeln zur Aussaatzeit. Besonders verbreitet waren Deutungen von Eiszapfen während des Winters. Lange Eiszapfen an Weihnachten, Neujahr, Dreikönig oder Fastnacht bedeuteten, dass auch der Lein dieses Jahr lang werde. Solche Vorstellungen folgen dem alten Analogiezauber: Was lang erscheint, soll auch lang wachsen.


Auch das Wetter wurde genau beobachtet. Das Handwörterbuch hält fest:


Der Lein gedeiht, wenn an Fastnacht Wasser in den Wagengleisen läuft, wenn es an Fastnacht regnet oder wenn man am Fronleichnamsfest die auf die Straße gestreuten Blumen in den Boden tritt.

Die Tierkreiszeichen spielten ebenfalls eine Rolle:


Günstig sind die haarigen Zeichen, wie Widder, Stier, Steinbock, Löwe, Jungfrau, Fische oder Waage. Ein schlechtes Zeichen ist Krebs; da wird der Lein nicht lang, weil der Krebs zurückgeht.

Das bäuerliche Kalenderwissen verband christliche Festtage, Naturbeobachtung und alte Fruchtbarkeitsvorstellungen miteinander.




  1. Analogiezauber und Fruchtbarkeitsriten

In der volkskundlichen Überlieferung finden sich zahlreiche Bräuche und magische Vorstellungen rund um den Flachsanbau. Dazu gehörten Aussaatrituale an bestimmten Tagen, Segnungen mit Weihwasser oder das Vergraben von Ostereierschalen zur Förderung des Wachstums. Der Wunsch nach gutem Gedeihen zeigte sich auch im Spruch „Flachs wachs!“. In vielen Museen sind kunstvoll verzierte Flachsschwingen erhalten geblieben, die häufig als Liebesgaben verschenkt wurden.


Rund um die Aussaat des Haares entstanden zahlreiche Bräuche, die heute oft befremdlich wirken. Dahinter standen Vorstellungen des Analogiezaubers: Gleiches sollte Gleiches bewirken. Länge sollte Länge hervorbringen, Fruchtbarkeit neues Wachstum fördern, Reinheit auf die Pflanzen übergehen.


Besonders Frauen spielten bei vielen dieser Rituale eine wichtige Rolle. Im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens heißt es:


Beim Leinsäen soll man die Kopfbedeckung abnehmen, damit die Haare im Winde fliegen und der Lein recht haarig, fein wird.

Dieselbe Vorstellung begegnet auch bei weißen Kleidungsstücken oder den blauen Schürzen der bäuerlichen Arbeitskleidung. Peter Rosegger beschreibt für das Joglland in der Oststeiermark:


Die Männer tragen im Sommer Kleidung von dunklem Tuche, im Winter aus dem sogenannten Wilfling (ein Gewebe aus Garn und Schafwolle); an den Werktagen haben sie lange blaue Schürzen umgebunden, eine Sitte, die selbst schon bei den Schulknaben herrscht.

Da Rosegger selbst viereinhalb Jahre lang beim erfahrenen Schneidermeister Ignaz Orthofer (auch bekannt als "Meister Naz") das Schneiderhandwerk lernte und jahrelang von Hof zu Hof zog („auf der Stör“), war der Wilfling das Material, das er täglich unter seinen Händen hatte.


Schneidermeister Ignaz Orthofer, bei dem Peter Rosegger als Jugendlicher das Schneiderhandwerk erlernte. Handkoloriertes Glasdiapositiv, um 1880. (https://austria-forum.org/af/Bilder_und_Videos/Historische_Bilder_IMAGNO/Rosegger%2C_Peter/00591119)
Schneidermeister Ignaz Orthofer, bei dem Peter Rosegger als Jugendlicher das Schneiderhandwerk erlernte. Handkoloriertes Glasdiapositiv, um 1880. (https://austria-forum.org/af/Bilder_und_Videos/Historische_Bilder_IMAGNO/Rosegger%2C_Peter/00591119)

Quelle: IMAGNO / Österreichisches Volkshochschularchiv, Mediennummer 00591119.


Die blaue Farbe stand eng mit dem Lein und seinen Blüten in Verbindung. Im Handwörterbuch wird dazu vermerkt:


Der Sämann muß eine blaue Leinenschürze tragen oder aus einer solchen säen; dann wird der Lein schön blau.

Dieselben Vorstellung begegnet man auch bei den blauen Schürzen der bäuerlichen Arbeitskleidung, die Peter Rosegger für das Joglland in der nördlichen Oststeiermark beschreibt:


Die Männer tragen im Sommer Kleidung von dunklem Tuche, im Winter aus dem sogenannten Wilfling (ein Gewebe aus Garn und Schafwolle); an den Werktagen haben sie lange blaue Schürzen umgebunden, eine Sitte, die selbst schon bei den Schulknaben herrscht.
Der blaue Schurz in Südtirol: In der Oststeiermark längst vergessen oder durch blaue Arbeitshose und -jacken ersetzt, ist er in Südtirol fixer Bestandteil der Arbeitskleidung. “Ein Mann ohne Schurz ist nur halb angezogen”, besagt dort ein Sprichwort. Der blaue Schurz gehörte über Generationen zur typischen Arbeitskleidung des bäuerlichen Alltags im Alpenraum. Ursprünglich wurden Schürzen häufig aus Leinen gefertigt, später setzte sich Baumwolle durch. Sie schützten die Kleidung bei der täglichen Arbeit und dienten zugleich als praktischer Gebrauchsgegenstand als Tasche, Säsack oder Handtuch. Der charakteristische Blauton entwickelte sich im 20. Jahrhundert zunehmend zum Symbol bäuerlicher Tradition und regionaler Zugehörigkeit. Noch heute gilt der blaue Schurz in Südtirol als Zeichen lebendiger Alltagskultur und handwerklicher Verbundenheit. Bild: Der blaue Schurz, © Südtirol Marketing/Stefano Scatà.
Der blaue Schurz in Südtirol: In der Oststeiermark längst vergessen oder durch blaue Arbeitshose und -jacken ersetzt, ist er in Südtirol fixer Bestandteil der Arbeitskleidung. “Ein Mann ohne Schurz ist nur halb angezogen”, besagt dort ein Sprichwort. Der blaue Schurz gehörte über Generationen zur typischen Arbeitskleidung des bäuerlichen Alltags im Alpenraum. Ursprünglich wurden Schürzen häufig aus Leinen gefertigt, später setzte sich Baumwolle durch. Sie schützten die Kleidung bei der täglichen Arbeit und dienten zugleich als praktischer Gebrauchsgegenstand als Tasche, Säsack oder Handtuch. Der charakteristische Blauton entwickelte sich im 20. Jahrhundert zunehmend zum Symbol bäuerlicher Tradition und regionaler Zugehörigkeit. Noch heute gilt der blaue Schurz in Südtirol als Zeichen lebendiger Alltagskultur und handwerklicher Verbundenheit. Bild: Der blaue Schurz, © Südtirol Marketing/Stefano Scatà.

Auch der Ehering besaß symbolische Bedeutung:


Damit der Flachs funkelt, also schön glänzt, steckt die säende Frau den Ehering an den Finger. Wohl aus dem gleichen Grunde steckt man beim Säen ein Silberstück zu sich.


Flachs und daraus gefertigte Leinwand galten früher als Zeichen von Fleiß, wirtschaftlicher Sicherheit und bescheidenem Wohlstand, weil sie einen wichtigen Vorrat für Kleidung, Haushalt und Handel darstellten, wie Peter Roseggers Schilderung in "Ein vergessenes Landl" zu entnehmen ist:


Reich ist dort der Hausbeſizer, der auf sein liegendes und fahrendes Gut nichts schuldig ist ; reich nennt man den Fuhrmann, der erspartes Silbergeld hat, eine Dienstmagd, die Flachs und Leinwand in ihrer Truhe hat, und vielleicht darunter versteckt ein Sparcassebüchel mit dem Schnitterlohn.
Leinenballen als Zeichen des Wohlstands. Leinballen aus dem unteren Innviertel, um 1900. Der von Hand verschnürte Ballen stammt aus dem Besitz der Mutter von Rosa Knoll aus Krögn/Reit und wurde über Jahrzehnte am Dachboden aufbewahrt. Solche Leinenvorräte gehörten früher selbstverständlich zur bäuerlichen Hauswirtschaft und dienten als Ausgangsmaterial für Kleidung und Haushaltstextilien. Quelle: Museum Sigl-Haus, Ausstellung „Blaues Wunder – Flachs“ (2017).
Leinenballen als Zeichen des Wohlstands. Leinballen aus dem unteren Innviertel, um 1900. Der von Hand verschnürte Ballen stammt aus dem Besitz der Mutter von Rosa Knoll aus Krögn/Reit und wurde über Jahrzehnte am Dachboden aufbewahrt. Solche Leinenvorräte gehörten früher selbstverständlich zur bäuerlichen Hauswirtschaft und dienten als Ausgangsmaterial für Kleidung und Haushaltstextilien. Quelle: Museum Sigl-Haus, Ausstellung „Blaues Wunder – Flachs“ (2017).


Dazu kamen Speisebräuche. Das Handwörterbuch berichtet:


Als Fruchtbarkeitskult ist es wohl zu deuten, wenn der Sämann auf dem Leinfeld ein gekochtes Ei verzehren muß.

Auch wurden Eierschalen, besonders von Ostereiern, in den Sack mit der Leinsaat gelegt.

Neben solchen stilleren Symbolhandlungen existierten deutlich körperlichere Fruchtbarkeitsriten. Das Wachstum des Leins sollte durch Bewegungen gefördert werden. Tanzen, Springen, Hüpfen, Schaukeln oder Wälzen galten als Formen bäuerlichen Wachstumszaubers. Das Handwörterbuch hält fest:


Die Weiber müssen an Lichtmeß, an Maria Reinigung oder an Fastnacht tanzen, vom Tisch springen oder sich im Lein wälzen.

Auch das sogenannte „Haarlangfahren" gehörte in diesen Zusammenhang:


Bei diesem Haarlangfahren mußte in Niederösterreich der Lenker des Schlittens dafür sorgen, daß umgeworfen wurde und sich die Insassen im Schnee wälzten.

Das Umfallen eines Pferdeschlittens und das darauffolgende Wälzen der Insassen im Schnee galt in Niederösterreich als günstiges Zeichen für langen Flachs.
Das Umfallen eines Pferdeschlittens und das darauffolgende Wälzen der Insassen im Schnee galt in Niederösterreich als günstiges Zeichen für langen Flachs.


Besonders auffällig wirken jene Bräuche, die mit Spott, Obszönität und Beschämung arbeiteten. Das Handwörterbuch berichtet:


Die Frauen müssen dem Flachs den bloßen Hintern zeigen. Vor dem Säen setzt sich die Säerin mit entblößtem Hintern auf den Leinsamen.

Auch der Wortzauber spielte eine Rolle:


Zum apotropäischen Wortzauber gehört es, wenn man beim Leinsäen flucht oder wenn die Bäuerin, so oft sie an ihrem Leinacker vorbeigeht, schimpft oder hineinspuckt, damit der Lein besser wächst.

Teilweise sollte sich das Ehepaar vor der Aussaat sogar absichtlich streiten:


Vor dem Säen muß man sich mit seiner Frau absichtlich ernstlich veruneinigen. Ein glücklich Verheirateter darf keinen Lein säen.

Begleitet wurden diese Bräuche von derben Sprüchen. Ein alter Flachsspruch, im Handwörterbuch zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus Thüringen aufgezeichnet, lautet:


Ich säe jetzt meinen Lein

In das gedüngte Land hinein

Und wünsche, daß er nicht eher blüh,

Bis daß er mir reicht an die Knie.


Der Lein stand jedoch nicht nur mit der Fruchtbarkeit des Feldes, sondern auch mit jener des Menschen in Verbindung. Besonders deutlich zeigt sich dies in Hochzeitsbräuchen:


Die Braut schüttete dem Bräutigam vor dem Kirchgang Lein in die Stiefel, damit der Lein gut gerate.

Andernorts wurde der Braut heimlich Leinsamen in die Schuhe gesteckt oder Flachs in den Brautkranz gebunden.


„Alle Träume von Flachs sind glückhaft und gut zu Hochzeiten und Gesellschaften."

Auch Liebesorakel standen mit dem Haar in Verbindung. Heiratslustige Mädchen streuten in der Andreasnacht, der Thomasnacht oder zu Neujahr Leinsamen ins Bett oder legten sie unter das Kopfkissen. Dadurch sollte der zukünftige Ehemann im Traum erscheinen. Dabei wurden Sprüche gebetet wie:


Hier säe ich meinen Lein,

Hier säe ich meine Saat.

Ist jemand, der mich lieb hat,

Der stelle sich nachts im Traum bei mir ein.




  1. Brecheln als Winterfest

Die Verarbeitung des Haares endete nicht mit der Ernte auf dem Feld. Erst während des Herbstes und der langen Wintermonate begann jene Arbeit, aus der schließlich verspinnbare Fasern entstanden. Besonders das Brecheln entwickelte sich vielerorts zu einem wichtigen Bestandteil des dörflichen Gemeinschaftslebens.


Flachsbrecheln im Tiroler Unterland oder Pinzgau, wo die sainihånserische Mundart gesprochen wird. Er gehört, ebenso wie die Mundarten des Tiroler Unterlandes und des Pinzgaus, zu einem Übergangsgebiet zwischen dem südwestlichen Mittelbairischen und dem Südbairischen. Bild: https://www.sainihanserisch.at/.
Flachsbrecheln im Tiroler Unterland oder Pinzgau, wo die sainihånserische Mundart gesprochen wird. Er gehört, ebenso wie die Mundarten des Tiroler Unterlandes und des Pinzgaus, zu einem Übergangsgebiet zwischen dem südwestlichen Mittelbairischen und dem Südbairischen. Bild: https://www.sainihanserisch.at/.

Peter Rosegger beschreibt in seinem Text „Ein vergessenes Landl" die Bedeutung des Flachses für die Leute im Joglland:


Eine Eigenthümlichkeit des Jacklers ist seine Liebe zum Flachs, den er in großer Menge anbaut und bei dessen Brechen im Herbste sich ganze Volksfeste entwickeln.

Über die winterliche Spinnarbeit schreibt Rosegger:


Den Winter über beschäftigen sich Männer wie Weiber mit Flachs spinnen, und zwar stets bis in die tiefe Nacht hinein, wobei sie sich mit Märchenerzählen, Räthselaufgeben und Singen die Zeit vertreiben.

Vor allem junge Leute kamen bei diesen Arbeiten zusammen. Das Brecheln gehörte zu jenen winterlichen Zusammenkünften, bei denen Bekanntschaften entstanden und Beziehungen angebahnt wurden. Die Arbeit selbst verlief selten still. Zwischen dem rhythmischen Schlagen der Brecheln erklangen Lieder, Neckereien und Spottverse.




  1. Donnerstag, der gefährliche Spinntag

Eine besonders eindrucksvolle Überlieferung bewahrt Peter Rosegger aus dem Joglland. Über das Donnerstags-Spinnverbot schreibt er:


Nur an Donnerstagen darf nach dem Nachtmahle nicht gesponnen werden; aus einem zu solcher Stunde gesponnenen Flachs webt der Weber Todtenhemden.

Dieses Spinnverbot zeigt, wie eng Flachs, Spinnen und religiös-magische Vorstellungen miteinander verbunden waren. Leinen begleitete den Menschen von der Geburt bis zum Tod. Aus härenem Stoff wurden Totenhemden oder Totentücher gefertigt, gerade weißes Leinen galt als Zeichen von Reinheit und geordnetem Übergang aus der Welt der Lebenden.

Auch das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens berichtet von engen Verbindungen zwischen Spinnen und Tod:


Wie bei einem Todesfall im Haus Blumenstöcke gerückt oder Saatgetreide gerührt werden muß, so muß auch der Lein gerührt werden, sonst stirbt er ab. Überhaupt soll man aus einem Sterbehaus keinen Lein säen; der geht nicht auf.

Im Freilichtmuseum Vorau sind sämtliche Utensilien zur Flachsverarbeitung vorhanden. Auch ein Rauchstubenhaus gibt es dort zu sehen.




  1. Das Haar der Frauen

Die Verarbeitung des Haares lag über Jahrhunderte hinweg großteils in den Händen der Frauen. Vom Ausziehen der Fasern über das Hecheln und Spinnen bis zum Weben begleitete die Leinenerzeugung den bäuerlichen Alltag beinahe das ganze Jahr hindurch.


Besonders das Spinnen gehörte zu den regelmäßigen Arbeiten vieler Frauen und Mädchen. Während der Wintermonate saß die Spinnerin an Spinnrad oder Rocken, oft bis spät in die Nacht. Die Qualität des Garnes galt als Zeichen von Fleiß und Können.


Flachs und Flachshaar in verschiedenen Verarbeitungsstufen – von den getrockneten Pflanzenstängeln bis zu den feinen, haarähnlichen Naturfasern für die Leinenherstellung.
Flachs und Flachshaar in verschiedenen Verarbeitungsstufen – von den getrockneten Pflanzenstängeln bis zu den feinen, haarähnlichen Naturfasern für die Leinenherstellung.

Das Handwörterbuch verbindet das weibliche Geschlecht besonders eng mit dem Gedeihen des Flachses:


Im Böhmerwald und in der Oberpfalz soll der Lein nur von der Bäuerin gesät werden, sonst gedeiht er nicht. Auch in Schweden, Estland und Finnland sät die Bäuerin den Lein oder sie wird doch vom säenden Bauern auf das Feld mitgenommen.

Leinen besaß im bäuerlichen Haushalt einen erheblichen Wert. Bettwäsche, Hemden, Säcke, Windeln, Handtücher oder Tischtücher entstanden aus selbst erzeugtem Garn. Besondere Bedeutung erhielt das Leinen bei Mitgift und Aussteuer. Junge Frauen begannen oft schon früh damit, Leinwand für die spätere Ehe anzulegen.



  1. Haarsammeln in Riedlingsdorf

Besonders eindrucksvoll erhielt sich der alte Zusammenhang zwischen Haar, Leinwand und weiblicher Lebenswelt im südburgenländischen Riedlingsdorf. Dort lebt das sogenannte „Haarsammeln" bis heute als regionaler Brauch weiter und gilt als einzigartig in Österreich.


Am Sonntag vor der Hochzeit zieht die Braut, begleitet von der „Altfrau" (meist der Taufpatin oder einer anderen Verwandten), von Haus zu Haus durch das Dorf. Begonnen wird mit dem Gebetläuten um sechs Uhr morgens, die Abendglocken verkünden das Ende der zwölfstündigen Tour. Wer später losging, galt als faule Braut. Wer nach 18 Uhr noch läutete, als gierige Braut.


"Jungbraut" und "Altfrau" beim "Haarsammeln" in Riedlingsdorf im Burgenland.
"Jungbraut" und "Altfrau" beim "Haarsammeln" in Riedlingsdorf im Burgenland.

Der Name selbst verweist auf den Flachs. Das „Haar" war ursprünglich gerafter Flachs, aus dem die junge Frau Leinen für die Aussteuer fertigen konnte. Erst später trat Geld an die Stelle des Flachses. Die Begleiterin spricht heute den traditionellen Spruch:


Die Braut tat a sche bitten.

Die Höhe der Spende richtet sich nach dem Verwandtschaftsgrad. Das gesammelte Geld dient als Startkapital für die junge Familie und ersetzt damit den früheren Grundstock an Flachs für den Hausstand.


Das Haarsammeln steht in engem Zusammenhang mit dem Blochziehen, einem alten Faschingsbrauch, der in Riedlingsdorf nur alle dreißig Jahre stattfindet. Ausführlich beschrieben sind beide Bräuche im Beitrag Blochziehen im Fasching.




  1. Wilfling, der Stoff aus Haar und Wolle

Nicht jedes Gewebe bestand ausschließlich aus Leinen oder Wolle. Gerade im bäuerlichen Alltag entstanden häufig Mischstoffe, welche die Eigenschaften verschiedener Materialien miteinander verbanden. Einer dieser Stoffe war der sogenannte „Wilfling", ein Gewebe aus Flachs und Schafwolle.


Bereits vorgeschichtliche Funde zeigen solche Kombinationen. Karina Grömer verweist auf ein frühbronzezeitliches Gewebe aus Unterteutschenthal in Deutschland:


Bei einem frühbronzezeitlichen Gewebe aus Unterteutschenthal, Deutschland, bestand ein Fadensystem (Kette?) aus Leinen, das andere (Schuss?) aus dicken Fäden von Schafwolle. Hier schätzte man offensichtlich die Festigkeit des Flachses und verstand es, durch die Kombination mit voluminösem Wollgarn auch die wärmenden Eigenschaften des Tierhaares auszunützen.

Solche Mischgewebe blieben lange Zeit verbreitet. Besonders Arbeitskleidung entstand häufig aus robusten Stoffen, die den Anforderungen des bäuerlichen Alltags standhalten mussten. Dazu gehörte auch der sogenannte Wilfling, ein besonders robuster Mischstoff aus Flachs und Schafwolle, der früher häufig für Arbeits- und Gebrauchskleidung verwendet wurde.


Die Tradition lebt weiter: Wilfling, der historische Mischstoff aus Flachs und Wolle, wird in der Werkstätte von Martin Stern wieder hergestellt. Das Weben lernte er von seinem Vater und Großvater und führt damit ein Familienhandwerk in dritter Generation fort. Unten liegt ein etwa 50 Jahre alter Wilflingstoff des Großvaters, darüber ein neu gewebtes Stück aus heutiger Produktion. So bleiben alte Techniken der Leinen- und Wollweberei bis heute erhalten. Bild: „Altes Wissen neu“ – Weberei, https://alteswissenneu.at/index.php/2021/09/12/weberei/
Die Tradition lebt weiter: Wilfling, der historische Mischstoff aus Flachs und Wolle, wird in der Werkstätte von Martin Stern wieder hergestellt. Das Weben lernte er von seinem Vater und Großvater und führt damit ein Familienhandwerk in dritter Generation fort. Unten liegt ein etwa 50 Jahre alter Wilflingstoff des Großvaters, darüber ein neu gewebtes Stück aus heutiger Produktion. So bleiben alte Techniken der Leinen- und Wollweberei bis heute erhalten. Bild: „Altes Wissen neu“ – Weberei, https://alteswissenneu.at/index.php/2021/09/12/weberei/

Dabei wurde das Gewebe so verarbeitet, dass die Leinenfasern innen auf der Haut lagen, während die Wolle die Außenseite bildete. Dadurch verband der Stoff die Eigenschaften beider Materialien: Der Flachs nahm Feuchtigkeit auf, die Wollfasern außen wirkten wasserabweisend und wärmend. Gerade bei nasskaltem Wetter galt Wilfling deshalb als besonders praktisch und widerstandsfähig.


Auch die blauen Schürzen, von Rosegger im Joglland beschrieben, gehörten zum typischen Arbeitsgewand und standen zugleich in enger Verbindung mit der Flachskultur. Blau galt als die Farbe des blühenden Leins und erscheint auch in verschiedenen Aussaatbräuchen rund um das Haar.



  1. Aberglaube, Tod und Flachsopfer

Rund um Flachs und Leinen entstand nicht nur eine Welt aus Arbeit, Brauch und Gemeinschaft, sondern auch ein dichter Kreis aus religiösen Vorstellungen, Verboten und Schutzritualen.


Auf heidnische Vorstellungen, zum Teil Rudimente eines Freya-Kultes, gehen vielleicht die Flachsopfer zurück. Das Handwörterbuch berichtet:


Dem Holzfräulein läßt man nach der Ernte einige Büschel Flachs stehen. Die vicentinischen und veronesischen Deutschen werfen in den Zwölften der Waldfrau Flachs ins Feuer.

Auch der Hexenglaube spielte hinein. Dem Lein wurden apotropäische, also abwehrende Eigenschaften zugeschrieben:


In Dänemark gelten die Leinsamen als ein sehr kräftiges Mittel gegen alle bösen Geister. Über den Lein kann der Teufel nicht fliegen. Flachs ist auch ein Mittel gegen Alpdruck.

Leinsamen, die Samen des Flachses, galten im Volksglauben als Schutzmittel gegen böse Geister und Unheil. Sie dienten seit Jahrhunderten als Nahrungs- und Heilmittel. Man verwendete sie etwa für Breie, Öle und Hausmittel gegen Magen- und Darmbeschwerden.
Leinsamen, die Samen des Flachses, galten im Volksglauben als Schutzmittel gegen böse Geister und Unheil. Sie dienten seit Jahrhunderten als Nahrungs- und Heilmittel. Man verwendete sie etwa für Breie, Öle und Hausmittel gegen Magen- und Darmbeschwerden.

Viele dieser Vorstellungen erscheinen heute fremd. Dennoch zeigen sie, welche Bedeutung das Haar früher besaß. Flachs war weit mehr als bloß eine Nutzpflanze. Aussaat, Verarbeitung und Spinnen griffen tief in die religiöse Vorstellungswelt des bäuerlichen Lebens ein.




  1. Das Verschwinden des Haares

Mit dem 19. Jahrhundert begann langsam das Ende jener Welt, in der das Haar über Jahrhunderte zum bäuerlichen Alltag gehört hatte. Karl Hassack beschrieb 1906 die Lage der Leinenindustrie eindrücklich. Sie stehe „seit einem Jahrhundert in einem schweren Konkurrenzkampf mit der Baumwollspinnerei" und werde „immer fühlbarer von dem übermächtigen Gegner an die Wand gedrückt".


Auch das Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens vermerkt diesen Wandel:


Mit der Abnahme des Leinanbaus, wie sie etwa seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts eingetreten ist, verschwinden naturgemäß auch die damit verbundenen volkstümlichen Anschauungen immer mehr.

Mit dem Rückgang des Flachsanbaues verschwanden vielerorts die Haarstuben, Brechelstuben und winterlichen Spinnabende. Wo früher gehechelt, gebrochen und gesungen wurde, standen nun leere Nebengebäude oder einfache Lagerräume.


Auch die Sprache änderte sich. Begriffe wie „Hoar", „hären", „Haarstube" oder „Hoararbeit" verloren ihren alltäglichen Zusammenhang. Das Wort „Haar" blieb zwar in manchen Dialekten erhalten, doch viele Menschen verbanden damit schließlich nur noch das Kopfhaar.


Ganz verschwunden ist diese Welt dennoch nicht. Freilichtmuseen wie das Österreichische Freilichtmuseum Stübing oder das Freilichtmuseum Vorau bewahren mit Bauten wie dem „Sallegger Moar" oder der Tiroler Badstube aus Alpbach Haarstuben, Rauchstuben, Brechelbänke und alte Webgeräte. Volkskundliche Aufzeichnungen, Mundartwörter und regionale Bräuche erinnern weiterhin an die frühere Bedeutung des Haares.


Damit blieb wenigstens ein Teil jener alten Sprach- und Arbeitswelt erhalten, die einst den Jahreslauf vieler bäuerlicher Regionen bestimmte. Zwischen Aussaat im Frühling und Brecheln im Winter lag eine ganze Kultur des Arbeitens, Glaubens und Zusammenlebens, still verschwunden, aber nicht völlig vergessen.


Neuerdings in Österreich wird Flachs heute wieder vereinzelt angebaut, vor allem in der Steiermark, in Niederösterreich und in Oberösterreich. Das Interesse an der alten Kulturpflanze wächst im Zuge nachhaltiger Textilproduktion und regionaler Naturfasern erneut und wir dürfen uns wieder über die blauen Felder erfreuen.




Zum Abschluss noch ein musikalischer Ausklang, ein Liebeslied aus den Alpen mit Flachsbezug:


Der Text zum Lied:


Du flachshaarats Diandl


Du flachshaarats Diandl, i hab di so gern,


|: Und i kannt wegn dein Flachshaar a Spinnradl wer'n. :|


Dijoiri, dijoiri, diralala ho,


Dijoiri, dijoiri, diralala hoidi,


|: Ridlduiri, ridlduiri, tralala ho! :|



Du blauaugats Diandl, i hab di so gern,


|: Und i kannt wegn die Äuglan an Augnglas wer'n. :|


Dijoiri, dijoiri, diralala ho,


Dijoiri, dijoiri, diralala hoidi,


|: Ridlduiri, ridlduiri, tralala ho! :|



Und 's Diandl hat Äuglan wia in Himml die Stern,


|: Und so oft i da eini schaug, möcht i narrisch grad wer'n. :|


Dijoiri, dijoiri, diralala ho,


Dijoiri, dijoiri, diralala hoidi,


|: Ridlduiri, ridlduiri, tralala ho! :|



Du liegst mir in di Augn, du liegst mir in Sinn,


|: Und du liegst mir im Herzen drei Klafter tiaf drinn. :|


Dijoiri, dijoiri, diralala ho,


Dijoiri, dijoiri, diralala hoidi,


|: Ridlduiri, ridlduiri, tralala ho! :|




Literatur

Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Artikel „Lein“ (Heinrich Marzell). Berlin/Leipzig 1927–1942.

Bünker, Richard: Das Bauernhaus am Millstätter See in Kärnten. In: Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien.

Grömer, Karina: Prähistorische Textilkunst in Mitteleuropa. Geschichte des Handwerkes und der Kleidung vor den Römern. Verlag des Naturhistorischen Museums Wien, Wien 2010.

Hassack, Karl: „Der Flachs und seine Bearbeitung“. Vortrag, gehalten am 31. Januar 1906. In: Schriften des Vereins zur Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse in Wien, Bd. 46, 1906, S. 203–251.

Kofler, Franz Josef: Rauhe Sonnseite. Eine Kindheit am Bergbauernhof. 2014.

Koller, Engelbert: Beiträge zur Geschichte des Bauwesens im Salzkammergut. 1968.

Köbler, Gerhard: Wikiling. Eintrag „Flachs“, 5. Auflage 2014.

Lipp, Franz C.: Vom Flachs zum Leinen. Linz 1989.

Plinius der Ältere: Naturalis Historia. 1. Jahrhundert n. Chr.

Pöttler, Viktor Herbert: „Der ‚Sallegger Moar‘ im Österreichischen Freilichtmuseum. I. Das Rauchstubenhaus“. In: Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark, Jg. 58, 1967.

Rosegger, Peter: Als ich noch der Waldbauernbub war. L. Staackmann Verlag KG, Leipzig 1972.

Rosegger, Peter: „Ein vergessenes Landl“. In: Spaziergänge in der Heimat.

Schmutz, Carl: Die Pferdezucht in Oberösterreich und Salzburg. 1846.

Wörterbuch der deutschen Volkskunde. Stuttgart 1974, S. 219–220.


Online-Quellen

Austria-Forum: „Flachs“


Gemeinde Stanz: „Die Verarbeitung des Flachses (Lein) in früheren Zeiten“


Österreichisches Freilichtmuseum Stübing: „Badstube, Alpbach (Tirol)“


Österreichisches Freilichtmuseum Stübing: „Rauchstubenhaus Sallegger Moar, Sallegg bei Birkfeld (Steiermark)“


Ostarrichi: „Brechelstube“


Ostarrichi: „Brechelstube“ (Badstube / Schwitzstube)


Wikiling: „Flachs“




 
 
 

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