top of page

Zeichen und Schrift. Der Spinnwirtel von St. Barbara-Mitterdorf

  • vor 3 Stunden
  • 19 Min. Lesezeit

Teil 2 der Reihe über die späthallstattzeitliche Siedlung von St. Barbara-Mitterdorf im Mürztal


Eins vorweg: Der hier vorgestellte Fund ist noch nicht abschließend untersucht. Der Fund, um den es hier geht, ist noch nicht abschließend untersucht. Ob der Spinnwirtel wirklich eine Inschrift trägt und wie sie zu lesen wäre, prüfen derzeit Fachleute. Alles, was im Folgenden über eine mögliche Schrift gesagt wird, ist daher vorläufiger Forschungsstand und kein gesichertes Ergebnis. Sicher ist bisher nur eines: Es liegt ein verzierter Spinnwirtel vor, und über seine Oberfläche zieht sich eine auffällige Folge eingeritzter Zeichen.


Der erste Teil dieser Reihe folgte dem Webstuhl von Mitterdorf und ordnete die Siedlung in die späte Hallstattzeit ein, genauer in die Stufe Hallstatt D und damit in die Zeit zwischen etwa 620 und 450 v. Chr. (Karl et al. 2024). Aus demselben Fundzusammenhang stammt ein zweites Stück, dem die folgenden Überlegungen gelten: ein verzierter Spinnwirtel, geborgen dicht neben dem Webstuhl, auf dessen Oberfläche möglicherweise eine Inschrift in einem norditalischen Alphabet eingeritzt ist. Bestätigt sich diese Deutung, gewinnt das kleine Stück ein außergewöhnliches Gewicht, denn es wäre das älteste Schriftzeugnis des gesamten Ostalpenraums.



Der Spinnwirtel von St. Barabara-Mitterdorf, meinbezirk.at
Der Spinnwirtel von St. Barabara-Mitterdorf, meinbezirk.at




Der Befund

Der Spinnwirtel ist das Schwunggewicht einer Handspindel. Gefertigt aus Ton, Bein, Holz oder Glas und in der Mitte durchlocht, sitzt er auf dem Spindelstab und hält durch seine Massenträgheit die Drehung beim Spinnen in Gang. Verzierte Wirtel sind aus der Hallstattzeit überliefert. Das Mitterdorfer Stück geht jedoch über die übliche ornamentale Gestaltung hinaus, denn über seine Seitenfläche läuft eine Reihe sorgfältig eingeritzter Zeichen. Raimund Karl hat diese Zeichenfolge auf einer Folie seines Vortrags vom 15. April 2025 in St. Barbara im Mürztal in abgerollter Form gezeigt und mit der Frage verbunden, ob hier ein Schriftzeugnis der Hallstattzeit vorliege (Karl 2025).


Spinnen mit der Handspindel. a) Spinnrocken – b) Spindel – c) Spinnwirtel.
Spinnen mit der Handspindel. a) Spinnrocken – b) Spindel – c) Spinnwirtel.

Damit steht die entscheidende Frage im Raum: Handelt es sich bei den Ritzungen um Schriftzeichen oder um ein Ornament, das lediglich schriftähnlich wirkt? Diese Unterscheidung ist nicht einfach, da die Grenze zwischen beidem selbst im gesicherten Material unscharf verläuft. So besteht das rätische Schriftkorpus, das gegenwärtig rund 330 Inschriften umfasst, nur zu etwa zwei Dritteln aus sicher oder wahrscheinlich sprachkodierenden Texten; das verbleibende Drittel sind schriftähnliche Ritzungen ohne erkennbaren sprachlichen Gehalt (Salomon 2021, S. 41). Das Mitterdorfer Stück lässt sich daher nur im Vergleich mit dem bekannten Bestand norditalischer Inschriften beurteilen.


Verzierter Spinnwirtel aus Mitterdorf, Aufsicht und abgerollte Zeichenreihe, nach der Vortragsfolie Karl 2025.
Verzierter Spinnwirtel aus Mitterdorf, Aufsicht und abgerollte Zeichenreihe, nach der Vortragsfolie Karl 2025.



Der Spinnwirtel als Objektgattung

In den meisten Fällen ist der Spinnwirtel das einzige archäologisch erhaltene Zeugnis der Garnherstellung. Zusammen mit einem etwa 25 Zentimeter langen hölzernen Spinnstab, der durch die zentrale Durchlochung gesteckt wird, bildet er die Handspindel und wirkt beim Spinnen als Schwungmasse. Erst im späten Mittelalter löste das Spinnrad dieses Gerät ab (Koch 2010, S. 92 f.). Spinnwirtel begleiten die Garnherstellung seit dem Neolithikum ohne Unterbrechung; aus dem benachbarten Mittelburgenland etwa liegen tönerne Exemplare von der Jungsteinzeit bis in die Eisenzeit vor (Verein Römische Bernsteinstraße 2024).


Die eisenzeitlichen Wirtel lassen sich nach Form und Herstellungsweise gliedern. Michael Koch hat das Fundspektrum vom keltischen Ringwall von Otzenhausen im Saarland, dem sogenannten Hunnenring, in mehrere Typen unterteilt: Scherbenwirtel, aus zerbrochenen Gefäßscherben nachgearbeitet und damit eine Form der Wiederverwertung, sowie getöpferte Wirtel mit ovalem, doppelkonischem, trapezförmigem oder zylindrisch-kugeligem Querschnitt (Koch 2010, S. 92 f.). Die Scherbenwirtel bilden dort den kleineren Teil des Bestandes, die ovalen und doppelkonischen Formen überwiegen (Koch 2010, S. 93 ff.). Spinnversuche ergaben, dass sich die flachen Formen für mittlere bis gröbere Garne eignen, die kompakten zylindrischen dagegen eher für feine Fäden (Koch 2010, S. 94).


Verzierte Wirtel stellen in der Eisenzeit die Ausnahme dar. Unter den dreiunddreißig Exemplaren vom Hunnenring trägt nur ein einziges überhaupt eine Verzierung, ein gedrungen-zylindrisches Stück mit gitterförmigem Dekor (Koch 2010, S. 93). Das Spinnen war ein alltäglicher Vorgang mit geringem Werkzeugaufwand, und der hohe Anteil an Scherbenwirteln verweist nach Koch auf bescheidene Verhältnisse oder auf die Tätigkeit weniger begüterter Angehöriger der Gesellschaft (Koch 2010, S. 94). Ein sorgfältig verzierter Wirtel hebt sich von dieser Masse an Gebrauchsgerät deutlich ab. Ein Stück, das überdies Schriftzeichen trüge, wäre innerhalb einer ohnehin selten verzierten Gattung ein Sonderfall.


Gleichwohl hat ein beschrifteter Spinnwirtel als Erscheinung durchaus Vorbilder. Wo solche Wirtel überhaupt eine Inschrift tragen, beschränkt sie sich in aller Regel auf einen Personennamen (Thüry 2020, S. 167 mit Verweis auf Wedenig 2008). Für Mitterdorf ist das von Belang, denn auch die derzeit bekannten kurzen rätischen Inschriften nennen vornehmlich Personennamen (Salomon 2021, S. 41). Ein Wirtel mit einer Namensangabe würde sich somit in den rätischen wie in den späteren römischen Befund einfügen.


Eine eigene, gut erforschte Gruppe bilden die gallischen, genauer burgundischen Inschriftwirtel der römischen Kaiserzeit. Sie bestehen aus schwarzem Ölschiefer, haben etwa zwei bis drei Zentimeter Durchmesser und tragen auf ihren Seitenflächen eingeritzte, weiß inkrustierte Inschriften. Ihr Herstellungsschwerpunkt liegt im Raum Autun im Burgund, und sie erscheinen im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. (Thüry 2020, S. 166 f.). Die Oberseite ziert vielfach ein Sterndekor, der nach Untersuchungen von Marta Alberti über die Verzierung hinaus dem aufgewickelten Faden zusätzlichen Halt gab (Thüry 2020, S. 166). Auf diesen Stücken finden sich teils lateinische, teils keltische Wendungen, die sich an eine Frau richten und das jeweilige Objekt als Liebesgabe ausweisen (Thüry 2020, S. 167).


Die Aufschriften der Autuner Gruppe weichen von dieser Norm ab: Sie sind kurz und ausdrücklich an eine Frau gerichtet. Aus Autun selbst stammen etwa SALVE DOMINA, „grüß dich, Herrin“, und das doppeldeutige AVE DOMINA SITEO, „grüß dich, Herrin, mich dürstet nach dir“, ferner ACCEDE VRBANA, „komm her, du Feine“; andere Stücke tragen LAVTA LAVTA, „du Schöne, du Schöne“, oder DA MI, „gib dich mir hin“ (Thüry 2020, S. 167 f.). Die Anrede domina, „Herrin“, kam im 1. Jahrhundert v. Chr. über die Liebesdichtung in die Sprache der Erotik und bezeichnet seither die Geliebte; sie verbindet sich mit einer neuen Wertschätzung der Frau (Thüry 2020, S. 168). Wer diese Frauen waren, lässt sich nicht sicher bestimmen. Spinngerät gehörte zur Ausstattung von Frauen aller gesellschaftlichen Schichten, und da einzelne Texte zugleich von Durst und Bewirtung sprechen, könnten manche Wirtel als Gabe für weibliches Wirtshauspersonal gedient haben, das auch sexuelle Dienste anbot; verallgemeinern lässt sich das aber nicht (Thüry 2020, S. 168 f.).


Für den österreichischen Raum ist dabei ein Einzelstück besonders reizvoll. Aus Carnuntum stammt der bislang einzige in Österreich bekannte Wirtel dieser Gattung, ein kreisrundes Exemplar mit Sterndekor und der zweizeiligen Inschrift VENIS MEA DOMINA, „Du kommst (Komm), meine Herrin“, die sich je nach Betonung auch als Bitte oder Aufforderung lesen lässt (Thüry 2020, S. 165, 167 f.). Zusammen mit einem Exemplar aus Pecine bei Kostolac in Serbien, das AVE DOMINA LVMEN MEVM, „grüß dich, Herrin, du mein Augenlicht“, trägt, bildet Carnuntum den am weitesten von Autun entfernten Fundpunkt, rund 1000 beziehungsweise 1300 Kilometer Luftlinie (Thüry 2020, S. 168 f.). Das Stück belegt damit, dass beschriftete Spinnwirtel bis in den Ostalpenraum gelangten. Vom Mitterdorfer Befund hebt es sich aber durch einen erheblichen Abstand in Zeit und Sprache ab: Der Carnuntiner Wirtel ist römisch-kaiserzeitlich und lateinisch beschriftet, der Mitterdorfer mutmaßlich hallstattzeitlich und in einem norditalischen Alphabet abgefasst. Der Vergleich betrifft also die Objektgattung und die Gewohnheit des Beschriftens, jedoch weder Sprache noch Zeitstellung.

Burgundischer Spinnwirtel mit Liebesinschrift aus Carnuntum: „VENIS MEA / DOMINA“. Nach Thüry 2020, S. 165,  Deutung S. 167. Spindel, Wirtel und Rocken gehörten zum typischen weiblichen Handarbeitszeug. Sie wurden gleichermaßen mit Sklavinnen, Freigelassenen und Prostituierten, aber auch mit Frauen höheren Standes verbunden. Der Begriff domina war in der Sprache der Liebe offenbar nicht zwingend an eine konkrete soziale Rangordnung gebunden. Die aus der römischen Liebeselegie bekannten dominae dürften allerdings meist demselben sozialen Umfeld angehört haben, nämlich dem der Freigelassenen.
Burgundischer Spinnwirtel mit Liebesinschrift aus Carnuntum: „VENIS MEA / DOMINA“. Nach Thüry 2020, S. 165, Deutung S. 167. Spindel, Wirtel und Rocken gehörten zum typischen weiblichen Handarbeitszeug. Sie wurden gleichermaßen mit Sklavinnen, Freigelassenen und Prostituierten, aber auch mit Frauen höheren Standes verbunden. Der Begriff domina war in der Sprache der Liebe offenbar nicht zwingend an eine konkrete soziale Rangordnung gebunden. Die aus der römischen Liebeselegie bekannten dominae dürften allerdings meist demselben sozialen Umfeld angehört haben, nämlich dem der Freigelassenen.

Für Mitterdorf folgt daraus eine doppelte Einordnung. Als verziertes Stück gehört der Wirtel schon zu einer kleinen Minderheit, denn Dekor ist an eisenzeitlichen Wirteln die Ausnahme (Koch 2010, S. 93). Käme Schrift hinzu, rückte er in eine noch engere Gruppe, deren Inhalt sich aber zwanglos erklären ließe, da beschriftete Wirtel meist nur einen Personennamen tragen (Thüry 2020, S. 167).




Die Herkunft der Schrift

Die Schriften, die für eine Einordnung des Mitterdorfer Stücks in Betracht kommen, fasst die Forschung als norditalische Schriftkulturen zusammen. Sie alle verdanken ihre Existenz der Ausbreitung etruskischer Schriftlichkeit nach Norden: Sämtliche norditalischen Alphabete sind vom etruskischen abgeleitet, geben aber verschiedene Sprachen wieder, namentlich das Venetische, das Camunische, die keltischen Sprachen Lepontisch und cisalpines Gallisch sowie das Rätische (Salomon 2021, S. 41; Schumacher & Salomon 2019, S. 162). Das etruskische Alphabet geht vermutlich auf ein westgriechisches Vorbild zurück, das die Etrusker im 8. Jahrhundert v. Chr. von euböischen Griechen in Kampanien übernahmen (Bonfante & Bonfante 2002).


Wichtig ist die zeitliche Schichtung dieser Schriften. Am Anfang stehen die lepontischen und venetischen Zeugnisse. Das Rätische gilt nach gegenwärtigem Forschungsstand als die zuletzt verschriftete Sprache Norditaliens; seine Inschriften setzen erst im späten 6. Jahrhundert v. Chr. ein, also annähernd ein Jahrhundert nach den ältesten lepontischen und venetischen Dokumenten (Salomon 2021, S. 41). Ihr Ende finden die norditalischen Schriftkulturen mehr oder weniger gleichzeitig kurz vor der Zeitenwende, als sich mit der römischen Eroberung des Alpenraums die lateinische Schriftlichkeit durchsetzt. Die Inschriften sind durchweg knapp, ein bis fünf, in den längsten Fällen bis zu sieben Wörter, und sie nennen vor allem Personennamen von Stiftern, Besitzern oder Verstorbenen. Neben der bloßen Namensnennung lauten die gängigsten Formeln „X hat gegeben“ und „geschenkt von X“ (Salomon 2021, S. 41).


Trügen die Ritzungen Schriftcharakter, gehörte das Alphabet aller Wahrscheinlichkeit nach in diese norditalische Familie. Zugleich benennt die zeitliche Schichtung die eigentliche Schwierigkeit, denn das Rätische setzt erst im späten 6. Jahrhundert v. Chr. ein (Salomon 2021, S. 41), sodass ein Schriftzeugnis aus einem Befund der Stufe Hallstatt D am frühesten Rand dieser Entwicklung läge.


Verbreitungskarte der norditalischen Inschriften, etruskisch, venetisch, cisalpin-keltisch, camunisch, rätisch, nach Salomon 2021, S. 41.
Verbreitungskarte der norditalischen Inschriften, etruskisch, venetisch, cisalpin-keltisch, camunisch, rätisch, nach Salomon 2021, S. 41.



Rätisch und Etruskisch

Das Rätische ist eine fragmentarisch überlieferte, nicht-indogermanische Sprache, bezeugt zwischen dem 5. und 1. Jahrhundert v. Chr. im Trentino, in Süd- und Nordtirol sowie vereinzelt in den angrenzenden Gebieten (Salomon 2021, S. 40). Erschlossen wird sie durchweg über den Vergleich mit dem ungleich besser bezeugten Etruskischen. Die genetische Verwandtschaft beider Sprachen gilt seit den Arbeiten Stefan Schumachers und des Etruskologen Helmut Rix in den 1990er Jahren, die eine zutreffende Segmentierung der Inschriften erbrachten, als gesichert (Salomon 2021, S. 40; Rix 1998). Gemeinsam mit dem auf der Insel Lemnos bezeugten Lemnischen bilden Rätisch und Etruskisch die tyrsenische Sprachfamilie; ihre gemeinsame Vorstufe setzte Rix um 1000 v. Chr. oder früher an (Salomon 2021, S. 46).


Schriftzeichen der rätischen Alphabete in den für linksläufige Inschriften üblichen Formen. Nach: Stefan Schumacher und Corinna Salomon, „Die rätischen Inschriften vom Schneidjoch (Brandenberger Alpen, Tirol)“, Die Höhle 70, 2019, S. 163, Tab. 1.
Schriftzeichen der rätischen Alphabete in den für linksläufige Inschriften üblichen Formen. Nach: Stefan Schumacher und Corinna Salomon, „Die rätischen Inschriften vom Schneidjoch (Brandenberger Alpen, Tirol)“, Die Höhle 70, 2019, S. 163, Tab. 1.

Zwei sprachliche Merkmale stützen die Verwandtschaft mit besonderem Gewicht. Beide Sprachen besitzen ein viergliedriges Vokalsystem ohne /o/, weshalb das Zeichen Omikron in rätischen Inschriften gar nicht auftaucht; darin lag einer der frühesten Hinweise auf die Sprachverwandtschaft (Salomon 2021, S. 42). Im Verbalbereich entspricht zudem die rätische Präteritalendung -ke formal genau dem etruskischen -ce, greifbar in der Form θinaχe gegenüber etruskisch zinace (Salomon 2021, S. 44). Die Räter saßen demnach schon geraume Zeit vor der Übernahme der Schrift im Alpenraum. Die antike Überlieferung, die unter anderem auf Livius zurückgeht, erzählt, die Räter seien Etrusker gewesen, die um 400 v. Chr. von einfallenden Kelten aus der Poebene nach Norden in die Alpen abgedrängt wurden. Wäre das so, dann müsste das Rätische ein verspätet in die Berge mitgenommener Etruskisch-Dialekt sein, also eine junge Abspaltung kurz vor oder um 400 v. Chr. Diese Überlieferung hält der sprachwissenschaftlichen Prüfung jedoch nicht stand (Salomon 2021, S. 46; Schumacher & Salomon 2019, S. 160).


Für die Mitterdorfer Frage folgt daraus eine wichtige Unterscheidung. Das hohe Alter der Sprache hilft bei der Datierung des Wirtels nicht weiter, maßgeblich ist allein, seit wann geschrieben wurde (Salomon 2021, S. 46). Trüge der Wirtel eine rätische Namensformel, fügte er sich genau in jenes Namensystem ein, das die kurzen rätischen Inschriften prägt (Salomon 2021, S. 41).




Die rätischen Inschriftenträger

Welche Gegenstände rätische Inschriften tragen, führt das von Corinna Salomon abgebildete Material anschaulich vor Augen. Es sind überwiegend Weihegaben aus Bronze, Geweih und Knochen, seltener aus Keramik, dazu vereinzelt Grab- und Besitzerinschriften (Salomon 2021, S. 41). Ein bronzenes Pferdchen aus Dercolo im Nonsberg trägt die Namensformel piri kaniś-nu, „Piri, Sohn des Kanise“ (NO-11); eine Bronzeaxt aus Tisens in Südtirol nennt den Namen enikes im Genitiv (BZ-2); ein bronzenes Miniaturschild aus Mechel führt die Dedikationsformel φelturie-si φelvinu-ale utiku, „von Φelturie Φelvinu geschenkt“ (NO-3). Hinzu kommen ein beschriftetes Bronzetäfelchen vom Demlfeld bei Ampass in Tirol (IT-5) und ein beschrifteter Astragalos vom Monte Ozol (NO-13). Alle Stücke gehören dem rätischen Belegzeitraum zwischen dem 5. und 1. Jahrhundert v. Chr. an.


Vergleichsbeispiele rätischer Inschriftenträger nach Salomon 2021: bronzenes Pferdchen von Dercolo mit Inschrift NO-11 (piri kaniś-nu, „Piri, Sohn des Kanise“), Bronzeaxt aus Tisens mit Inschrift BZ-2 (enikes, Personenname im Genitiv, also etwa „des Enikes“), bronzenes Miniaturschild aus Mechel mit Inschrift NO-3 (φelturie-si φelvinu-ale utiku, „von Φelturie Φelvinu geschenkt“), Bronzetäfelchen vom Demlfeld bei Ampass mit Inschrift IT-5 (kleimunθeis und avaśue-ra-si, grammatische Formen bzw. Morphemkette ohne sichere einfache Übersetzung), Astragalos vom Monte Ozol mit Inschrift NO-13 (rätische Inschrift, bei Salomon 2021 nicht vollständig wiedergegeben), Felsinschriften aus dem Pürschlinggebiet bei Unterammergau mit UG-1.1 und UG-1.2 (kusen und istane[, unvollständig und bislang nicht sicher deutbar) sowie Silberring aus Nußdorf im Chiemgau mit Inschrift AV-1 (tipruχnu lavise(z), unsichere Lesung nach Rix, vermutlich Namensformel). Nach Salomon 2021, S. 42–47.



Nachfolgend eine chronologisch geordnete Übersicht aller bei Salomon abgebildeten Inschriftenträger (eigene Darstellung nach Salomon, 2021):



Gemessen an diesem Material fiele der Mitterdorfer Wirtel in zweifacher Hinsicht aus dem Rahmen. Er besteht aus Ton, während die rätischen Inschriften überwiegend auf Bronze, Geweih und Knochen stehen, und er läge weit nördlich des rätischen Kerngebiets (Salomon 2021, S. 41). Inhaltlich wäre eine knappe Namensangabe dagegen genau das, was die bisherigen Funde erwarten lassen.




Schriftgebrauch im Alpenraum

Das Kerngebiet der rätischen Schriftlichkeit liegt im Gebirge selbst, im Trentino sowie in Süd- und Nordtirol. Verbunden wird es gemeinhin mit der Fritzens-Sanzeno-Kultur, die als materielle Hinterlassenschaft der Räter gilt, und mit zwei paläographisch unterschiedenen Alphabeten, jenem von Sanzeno, vormals nach Bozen benannt, und jenem von Magrè (Salomon 2021, S. 40). Den Anstoß zur Herausbildung dieser Kultur im späten 6. Jahrhundert v. Chr. gaben intensive Kontakte mit den in der östlichen Poebene ansässigen Etruskern; deren Einfluss zeigt sich in Kult, Geschirr, Werkzeug und Bewaffnung und nicht zuletzt im Schriftgebrauch (Salomon 2021, S. 40). Das Zentrum dieser Schriftkultur lag im Nonsberg, dem Tal des Noce im nordwestlichen Trentino, wo Sanzeno zugleich Kultzentrum und wichtiger Handelsplatz war (Schumacher & Salomon 2019, S. 161).


Ein erheblicher Teil dieser Inschriften steht auf ortsfestem Fels. Auf bayerischem Gebiet, am Nordrand des rätischen Verbreitungsraums, tragen im Pürschlinggebiet über Unterammergau drei Felsblöcke rätische Inschriften, von denen sich zwei lesen lassen, kusen und istane[, beide unvollständig und bisher nicht zu deuten (Salomon 2021, S. 45 f.; Schumacher 2016). Ausführlicher sind die Inschriften an den Nordtiroler Felsbildstellen von Achenkirch und Steinberg. In der Inschrifthöhle unterhalb des Schneidjochs in den Brandenberger Alpen, seit jeher als Inschriften von Steinberg bekannt, stehen die Namen eines Mannes und seiner beiden Söhne unmittelbar beieinander, kastrie eθunnu, pitau?e kaszrinu und esimne kaszrinu, jeweils mit dem Vatersnamen und im Pertinentiv, dem Kasus, der den Ausführenden einer Weihehandlung markiert; möglicherweise galt schon das Einritzen der Namen am Fels selbst als die Kulthandlung (Schumacher & Salomon 2019, S. 159 und 167 ff.). Die rund zwanzig Inschriften vom nahen Achenkirch zeigen dasselbe Namensystem, sechs von ihnen enden auf die Patronymform -nuale (Schumacher & Salomon 2019, S. 170).


Solche Inschriftenfelsen stehen zumeist an alten Verkehrswegen. Heiligtümer auf Pässen, Hochflächen und an Wegkreuzungen sind im Alpenraum vielfach bezeugt, mitunter samt Inschriftenfunden (Salomon 2021, S. 47). Die Unterammergauer Inschriften dürften zu jener transalpinen Route gehören, die der späteren römischen Via Claudia Augusta im Loisachtal vorausging (Salomon 2021, S. 47). Schrift erscheint im Alpenraum somit als ein Phänomen, das an Wege und an Stätten der Verehrung gebunden war und seinen Ort außerhalb der Städte hatte (Salomon 2021, S. 47).


Für Mitterdorf ist das bedeutsam. Das Mürztal bildet als Durchgangstal zwischen dem norischen Raum und dem Süden seit jeher eine wichtige Verkehrsachse, und Schrift war an solche Wege und an eine vermutlich mobile Schicht aus Reisenden und Händlern gebunden (Salomon 2021, S. 47). Ein vereinzeltes Schriftzeugnis aus dem Mürztal stünde damit eher für Kontakt entlang dieser Achsen als für eine ortsansässige Schreibkultur.




Zeichen vor der Schrift: von der Urnenfelder- zur Hallstattkultur

Die Siedlung von Mitterdorf gehört der Hallstattkultur an, der älteren Eisenzeit Mitteleuropas. Diese Kultur entwickelte sich aus der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur und ging um 800 v. Chr. ohne Bruch aus ihr hervor; viele Formen des Geräts, des Schmucks und der Bestattung führen unmittelbar von der einen in die andere über. Georg Kossack gliederte das weite Verbreitungsgebiet der Hallstattkultur 1959 in einen West- und einen Osthallstattkreis, wobei diese Einteilung auf der materiellen Kultur und den Bestattungsbräuchen beruht und nicht auf Sprachen, da schriftliche Zeugnisse fehlen (Kossack 1959). Die Steiermark und mit ihr das Mürztal liegen im Osthallstattkreis.


Daraus folgt eine wichtige Klarstellung für Mitterdorf. Der Westhallstattkreis wird häufig mit den frühen Kelten in Verbindung gebracht. Für den Osthallstattkreis ist die Sprache der Bevölkerung dagegen unbekannt, und eine Gleichsetzung mit den Kelten ist für diesen Raum und diese Zeit nicht gedeckt. Historisch fassbare Kelten und die mit ihnen verbundene Latènekultur treten erst nach etwa 450 v. Chr. auf, also nach dem Ende der Hallstattzeit. Für ein Stück der Stufe Hallstatt D aus dem Mürztal ist es daher verfrüht, von „keltisch“ zu sprechen oder eine bestimmte Sprache vorauszusetzen.


Ebenso wichtig ist, dass das Markieren von Gegenständen mit Zeichen weit älter ist als die Buchstabenschrift. Schon zu Beginn der Urnenfelderkultur, um 1200 v. Chr., tragen gegossene Bronzesicheln aus großen Hortfunden eingegossene Marken in Form von Rippen, Strichen und Winkeln; der Hort von Frankleben in Sachsen-Anhalt, 1946 geborgen und mit rund 42 Kilogramm einer der größten Sichelhorte Mitteleuropas, ist das namengebende Beispiel (Sommerfeld 1994).


Bronzene Sichel aus dem Hortfund von Schkopau (13. bis 10. Jahrhundert vor Christus). © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.
Bronzene Sichel aus dem Hortfund von Schkopau (13. bis 10. Jahrhundert vor Christus). © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.

Christoph Sommerfeld erkannte darin ein Zählsystem auf der Basis von fünf: Bis zu vier einzeln gesetzte Striche werden gezählt, der folgende fünfte als Bündel zusammengefasst, sodass sich Werte bis 29 ergeben. Dass die Reihe gerade bei 29 endet und die Sichel die Gestalt der Mondsichel hat, deutet Sommerfeld als Bezug zum synodischen Mondmonat von rund 29 bis 30 Tagen, also als eine Zählung im Mondlauf (Sommerfeld 1994). Das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle versteht diese Sichelmarken als mögliche Vorform eines Schriftsystems und als das älteste bekannte Zeichensystem Mitteleuropas (Landesmuseum für Vorgeschichte Halle).


Markierungen auf der Situla aus Grab 23 des Gräberfeldes von Hallstatt, ca. 800–500 v. Chr. nach Eduard von Sacken, 1825-1883
Markierungen auf der Situla aus Grab 23 des Gräberfeldes von Hallstatt, ca. 800–500 v. Chr. nach Eduard von Sacken, 1825-1883

Diese Gewohnheit, Gegenstände mit bedeutungstragenden Zeichen zu versehen, spannt einen weiten zeitlichen Bogen. Von den bronzezeitlichen Sichelmarken um 1200 v. Chr. reicht sie über mehrere Jahrhunderte bis zu den eingeritzten Markierungen auf den Situlen aus dem Hallstätter Gräberfeld, die als Zahlzeichen, Buchstaben oder Wörter gedeutet wurden und etwa zwischen 800 und 500 v. Chr. entstanden (Sacken 1868). Erst gegen Ende dieses Bogens, gegen Ende des 7. oder in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr., trifft die alphabetische Schrift nördlich der Alpen ein, auf die im folgenden Abschnitt zurückzukommen ist. Über den mitteleuropäischen Raum hinaus hat Mikkel C. D. Hansen 2019 vermutet, dass das urnenfelderzeitliche Zählsystem mit „Handzeichen“ auf Felsbildern der nordischen Bronzezeit verwandt sein könnte, denen eine ähnliche zahlenmäßige und kalendarische Bedeutung zugeschrieben wird; das bleibt eine offene Hypothese (Hansen 2019).

Zeichen auf bronzezeitlichen Sicheln der Urnenfelderzeit, ca. 12.–9./8. Jahrhundert v. Chr. Oben: das von Sommerfeld rekonstruierte Gussmarken-Zahlzeichensystem mit Werten von 1 bis 29; unten: weitere auf Sicheln belegte Zeichen- und Markenformen, deren Funktion nicht immer sicher zu bestimmen ist. Nach Sommerfeld 1994, S. 79.



Für die Mitterdorfer Frage erweitert das den Blick. Eingeritzte Zeichen auf einem hallstattzeitlichen Objekt können dreierlei sein: eine Buchstabenschrift, bloßer Zierrat oder ein Zeichen jener älteren mitteleuropäischen Tradition, die Gegenstände mit Zähl-, Eigentums- oder Merkzeichen versah. Welche dieser Möglichkeiten zutrifft, entscheidet erst die epigraphische Prüfung. Bis dahin gilt für das kleine Stück aus dem osthallstättischen Mürztal, dessen Trägerbevölkerung sprachlich nicht fassbar ist, besondere Zurückhaltung gegenüber jeder vorschnellen Zuordnung zu einer bestimmten Sprache oder einem bestimmten Volk.




Schriftgebrauch nördlich der Alpen in der Hallstattzeit

Ob in einem Befund der Stufe Hallstatt D überhaupt mit einem beschrifteten Objekt zu rechnen ist, hängt davon ab, seit wann nördlich der Alpen geschrieben wurde. Die frühesten einschlägigen Zeugnisse reichen tatsächlich in die Hallstattzeit zurück. Aus dem Gräberfeld von Hallstatt selbst sind eingeritzte Markierungen auf Situlen überliefert, also auf eimerförmigen Bronzegefäßen; sie datieren zwischen etwa 800 und 500 v. Chr. und wurden als Zahlzeichen, Buchstaben oder Wörter gedeutet (Sacken 1868). Auf bayerischen Gewichten des 7. und frühen 6. Jahrhunderts v. Chr. finden sich Zeichen, die griechischen oder etruskischen Buchstaben nahekommen.


Auch im westlichen Hallstattraum, im heutigen Ostfrankreich, sind früheste alphabetische Belege überliefert. Auf einheimischer Keramik aus Montmorot aus dem späten 7. bis mittleren 6. Jahrhundert v. Chr. steht eine einwortige Inschrift, vermutlich ein Name, der als gallisch oder lepontisch gedeutet wird. Aus Bragny-sur-Saône stammt ein bemaltes Inschriftfragment des 5. Jahrhunderts, aus dem Fürstengrab von Apremont ein einzelner Buchstabe auf einer Goldschale um 500 v. Chr., aus einem Grab bei Bergères-lès-Vertus schließlich ein Keramikfragment mit dem keltischen Wort für „König“ in lepontischem Alphabet, datiert in das späte 5. Jahrhundert (Verger 1998). Stéphane Verger setzt die erste Übernahme des Alphabets nördlich der Alpen in das späte 7. oder die erste Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. und deutet sie als Beginn eines Vorgangs, der sich bis in die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts immer wieder erneuerte (Verger 1998). Ein hallstattzeitliches Schriftzeugnis aus Mitterdorf läge damit am frühen Rand dieses nachweisbaren Prozesses, hätte in den ostfranzösischen Funden aber durchaus Parallelen.




Das camunische Alphabet

In Karls Vergleichsmaterial begegnet ein bestimmtes Alphabet, das camunische, auch Alphabet von Sondrio genannt. Es ist eine Variante des nordetruskischen Alphabets, mit dem Volk der Camunni im Valcamonica verbunden und vorwiegend für Felsinschriften verwendet, die etwa zwischen 500 und 100 v. Chr. entstanden. Längere Texte folgen häufig dem Boustrophedon, bei dem die Schreibrichtung zeilenweise wechselt (Marchesini 2011). Die zugehörige Sprache ist nicht sicher klassifiziert; erwogen werden sowohl eine Zugehörigkeit zur tyrsenischen Sprachfamilie als auch eine keltische Zuordnung (Marchesini 2011; Salomon 2021).


Für Mitterdorfer ist eine Beobachtung Salomons einschlägig: Inschriften im camunischen Alphabet stehen über die ortsfesten Felsen der Valcamonica hinaus auch auf tragbaren Objekten, und diese sind überraschend weit gestreut und enthalten offenbar auch andere Sprachen als das Camunische (Salomon 2021, S. 47). Ein camunisch beschrifteter Wirtel im Mürztal, weit nördlich des Kerngebiets, wäre damit ungewöhnlich, fügte sich aber in den bekannten Befund ein.




Vergleichsstück I: der Silberring von Nußdorf

Als unmittelbares Vergleichsstück führt Karl einen Silberring aus Nußdorf im Chiemgau an (Karl 2025), der bei Salomon unter der Sigle AV-1 verzeichnet ist (Salomon 2021, S. 47). Der Ring misst nur 2,5 Millimeter in der Breite; die eingeritzten Zeichen sind entsprechend klein und schwer lesbar. Auf Grundlage der Lesung Helmut Rix’ könnte eine rätische Namensformel vorliegen, tipruχnu lavise(z), abgefasst in einem camunischen Alphabet (Ziegaus & Rix 1998; Salomon 2021, S. 47). Das Stück zeigt zweierlei für Mitterdorf. Eine camunisch geschriebene Inschrift konnte auf einem kleinen, tragbaren Schmuckstück weit nördlich der Alpen erscheinen, und schon eine solche Lesung bleibt angesichts der schwierigen Lesbarkeit im Einzelnen unsicher (Salomon 2021, S. 47).


Silberring aus Nußdorf im Chiemgau mit Inschrift AV-1 im Detail, nach Salomon 2021, S. 47
Silberring aus Nußdorf im Chiemgau mit Inschrift AV-1 im Detail, nach Salomon 2021, S. 47



Vergleichsstück II: der Negauer Helm

Ein zweites tragbares Schriftobjekt aus dem ostalpinen Raum führt die methodische Schwierigkeit besonders deutlich vor Augen, der Negauer Helm. Der namengebende Depotfund wurde 1811 bei Ženjak nahe Negova im heutigen Slowenien gehoben und umfasste sechsundzwanzig Bronzehelme, deren Herstellung sich vom 5. bis in das 2. Jahrhundert v. Chr. erstreckt (Egg 1986). Zwei von ihnen tragen Inschriften. Helm A weist vier dem Rätischen zuzuordnende Inschriften auf, von denen drei als Weiheformeln mit Nennung des Trägers und einer Gottheit gedeutet werden (Nedoma & Urban 2002). Bekannter ist Helm B, der heute im Kunsthistorischen Museum Wien verwahrt wird. Über seine Krempe läuft, von rechts nach links zu lesen, der Text harigastiteiva, abgefasst in einem venetischen Lokalalphabet vom Typ Idrija A (im Magrè-rätischen Alphabet hariχastiteiva, was die sprachliche Deutung nicht berührt). Die unmittelbar anschließenden schriftähnlichen Zeichen sind nach Nedoma wahrscheinlich kein Teil des Textes und dienten als Schluss- oder Füllzeichen (Nedoma 1995).


Helm B ist in mehrfacher Hinsicht lehrreich. Das Objekt entstand nach Egg in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr., niedergelegt wurde es im Depot von Ženjak erst im späten 2. oder frühen 1. Jahrhundert v. Chr. Wann dazwischen die Inschrift angebracht wurde, lässt sich schwer bestimmen; die gut erhaltenen Ritzungen und paläographisch verwandte Texte sprechen nach Nedoma eher für eine späte Anbringung, sodass der Helm lange in Gebrauch gewesen wäre (Nedoma 1995). Herstellung und Beschriftung liegen damit weit auseinander.


Auch die Deutung des Textes bleibt umstritten. Nedoma liest harigastiteiva als Besitzerinschrift und fasst die beiden Segmente als zwei Namen ein und derselben Person, getrennt durch eine Wortgrenze nach dem neunten Zeichen; der Text gibt drei urgermanische Bestandteile wieder, harja- und gasti- im ersten, *teiwa- im zweiten Namen, und für Nedoma ist es der einzige im Bereich der vorrömischen norditalischen Schriftkulturen zuverlässig belegte germanische Personenname (Nedoma 1995). Diese seit den 1920er Jahren vertretene germanische Deutung ist aus lautlichen und grammatischen Gründen allerdings bestritten worden (Schürr 2001).


Am Negauer Helm zeigt sich, was auch für den Wirtel gilt. Herstellung und Beschriftung können weit auseinanderliegen, und eine Lesung kann über Jahrzehnte strittig bleiben. Ein hallstattzeitlicher Fundkontext sichert daher noch nicht die Zeitstellung der Ritzungen, und jede Lesart bleibt vorerst unter Vorbehalt (Nedoma 1995; Schürr 2001).


Negauer Helm B, Kunsthistorisches Museum Wien, mit der eingeritzten Inschrift harigastiteiva auf der Krempe . Robert Nedoma deutet die Inschrift als germanische Besitzerinschrift und segmentiert sie in harigasti teiva. Der erste Name enthält wahrscheinlich die urgermanischen Bestandteile harja- („Heer, Kriegerschar“) und gasti- („Gast, Fremder, Gefährte“); teiva wird als zweiter Männername derselben Person verstanden. Erklärend etwa „Heergast“ oder „Gefährte des Heeres“, nach Nedoma 1995.




Zur Bedeutung der Datierung

Die Siedlung von Mitterdorf gehört der Stufe Hallstatt D an (Karl et al. 2024). Ein Schriftzeugnis aus diesem Horizont läge am frühesten Rand der norditalischen Schriftausbreitung, da die rätischen Inschriften erst im späten 6. Jahrhundert v. Chr. einsetzen (Salomon 2021, S. 41). Beide herangezogenen Vergleichsstücke sind deutlich jünger: Der Nußdorfer Ring ist mittellatènezeitlich, und die Inschrift des Negauer Helms B wurde erst im 2. oder 1. Jahrhundert v. Chr. ausgeführt (Nedoma 1995). Ein gesichert hallstattzeitliches Schriftstück aus Mitterdorf würde die bisher angenommene Chronologie des Schriftgebrauchs nördlich der Alpen merklich nach vorne verschieben. Dass ein so früher Ansatz grundsätzlich möglich ist, zeigen die ostfranzösischen Funde und Vergers früher Zeitansatz (Verger 1998).


Daraus ergeben sich drei offene Fragen. Erstens, ob die Ritzungen Schrift oder Ornament sind. Zweitens, falls Schrift vorliegt, in welchem Alphabet sie abgefasst ist und ob sich eine sinnvolle Lautfolge gewinnen lässt. Drittens, ob der Wirtel gesichert aus einem hallstattzeitlichen Fundzusammenhang stammt oder ob seine zeitliche Stellung unscharf bleibt. Keine dieser Fragen ist bislang abschließend beantwortet.




Ausblick auf Teil 3

Der dritte Teil befasst sich mit der Rolle des Mürztals in der Eisenzeit. Ausgehend vom Fundort wird untersucht, wie sich die Siedlung in größere geografische Zusammenhänge einordnen lässt. Dabei geht es besonders um mögliche Wege- und Kontaktachsen zwischen Hallstatt, Semmering, Wechsel, Hartberg und der Bernsteinstraße sowie um die Frage, welche Bedeutung das Mürztal als Durchgangs- und Vermittlungsraum zwischen Alpenraum, Oststeiermark und pannonischem Vorfeld gehabt haben könnte.




Quellen

Bonfante, G. und Bonfante, L. (2002): The Etruscan Language. An Introduction. 2. Auflage, Manchester University Press, Manchester/New York.

Egg, M. (1986): Italische Helme. Studien zu den ältereisenzeitlichen Helmen Italiens und der Alpen. Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Monographien 11, Mainz.

Hansen, M. C. D. (2019): Håndtegnet. In: Gefjon 4, S. 86 bis 151, Aarhus.

Karl, R. (2025): Ausgrabungen in Mitterdorf im Mürztal, erste Ergebnisse. Vortrag, St. Barbara im Mürztal, 15. April 2025 (Universität Wien).

Karl, R., Löcker, K., Wallner, M., Trausmuth, T., Rösel-Mautendorfer, H., Rösel, G., Mann, R., Ellmeier, M. und Singer, G. (2024): Die späthallstattzeitliche Siedlung von Mitterdorf im Mürztal. Grabungsbericht 2023. Archäologische Denkmalpflege, 31. März 2024.

Koch, M. (2010): Zeugnisse keltischer Textilproduktion, die Spinnwirtel vom Hunnenring. In: TERREX gGmbH (Hg.), Kelten und Römer im St. Wendeler Land. Die Ausgrabungen der TERREX gGmbH am Hunnenring und im vicus Wareswald, Marpingen, S. 91 bis 97.

Kossack, G. (1959): Südbayern während der Hallstattzeit. Römisch-Germanische Forschungen 24, Walter de Gruyter, Berlin.

Landesmuseum für Vorgeschichte Halle: Sichelmassen. Dauerausstellung „Glutgeboren“. Online unter landesmuseum-vorgeschichte.de.

Marchesini, S. (2011): Alla ricerca del modello perduto. Sulla genesi dell’alfabeto camuno. In: Palaeohispanica 11, S. 155 bis 171.

Nedoma, R. (1995): Die Inschrift auf dem Helm B von Negau. Möglichkeiten und Grenzen der Deutung norditalischer epigraphischer Denkmäler. Philologica Germanica 17, Wien.

Nedoma, R. und Urban, O. H. (2002): Negauer Helm. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 2. Auflage, Band 21, Walter de Gruyter, Berlin/New York, S. 52 bis 61.

Rix, H. (1998): Rätisch und Etruskisch. Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, Vorträge 68, Innsbruck.

Sacken, E. von (1868): Das Grabfeld von Hallstatt in Oberösterreich und dessen Alterthümer. Braumüller, Wien.

Salomon, C. (2021): Das Verhältnis der rätischen Sprache zum Etruskischen. In: Bayerische Archäologie 1/2021, S. 40 bis 47.

Schumacher, S. (2016): Rätische Inschriften im Pürschlinggebiet bei Unterammergau. In: W. Zanier (Hg.), Der spätlatène- und frühkaiserzeitliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau, Band 3, C. H. Beck, München, S. 821 bis 827.

Schumacher, S. und Salomon, C. (2019): Die rätischen Inschriften vom Schneidjoch (Brandenberger Alpen, Tirol). In: Die Höhle 70, Heft 1 bis 4/2019, S. 159 bis 174.

Schumacher, S., Salomon, C. und Kluge, S. (Hg.): Thesaurus Inscriptionum Raeticarum. Online-Edition, Universität Wien.

Schürr, D. (2001): Zu Schrift und Sprache der Inschrift auf Helm B von Negau. In: Sprachwissenschaft 26, S. 205 bis 231.

Sommerfeld, Ch. (1994): Gerätegeld Sichel. Studien zur monetären Struktur bronzezeitlicher Horte im nördlichen Mitteleuropa. Vorgeschichtliche Forschungen 19, Walter de Gruyter, Berlin/New York.

Thüry, G. E. (2020): Ein gallischer Spinnwirtel mit Liebesinschrift aus Carnuntum. In: G. E. Thüry (Hg.), Domi militiaeque. Militär- und andere Altertümer. Festschrift für Hannsjörg Ubl zum 85. Geburtstag. Archaeopress Roman Archaeology 68, Oxford, S. 165 bis 175.

Verein Römische Bernsteinstraße Burgenland (2024): Spinnwirtel aus Ton (Fundkatalog, Kroatisch-Minihof und Kleinwarasdorf). Online unter bernsteinstrasse-burgenland.at.

Verger, S. (1998): Hrsg., Rites et espaces en pays celte et méditerranéen. Collection de l’École française de Rome 276, Rom.

Wedenig, R. (2008): Römerzeitliche Webgewichte aus der Steiermark als Schriftträger. In: G. Grabherr und B. Kainrath (Hg.), Akten des 11. Österreichischen Archäologentages in Innsbruck 2006, Innsbruck, S. 323. Zitiert nach Thüry 2020.

Ziegaus, B. und Rix, H. (1998): Ungewöhnliche Funde der späten Hallstattzeit aus dem Alpenvorland. In: Germania 76, S. 291 bis 303.


Hinweis: Einige Bilder wurden zur Verbesserung der Auflösung mit künstlicher Intelligenz nachbearbeitet.

 
 
 

Kommentare


Schreib mir, ich freue mich auf deine Nachricht!

Danke für deine Nachricht!

© 2023 Der steirische Brauch.

bottom of page