top of page

Zeichen und Schrift. Der Spinnwirtel von St. Barbara-Mitterdorf

  • 22. Mai
  • 21 Min. Lesezeit

Teil 2 der Reihe über die späthallstattzeitliche Siedlung von St. Barbara-Mitterdorf im Mürztal


Eins vorweg: Der hier vorgestellte Fund ist noch nicht abschließend untersucht. Ob der Spinnwirtel wirklich eine Inschrift trägt und wie sie zu lesen ist, prüfen derzeit Fachleute. Alles, was im Folgenden über eine mögliche Schrift gesagt wird, ist daher Forschungsgegenstand und kein gesichertes Ergebnis.


Der erste Teil dieser Reihe folgte dem Webstuhl von Mitterdorf und ordnete die Siedlung in die späte Hallstattzeit ein, genauer in die Stufe Hallstatt D und damit in die Zeit zwischen etwa 620 und 450 v. Chr. (Karl et al. 2024). Aus demselben Fundzusammenhang stammt ein verzierter Spinnwirtel, gleich neben dem Webstuhl geborgen, auf dessen Oberfläche möglicherweise eine Inschrift in einem norditalischen Alphabet eingeritzt ist. Bestätigt sich diese Deutung, gewinnt das kleine Stück ein außergewöhnliches Gewicht, denn es wäre das älteste Schriftzeugnis im gesamten Ostalpenraum.



Das Objekt, um das sich alles dreht: Der verzierter Spinnwirtel aus Mitterdorf. Info und Foto: Mein Bezirk
Das Objekt, um das sich alles dreht: Der verzierter Spinnwirtel aus Mitterdorf. Info und Foto: Mein Bezirk

Damit ist zugleich die leitende Frage gestellt: Was müsste erfüllt sein, damit die Ritzungen als frühes Schriftzeugnis gelten können? Drei Bedingungen sind dafür nötig. Zuerst ist zu klären, ob die Zeichen überhaupt Schrift sind und nicht Ornament oder ein Merk- und Zählzeichen älterer Tradition. Sind es Schriftzeichen, stellt sich die Frage nach dem Alphabet. Die Deutung des Ausgrabungsleiters und Archäologen Raimund Karl verweist hier besonders auf das Camunische, dessen zugehörige Sprache bis heute nicht sicher klassifiziert ist. Das eng verwandte Rätische bietet den wichtigsten Vergleich, und mit dem Venetischen ist im Ostalpenraum eine weitere norditalische Schrift bezeugt. Erst wenn diese Fragen geklärt sind, entscheidet die Datierung über die eigentliche Bedeutung des Fundes. Diesen drei Fragen geht der Beitrag der Reihe nach nach.




Der Befund

Der Spinnwirtel ist das Schwunggewicht einer Handspindel. Gefertigt aus Ton, Bein, Holz oder Glas und in der Mitte durchlocht, sitzt er auf dem Spindelstab und hält durch seine Massenträgheit die Drehung beim Spinnen in Gang. Verzierte Wirtel sind zwar aus der Hallstattzeit bekannt, das Mitterdorfer Stück geht jedoch über die übliche ornamentale Gestaltung hinaus: Über seine Seitenfläche läuft eine Reihe sorgfältig eingeritzter Zeichen. Karl hat diese Zeichenfolge auf einer Folie seines Vortrags vom 15. April 2025 in St. Barbara im Mürztal in abgerollter Form gezeigt und mit der Frage verbunden, ob hier ein Schriftzeugnis der Hallstattzeit vorliege (Karl 2025).


Spinnen mit der Handspindel. a) Spinnrocken – b) Spindel – c) Spinnwirtel.
Spinnen mit der Handspindel. a) Spinnrocken – b) Spindel – c) Spinnwirtel.

Damit steht die entscheidende Frage im Raum: Handelt es sich bei den Ritzungen um Schriftzeichen oder um ein Ornament, das lediglich schriftähnlich wirkt? Diese Unterscheidung ist schwierig, da schriftähnliche Zeichenfolgen auch im Umfeld gesicherter norditalischer Schriftkulturen vorkommen. So umfasst das rätische Schriftkorpus gegenwärtig rund 330 Inschriften, von denen nur etwa zwei Drittel als sicher oder wahrscheinlich sprachkodierende Texte gelten; das übrige Drittel besteht aus schriftähnlichen Ritzungen ohne erkennbaren sprachlichen Gehalt (Salomon 2021, S. 41). Das Mitterdorfer Stück lässt sich daher nur im Vergleich mit dem bekannten Bestand norditalischer Zeichen- und Schrifttraditionen beurteilen, wobei Karls Deutung besonders auf das camunische Alphabet verweist.


Verzierter Spinnwirtel aus Mitterdorf, Aufsicht und abgerollte Zeichenreihe, nach der Vortragsfolie Karl 2025.
Verzierter Spinnwirtel aus Mitterdorf, Aufsicht und abgerollte Zeichenreihe, nach der Vortragsfolie Karl 2025.

Dabei ist der Gegenstand selbst auch nicht nebensächlich. Spinnen und Weben gehörten zwar zur alltäglichen Textilarbeit, konnten in der hallstattzeitlichen Bild- und Grabwelt aber über die bloße Gerätefunktion hinausreichen. Nebelsick verweist auf eine Spinn- und Webszene auf einem Kegelhalsgefäß aus einem Frauengrab und verbindet die frühe Kalenderbergkunst mit einem hohen Stellenwert frauenbezogener Artefakte, besonders von Spinn- und Webzubehör (Nebelsick 1992, S. 401). Der Mitterdorfer Wirtel ist daher über die reine Werkzeugfunktion hinaus ein bewusst gestaltetes Objekt, dessen auffällige Zeichenreihe in einem weiteren symbolischen Umfeld steht.




Der Spinnwirtel als Objektgattung

In den meisten Fällen ist der Spinnwirtel das einzige archäologisch erhaltene Zeugnis der Garnherstellung. Zusammen mit einem hölzernen Spinnstab bildet er die Handspindel und wirkt beim Spinnen als Schwungmasse. Erst im späten Mittelalter wurde dieses Gerät durch das Spinnrad abgelöst (Koch 2010, S. 92 f.). Spinnwirtel begleiten die Garnherstellung seit dem Neolithikum ohne Unterbrechung; aus dem benachbarten Mittelburgenland etwa liegen tönerne Exemplare von der Jungsteinzeit bis in die Eisenzeit vor (Verein Römische Bernsteinstraße 2024).


Eisenzeitliche Wirtel lassen sich nach Form und Herstellungsweise gliedern. Michael Koch unterscheidet im Fundspektrum des keltischen Ringwalls von Otzenhausen im Saarland, des sogenannten Hunnenrings, zwischen Scherbenwirteln und getöpferten Wirteln. Scherbenwirtel wurden aus zerbrochenen Gefäßscherben nachgearbeitet und stehen damit für eine Form der Wiederverwertung; die getöpferten Exemplare besitzen ovale, doppelkonische, trapezförmige oder zylindrisch-kugelige Querschnitte (Koch 2010, S. 92 f.). Spinnversuche ergaben, dass sich flache Formen eher für mittlere bis gröbere Garne eignen, kompakte zylindrische Formen dagegen eher für feine Fäden (Koch 2010, S. 94).


Obwohl sie vorkommen, stellen verzierte Wirtel in der Eisenzeit die Ausnahme dar. Unter den dreiunddreißig Exemplaren vom Hunnenring trägt nur ein einziges überhaupt eine Verzierung, ein gedrungen-zylindrisches Stück mit gitterförmigem Dekor (Koch 2010, S. 93). Das Spinnen war ein alltäglicher Vorgang mit geringem Werkzeugaufwand; der hohe Anteil an Scherbenwirteln verweist nach Koch auf einfache Verhältnisse oder auf die Tätigkeit weniger begüterter Angehöriger der Gesellschaft (Koch 2010, S. 94). Ein sorgfältig verzierter Wirtel hebt sich daher deutlich von der Masse des Gebrauchsgeräts ab.


Eine eigene, gut erforschte Gruppe bilden die gallischen, genauer burgundischen Inschriftwirtel der römischen Kaiserzeit. Sie bestehen aus schwarzem Ölschiefer, messen etwa zwei bis drei Zentimeter im Durchmesser und tragen auf ihren Seitenflächen eingeritzte, weiß inkrustierte Inschriften. Ihr Herstellungsschwerpunkt liegt im Raum Autun im Burgund; sie datieren in das 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. (Thüry 2020, S. 166 f.). Die Aufschriften sind teils lateinisch, teils keltisch und richten sich meist liebevoll oder erotisch an eine Frau. Viele Stücke lassen sich deshalb als Liebesgaben deuten (Thüry 2020, S. 167 f.).


Für den österreichischen Raum ist besonders ein Fund aus Carnuntum relevant. Von dort stammt der bislang einzige in Österreich bekannte Wirtel dieser Gattung, ein kreisrundes Stück mit Sterndekor und der zweizeiligen Inschrift VENIS MEA DOMINA, „Du kommst / komm, meine Herrin“ (Thüry 2020, S. 165, 167 f.). Zusammen mit einem Exemplar aus Pecine bei Kostolac in Serbien gehört der Carnuntiner Wirtel zu den am weitesten von Autun entfernten Fundpunkten dieser Gruppe (Thüry 2020, S. 168 f.). Er zeigt damit, dass beschriftete Spinnwirtel bis in den Ostalpenraum gelangten.


Als Vergleich für Mitterdorf ist der Carnuntiner Wirtel dennoch nur eingeschränkt geeignet. Er belegt zwar, dass Spinnwirtel beschriftet wurden und solche Objekte über weite Räume verbreitet sein konnten. Er unterscheidet sich aber deutlich in Zeitstellung, Material, Sprache und Schrift. Der Carnuntiner Wirtel ist römisch-kaiserzeitlich und lateinisch beschriftet, der Mitterdorfer Wirtel dagegen mutmaßlich hallstattzeitlich und, falls die Ritzungen Schriftzeichen sind, in einem norditalischen Alphabet abgefasst. Der Vergleich betrifft daher die Objektgattung und die Praxis des Beschriftens, nicht aber Sprache, Schriftform oder Datierung.


Burgundischer Spinnwirtel mit Liebesinschrift aus Carnuntum: „VENIS MEA / DOMINA“. Nach Thüry 2020, S. 165,  Deutung S. 167. Spindel, Wirtel und Rocken gehörten zum typischen weiblichen Handarbeitszeug. Sie wurden gleichermaßen mit Sklavinnen, Freigelassenen und Prostituierten, aber auch mit Frauen höheren Standes verbunden. Der Begriff domina war in der Sprache der Liebe offenbar nicht zwingend an eine konkrete soziale Rangordnung gebunden. Die aus der römischen Liebeselegie bekannten dominae dürften allerdings meist demselben sozialen Umfeld angehört haben, nämlich dem der Freigelassenen.
Burgundischer Spinnwirtel mit Liebesinschrift aus Carnuntum: „VENIS MEA / DOMINA“. Nach Thüry 2020, S. 165, Deutung S. 167. Spindel, Wirtel und Rocken gehörten zum typischen weiblichen Handarbeitszeug. Sie wurden gleichermaßen mit Sklavinnen, Freigelassenen und Prostituierten, aber auch mit Frauen höheren Standes verbunden. Der Begriff domina war in der Sprache der Liebe offenbar nicht zwingend an eine konkrete soziale Rangordnung gebunden. Die aus der römischen Liebeselegie bekannten dominae dürften allerdings meist demselben sozialen Umfeld angehört haben, nämlich dem der Freigelassenen.

Für den Mitterdorfer Wirtel ergibt sich daraus eine doppelte Einordnung. Als verziertes Stück gehört er bereits zu einer kleinen Minderheit, da Dekor an eisenzeitlichen Wirteln selten ist (Koch 2010, S. 93). Sollten die Ritzungen darüber hinaus Schriftcharakter besitzen, wäre das Stück innerhalb dieser Objektgattung ein noch deutlicherer Sonderfall. Beschriftete Wirtel tragen in der Regel lediglich einen Personennamen (Thüry 2020, S. 167). Eine kurze Namensangabe wäre auch für Mitterdorf plausibel, auch wenn Material, Datierung und Schriftform gesondert zu prüfen bleiben.




Schrift, Ornament oder Merkzeichen?

Schon zu Beginn der Urnenfelderkultur, um 1200 v. Chr., tragen gegossene Bronzesicheln aus großen Hortfunden eingegossene Marken in Form von Rippen, Strichen und Winkeln. Der berühmte Bronzehort von Frankleben (im Saalekreis) umfasst insgesamt 242 Sicheln sowie 16 Lappenbeile, wurde 1946 geborgen und ist mit rund 45 Kilogramm einer der größten Sichelhorte Mitteleuropas (Sommerfeld 1994).


Bronzene Sichel aus dem Hortfund von Schkopau (13. bis 10. Jahrhundert vor Christus). © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.
Bronzene Sichel aus dem Hortfund von Schkopau (13. bis 10. Jahrhundert vor Christus). © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.

Christoph Sommerfeld erkannte auf den Sicheln ein Zählsystem auf der Basis von fünf: Bis zu vier einzeln gesetzte Striche werden gezählt, der folgende fünfte als Bündel zusammengefasst, sodass sich Werte bis 29 ergeben. Dass die Reihe gerade bei 29 endet und die Sichel die Gestalt der Mondsichel hat, deutet Sommerfeld als Bezug zum synodischen Mondmonat von rund 29 bis 30 Tagen, also als eine Zählung im Mondlauf (Sommerfeld 1994). Das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle versteht diese Sichelmarken als mögliche Vorform eines Schriftsystems und als das älteste bekannte Zeichensystem Mitteleuropas (Landesmuseum für Vorgeschichte Halle).


Zeichen auf bronzezeitlichen Sicheln der Urnenfelderzeit, ca. 12.–9./8. Jahrhundert v. Chr. Oben: das von Sommerfeld rekonstruierte Gussmarken-Zahlzeichensystem mit Werten von 1 bis 29; unten: weitere auf Sicheln belegte Zeichen- und Markenformen, deren Funktion nicht immer sicher zu bestimmen ist. Nach Sommerfeld 1994, S. 79.


Über den mitteleuropäischen Raum hinaus hat Mikkel C. D. Hansen 2019 vermutet, dass das urnenfelderzeitliche Zählsystem mit den Handzeichen der südskandinavischen Bronzezeit verwandt sein könnte. Diese Handzeichen, eine Hand mit gestreckten Fingern unter vier waagrechten Linien, erscheinen fast immer auf tragbaren Steinen aus Gräbern; Hansen liest in ihnen die Handhaltung für die Zahl 29 und damit ebenfalls einen Bezug zum synodischen Mondmonat. Nur ein einziges echtes Felsbild, das Motiv von Aspeberget in Tanum, zeigt eine Figur, die Hand und Finger zu 29 Näpfchen erhebt. Die Deutung bleibt eine offene Hypothese (Hansen 2019).


Links: Das Handzeichen von Rudebo. Foto: Sven-Gunnar Broström, Quelle: SHFA.se. Aus: Mikkel Christian Dam Hansen, Interpreting a Bronze Age Motif: Revisiting the Hand Signs of Southern Scandinavia, S. 58, Fig. 3. Rechts: Sowohl die vorgeschlagene Handgeste als auch das Motiv von Aspeberget stellen die Zahl 29 dar und weisen eine große Ähnlichkeit mit dem Handzeichen auf. Illustration: Jesper Andersen. Aus: Mikkel Christian Dam Hansen, Interpreting a Bronze Age Motif: Revisiting the Hand Signs of Southern Scandinavia, S. 69, Fig. 12.


Der nächste Beleg für solche Zeichen stammt aus Hallstatt selbst. Schon Eduard von Sacken beschrieb bei der Erstpublikation des Gräberfeldes acht Bronzekessel, die am oberen Rand eingehauene oder eingefeilte Zeichen tragen. Ob es sich um Buchstaben, Zahlzeichen oder bloße Fabrikantenmarken handle, nannte er schwer zu entscheiden, deutete einzelne Zeichen aber durchaus: Er erkannte Formen etruskischer und altitalischer Buchstaben, las etwa Figur 6 als TI und Figur 7 als TITIV, verstand wiederkehrende Parallelstriche als Zahlzeichen und schloss aus dem verkehrt stehenden K, dass die Aufschrift retrograd zu lesen sei (Sacken 1868, S. 107 f.). Da bei einem aus drei Platten zusammengesetzten Kessel jede Platte eine andere Marke trägt, hielt er einen Teil der Zeichen für Werkstattmarken zum Zusammenfügen der Bleche.


Markierungen an den oberen Rändern von Bronzekesseln aus dem Hallstätter Gräberfeld, nach Eduard von Sacken (1825 bis 1883), Das Grabfeld von Hallstatt, 1868, S. 94 f.
Markierungen an den oberen Rändern von Bronzekesseln aus dem Hallstätter Gräberfeld, nach Eduard von Sacken (1825 bis 1883), Das Grabfeld von Hallstatt, 1868, S. 94 f.

Bemerkenswert ist, dass von Sacken die Hallstätter Zeichen bereits mit norditalischen und ostalpinen Schriftträgern verband. Er nannte ausdrücklich die Helme von Negau in der (damaligen) Steiermark, die er als östlichsten Punkt italischer Schriftcharaktere bezeichnete, und stellte die Hallstätter Zeichen zugleich neben die Zahl- oder Markenzeichen auf Bronzesicheln (Sacken 1868, S. 95). Schon 1868 wurde damit dieselbe Verbindung von Markenzeichen auf Bronzegerät und früher Schrift im Ostalpenraum gezogen, die diesen Beitrag leitet. Eine eindeutige sprachliche Bestimmung dieser Zeichen steht bis heute aus.

In dieselbe Richtung weist die hallstattzeitliche Bild- und Zeichenwelt des Nordostalpen- und pannonischen Raums. Nebelsick beschreibt die figürliche Kunst des Kalenderbergraums als Entwicklung aus einem Milieu anikonischer Zeichen der jüngeren Bronzezeit. In der älteren Hallstattzeit wurden solche Bild- und Zeichenformen zunächst streng kanonisiert; erst in der jüngeren Phase der älteren Hallstattzeit traten stärkere Berührungen mit anderen Bildtraditionen hervor. Für Mitterdorf ist daran vor allem wichtig, dass im osthallstättischen Raum ein Repertoire aus Winkeln, Strichgruppen, Kreisen, Hakenformen und figürlichen Kürzeln begegnet, das aus heutiger Sicht buchstabenähnlich wirken kann, ohne deshalb alphabetische Schrift zu sein (Nebelsick 1992, S. 403 f.).


Zeichenhafte Motive und Ritzungen aus dem hallstattzeitlichen Kalenderberg- und Osthallstattkreis. Die Formen zeigen die Nähe zwischen Ornament, Merkzeichen und schriftähnlichen Zeichen. a: St. Andrä vor dem Hagentale, Grab 17, subfigürlich verzierter Stein; b: Baden, Rauheneck, Höhensiedlung, figürlich verziertes Feuerbockfragment; c: Brno-Obřany, eventuell aus dem Gräberfeld, Tasse mit Zeichen; d: Treščerovac, Standfußschale mit subfigürlicher Zierde. Aus: Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie, Band 8, Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Institutes für Ur- und Frühgeschichte der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, 1992, S. 403, Abb. 1.
Zeichenhafte Motive und Ritzungen aus dem hallstattzeitlichen Kalenderberg- und Osthallstattkreis. Die Formen zeigen die Nähe zwischen Ornament, Merkzeichen und schriftähnlichen Zeichen. a: St. Andrä vor dem Hagentale, Grab 17, subfigürlich verzierter Stein; b: Baden, Rauheneck, Höhensiedlung, figürlich verziertes Feuerbockfragment; c: Brno-Obřany, eventuell aus dem Gräberfeld, Tasse mit Zeichen; d: Treščerovac, Standfußschale mit subfigürlicher Zierde. Aus: Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie, Band 8, Festschrift zum 50jährigen Bestehen des Institutes für Ur- und Frühgeschichte der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, 1992, S. 403, Abb. 1.

Dass diese Unterscheidung nicht erst für die Hallstattzeit schwierig ist, zeigt die viel ältere Diskussion um die neolithischen Vinča-Zeichen des Balkanraums. Sie wurden wiederholt als früheste und der sumerischen Schrift vorausgehende Schriftform gedeutet.


Links: Zeichen auf Keramikgefäßen der Vinča-Kultur, 5. Jt. v. u. Z.; rechts: Zeichen auf Keramikgefäßen der Vinča-Kultur mit Angabe der Tiefen, in denen sie gefunden wurden. Aus: V. Stanišić, „‚Vinča-Schrift‘ oder ‚Vinča-Zeichen‘“, in: Balcanica XXIII, 1992, S. 194–195.


Deshalb bleiben solche Zeichen deutungsoffen und zeigen genau die Schwierigkeit, die Grenze zwischen Schrift, Ornament und Merkzeichen zu ziehen. Erst gegen Ende des 7. oder in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. trifft die alphabetische Schrift nördlich der Alpen ein.


Wie schmal der Grat zwischen Ornament und Schrift dabei ist, führt ein Fund aus der hallstattzeitlichen Höhensiedlung von Montmorot im Jura vor Augen. Auf einem lokal gefertigten Gefäßscherben aus einer Schicht der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. galten die eingeritzten Linien zunächst als bloßes Streifenornament, bis Stéphane Verger sie 1998 als Inschrift in einem vom Etruskischen abgeleiteten Alphabet erkannte und als priś las, vermutlich die Abkürzung eines keltischen Personennamens und damit wohl eine Besitzerangabe (Verger 1998). Verger ordnet das Stück der ersten Übertragung des etruskischen Alphabets nördlich der Alpen zu und sieht darin den Beginn einer Reihe, die durch die gesamte hallstättische Fürstenzeit reicht, und damit mehr als ein isoliertes Einzelstück. Auf die norditalischen Schriftkulturen, in deren weiteres Umfeld auch das Mitterdorfer Stück gehört, ist im folgenden Abschnitt zurückzukommen.


Fragment eines beschrifteten Gefäßes aus Montmorot. B: Umzeichnung der Innenseite des Fragments links und der Ritzungen auf der Außenseite rechts. Zeichnung: S. Verger. Aus: S. Verger, „Note sur un graffite archaïque provenant de l’habitat hallstattien de Montmorot (Jura)“, in: Comptes rendus des séances de l’Académie des inscriptions et belles-lettres, 142. Jahrgang, Nr. 3, 1998, S. 623, Fig. 4B.
Fragment eines beschrifteten Gefäßes aus Montmorot. B: Umzeichnung der Innenseite des Fragments links und der Ritzungen auf der Außenseite rechts. Zeichnung: S. Verger. Aus: S. Verger, „Note sur un graffite archaïque provenant de l’habitat hallstattien de Montmorot (Jura)“, in: Comptes rendus des séances de l’Académie des inscriptions et belles-lettres, 142. Jahrgang, Nr. 3, 1998, S. 623, Fig. 4B.

Eingeritzte Zeichen auf einem hallstattzeitlichen Wirtel von Mitterdorf können daher mehreres bedeuten. Sie können zu einer älteren Tradition von Zähl-, Eigentums- oder Merkzeichen gehören, sie können Teil einer regionalen hallstattzeitlichen Ornament- und Zeichenwelt sein, oder sie können tatsächlich Buchstaben eines Alphabets darstellen. Entscheidend ist die Abfolge und weniger die Schriftähnlichkeit einzelner Formen: Lässt sie sich als Graphemreihe eines bekannten Alphabets erklären? Erst wenn diese Frage zugunsten der Schrift beantwortet wird, kann der nächsten Frage nachgegangen werden.




Welches Alphabet und welche Sprache?

Die Schriften, die für eine Einordnung des Mitterdorfer Stücks in Betracht kommen, fasst die Forschung als norditalische Schriftkulturen zusammen. Sie gehen auf die Ausbreitung etruskischer Schriftlichkeit nach Norden zurück: Die norditalischen Alphabete sind überwiegend vom etruskischen Alphabet abgeleitet, geben aber verschiedene Sprachen wieder, darunter das Venetische, das Camunische, die keltischen Sprachen Lepontisch und cisalpines Gallisch sowie das Rätische (Salomon 2021, S. 41; Schumacher & Salomon 2019, S. 162). Das etruskische Alphabet selbst geht vermutlich auf ein westgriechisches Vorbild zurück, das die Etrusker im 8. Jahrhundert v. Chr. von euböischen Griechen in Kampanien übernahmen (Bonfante & Bonfante 2002).


Wichtig ist dabei die Trennung von Schrift, Sprache und Objekt. Ein Alphabet kann für unterschiedliche Sprachen verwendet werden, und ein Objekt kann lokal hergestellt sein, obwohl die Schriftform von außen übernommen wurde. Genau diese Trennung wird für den Mitterdorfer Wirtel entscheidend, sobald die Zeichen über Ornament oder Merkzeichen hinaus als mögliche Buchstabenfolge geprüft werden.


Die ältesten norditalischen Schriftzeugnisse sind lepontisch und venetisch. Das Rätische gilt nach gegenwärtigem Forschungsstand als die zuletzt verschriftete Sprache Norditaliens; seine Inschriften setzen erst im späten 6. Jahrhundert v. Chr. ein und damit etwa ein Jahrhundert nach den ältesten lepontischen und venetischen Dokumenten (Salomon 2021, S. 41). Ihr Ende finden die norditalischen Schriftkulturen mehr oder weniger gleichzeitig kurz vor der Zeitenwende, als sich mit der römischen Eroberung des Alpenraums die lateinische Schriftlichkeit durchsetzt.


Charakteristisch für diese Schriftkulturen sind knappe Inschriften. Sie umfassen meist ein bis fünf, in den längsten Fällen bis zu sieben Wörter und nennen vor allem Personennamen von Stiftern, Besitzern oder Verstorbenen. Neben der bloßen Namensnennung begegnen besonders häufig Formeln wie „X hat gegeben“ und „geschenkt von X“ (Salomon 2021, S. 41). Trügen die Ritzungen auf dem Mürztaler Spinnwirtel Schriftcharakter, gehörte das verwendete Alphabet daher mit hoher Wahrscheinlichkeit in diese norditalische Familie. Welches der Alphabete infrage käme, ist damit aber noch nicht gesagt, zumal die norditalischen Schriften einander wegen ihrer gemeinsamen etruskischen Herkunft im Zeichenbestand stark ähneln. Karls Deutung verweist auf das Camunische; das nahe verwandte Rätische bietet den am besten dokumentierten Vergleich, und mit dem Venetischen ist im Ostalpenraum eine weitere norditalische Schrift belegt.


Das Kerngebiet rätischer Schriftlichkeit liegt im Trentino sowie in Süd- und Nordtirol. Es wird mit der Fritzens-Sanzeno-Kultur verbunden, die als materielle Hinterlassenschaft der Räter gilt, sowie mit zwei paläographisch unterschiedenen Alphabeten, dem Alphabet von Sanzeno und jenem von Magrè (Salomon 2021, S. 40). Den Anstoß zur Herausbildung dieser Kultur im späten 6. Jahrhundert v. Chr. gaben intensive Kontakte mit den Etruskern der östlichen Poebene; ihr Einfluss zeigt sich neben Schriftgebrauch auch in Kult, Geschirr, Werkzeug und Bewaffnung (Salomon 2021, S. 40). Ein wichtiges Zentrum lag im Nonsberg, wo Sanzeno zugleich Kultzentrum und Handelsplatz war (Schumacher & Salomon 2019, S. 161).


Schrift im Alpenraum erscheint sowohl auf mobilen Gegenständen als auch auf ortsfesten Felsen. Solche Inschriftenfelsen liegen häufig an alten Verkehrswegen, Pässen, Hochflächen und Wegkreuzungen, also an Orten, die zugleich mit Kult und Mobilität verbunden waren (Salomon 2021, S. 47). Am besten dokumentiert sind dabei rätische Beispiele: Auf bayerischem Gebiet tragen im Pürschlinggebiet über Unterammergau drei Felsblöcke rätische Inschriften, von denen zwei lesbar, aber bislang nicht deutbar sind (Salomon 2021, S. 45 f.; Schumacher 2016). Ausführlicher sind die Inschriften an den Nordtiroler Felsbildstellen von Achenkirch und Steinberg. Dort begegnen wiederholt Personennamen mit Patronymen; möglicherweise galt bereits das Einritzen der Namen in den Fels als Weihehandlung (Schumacher & Salomon 2019, S. 159 und 167 ff.).


Verbreitungskarte der norditalischen Inschriften, etruskisch, venetisch, cisalpin-keltisch, camunisch, rätisch, nach Salomon 2021, S. 41.
Verbreitungskarte der norditalischen Inschriften, etruskisch, venetisch, cisalpin-keltisch, camunisch, rätisch, nach Salomon 2021, S. 41.

Für Mitterdorf ist dieser Zusammenhang bedeutsam. Das Mürztal bildet zusammen mit dem oberen Murtal als Durchgangstal zwischen dem osthallstättischen und später norischen Raum und dem Süden eine wichtige Verkehrsachse. Ein vereinzeltes Schriftzeugnis aus diesem Gebiet ließe sich daher auch als Spur von Kontakten entlang solcher Verkehrs- und Austauschwege verstehen, belegt aber noch keine lokale Schreibkultur.




Das Rätische als bestdokumentierter Vergleichsmaßstab

Unter den norditalischen Schriften ist das Rätische am besten erforscht, und es liegt geografisch am nächsten. Das macht es zum wichtigsten Vergleichsmaßstab für Mitterdorf, nicht aber zur wahrscheinlichsten Lösung. An ihm lässt sich zeigen, wie knapp solche Inschriften sind, dass sie meist Personennamen tragen und wie schwierig schon die sprachliche Zuordnung selbst bei einem gut dokumentierten Korpus bleibt.

Das Rätische ist eine fragmentarisch überlieferte, nicht-indogermanische Sprache, die zwischen dem 5. und 1. Jahrhundert v. Chr. im Trentino, in Süd- und Nordtirol sowie vereinzelt in angrenzenden Gebieten bezeugt ist (Salomon 2021, S. 40). Erschlossen wird sie vor allem über den Vergleich mit dem ungleich besser bezeugten Etruskischen. Die genetische Verwandtschaft beider Sprachen gilt seit den Arbeiten Stefan Schumachers und Helmut Rix’ in den 1990er Jahren als gesichert (Salomon 2021, S. 40; Rix 1998). Gemeinsam mit dem auf Lemnos bezeugten Lemnischen bilden Rätisch und Etruskisch die tyrsenische Sprachfamilie; ihre gemeinsame Vorstufe setzte Rix um 1.000 v. Chr. oder früher an (Salomon 2021, S. 46).


Schriftzeichen der rätischen Alphabete in den für linksläufige Inschriften üblichen Formen. Nach: Stefan Schumacher und Corinna Salomon, „Die rätischen Inschriften vom Schneidjoch (Brandenberger Alpen, Tirol)“, Die Höhle 70, 2019, S. 163, Tab. 1.
Schriftzeichen der rätischen Alphabete in den für linksläufige Inschriften üblichen Formen. Nach: Stefan Schumacher und Corinna Salomon, „Die rätischen Inschriften vom Schneidjoch (Brandenberger Alpen, Tirol)“, Die Höhle 70, 2019, S. 163, Tab. 1.

Für diese Verwandtschaft sprechen unter anderem zwei Merkmale. Beide Sprachen besitzen ein viergliedriges Vokalsystem ohne /o/, weshalb das Zeichen Omikron in rätischen Inschriften nicht auftritt (Salomon 2021, S. 42). Zudem entspricht die rätische Präteritalendung -ke formal dem etruskischen -ce, etwa in rätisch θinaχe gegenüber etruskisch zinace (Salomon 2021, S. 44). Die ältere antike Überlieferung, nach der die Räter um 400 v. Chr. aus der Poebene in die Alpen verdrängte Etrusker gewesen seien, hält der sprachwissenschaftlichen Prüfung daher aus heutiger Sicht nicht stand, und das Rätische ist somit wahrscheinlich kein spät abgespaltener etruskischer Dialekt (Salomon 2021, S. 46; Schumacher & Salomon 2019, S. 160).


Für den Mürztaler Spinnwirtel folgt daraus zweierlei. Zum einen hilft das hohe Alter der rätischen Sprache bei der Datierung des Objekts nicht weiter, maßgeblich ist allein der Zeitpunkt der Verschriftung und weniger das Alter der Sprache selbst (Salomon 2021, S. 46). Zum anderen tragen diese sprachlichen Argumente nur, falls der Wirtel überhaupt rätisch beschriftet ist. Für eine camunische oder venetische Lesung sagen sie wenig aus. Schrift und Sprache sind daher getrennt zu prüfen.


Auch die Inschriftenträger zeigen Übereinstimmungen und Abweichungen. Rätische Inschriften stehen überwiegend auf Weihegaben aus Bronze, Geweih und Knochen, seltener auf Keramik; hinzu kommen einzelne Grab- und Besitzerinschriften (Salomon 2021, S. 41). Beispiele sind das bronzene Pferdchen aus Dercolo im Nonsberg mit der Namensformel piri kaniś-nu, „Piri, Sohn des Kanise“ (NO-11), eine Bronzeaxt aus Tisens in Südtirol mit dem Namen enikes im Genitiv (BZ-2), ein bronzener Miniaturschild aus Mechel mit der Dedikationsformel φelturie-si φelvinu-ale utiku, „von Φelturie Φelvinu geschenkt“ (NO-3), ein beschriftetes Bronzetäfelchen vom Demlfeld bei Ampass in Tirol (IT-5) sowie ein beschrifteter Astragalos vom Monte Ozol (NO-13).


Vergleichsbeispiele rätischer Inschriftenträger nach Salomon 2021: bronzenes Pferdchen von Dercolo mit Inschrift NO-11 (piri kaniś-nu, „Piri, Sohn des Kanise“), Bronzeaxt aus Tisens mit Inschrift BZ-2 (enikes, Personenname im Genitiv, also etwa „des Enikes“), bronzenes Miniaturschild aus Mechel mit Inschrift NO-3 (φelturie-si φelvinu-ale utiku, „von Φelturie Φelvinu geschenkt“), Bronzetäfelchen vom Demlfeld bei Ampass mit Inschrift IT-5 (kleimunθeis und avaśue-ra-si, grammatische Formen bzw. Morphemkette ohne sichere einfache Übersetzung), Astragalos vom Monte Ozol mit Inschrift NO-13 (rätische Inschrift, bei Salomon 2021 nicht vollständig wiedergegeben), Felsinschriften aus dem Pürschlinggebiet bei Unterammergau mit UG-1.1 und UG-1.2 (kusen und istane[, unvollständig und bislang nicht sicher deutbar) sowie Silberring aus Nußdorf im Chiemgau mit Inschrift AV-1 (tipruχnu lavise(z), unsichere Lesung nach Rix, vermutlich Namensformel). Nach Salomon 2021, S. 42–47.



Nachfolgend eine chronologisch geordnete Übersicht aller bei Salomon abgebildeten Inschriftenträger (eigene Darstellung nach Salomon, 2021):



Gemessen an diesem Material fiele der Mitterdorfer Spinnwirtel in zweifacher Hinsicht aus dem Rahmen: Er besteht aus Ton und stammt aus einem Gebiet weit nördlich des rätischen Kernraums. Inhaltlich wäre eine knappe Namensangabe dagegen etwas, was die bisherigen rätischen Funde erwarten lassen.




Das camunische Alphabet als Karls eigentliche Spur

In Karls Vergleichsmaterial steht vor allem das camunische Alphabet im Vordergrund, auch Alphabet von Sondrio genannt, weniger das Rätische. Es ist eine Variante des nordetruskischen Alphabets, die mit den Camunni im Valcamonica verbunden ist und vor allem für Felsinschriften verwendet wurde. Diese entstanden etwa zwischen 500 und 100 v. Chr.; längere Texte folgen häufig dem Boustrophedon, bei dem die Schreibrichtung zeilenweise wechselt (Marchesini 2011).


Gerade beim Camunischen ist jedoch vieles offen. Die zugehörige Sprache lässt sich keiner bekannten Sprache sicher zuordnen; erwogen werden sowohl eine tyrsenische als auch eine keltische Zugehörigkeit (Marchesini 2011; Salomon 2021, S. 47). Sogar die Herkunft des Alphabets ist umstritten: Anders als bei den übrigen norditalischen Schriften gilt für das Camunische als möglich, dass es unmittelbar auf ein griechisches Vorbild zurückgeht und die Etrusker dabei keine Rolle spielten (Schumacher & Salomon 2019, S. 162). Eine camunische Lesung des Mitterdorfer Wirtels würde die Sprache des Stücks daher offen lassen und eine weitere Unbekannte hinzufügen.


Für die Mitterdorfer Frage ist vor allem eine Beobachtung Salomons einschlägig. Inschriften im camunischen Alphabet stehen nicht nur auf den ortsfesten Felsen der Valcamonica. Sie begegnen auch auf tragbaren Objekten, sind teilweise überraschend weit gestreut und geben offenbar nicht ausschließlich das Camunische wieder (Salomon 2021, S. 47). Ein camunisch beschrifteter Spinnwirtel im Mürztal wäre damit zwar ungewöhnlich, aber nicht grundsätzlich ohne Parallele. Wie weit Schrift und Sprache dabei auseinandertreten können, zeigt das erste Vergleichsstück.




Vergleichsstück I: der Silberring von Nußdorf

Als unmittelbares Vergleichsstück für den Mitterdorfer Spinnwirtel führt Karl einen Silberring aus Nußdorf im Chiemgau an (Karl 2025), der bei Salomon unter der Sigle AV-1 verzeichnet ist (Salomon 2021, S. 47). Der Ring misst nur 2,5 Millimeter in der Breite; die eingeritzten Zeichen sind entsprechend klein und schwer lesbar. Auf Grundlage der Lesung Helmut Rix’ könnte eine rätische Namensformel vorliegen, tipruχnu lavise(z), abgefasst in einem camunischen Alphabet (Ziegaus & Rix 1998; Salomon 2021, S. 47).


Dieser Befund ist für Mitterdorf in doppelter Hinsicht lehrreich. Erstens konnte eine camunisch geschriebene Inschrift auf einem kleinen, tragbaren Schmuckstück weit nördlich der Alpen erscheinen. Zweitens, und das wiegt schwerer, fallen hier Schrift und Sprache auseinander: Das Alphabet ist camunisch, die Sprache aber rätisch. Die Bestimmung des Alphabets entscheidet also nicht über die Sprache, und umgekehrt. Schon diese Lesung bleibt zudem angesichts der schwierigen Lesbarkeit im Einzelnen unsicher (Salomon 2021, S. 47). Für den noch ungeprüften Mitterdorfer Wirtel gilt das in verstärktem Maß.


Silberring aus Nußdorf im Chiemgau mit Inschrift AV-1 im Detail, nach Salomon 2021, S. 47
Silberring aus Nußdorf im Chiemgau mit Inschrift AV-1 im Detail, nach Salomon 2021, S. 47



Vergleichsstück II: der Negauer Helm

Ein zweites tragbares Schriftobjekt aus dem ostalpinen Raum führt eine methodische Schwierigkeit besonders deutlich vor Augen: der Negauer Helm. Der namengebende Depotfund wurde 1811 bei Ženjak nahe Negova im heutigen Slowenien entdeckt und umfasste sechsundzwanzig Bronzehelme, deren Herstellung vom 5. bis in das 2. Jahrhundert v. Chr. reicht (Egg 1986). Zwei Helme tragen Inschriften. Besonders bekannt ist Helm B, heute im Kunsthistorischen Museum Wien, über dessen Krempe der von rechts nach links geschriebene Text harigastiteiva läuft. Die Inschrift ist in einem venetischen Lokalalphabet vom Typ Idrija A abgefasst; die unmittelbar anschließenden schriftähnlichen Zeichen wertet Nedoma als Schluss- oder Füllzeichen außerhalb des eigentlichen Textes (Nedoma 1995).

Schon die Schrift dieses Helms ist aufschlussreich, denn sie ist venetisch. Damit ist belegt, dass auch venetische Schrift in den Ostalpenraum gelangte. Die Grenzen zwischen den norditalischen Schriften waren also durchlässig, was die Zuordnung einer einzelnen, kurzen Inschrift zusätzlich erschwert.


Für den Spinnwirtel aus Mitterdorf ist der Helm vor allem deshalb aufschlussreich, weil Herstellung, Gebrauch, Niederlegung und Beschriftung nicht zwingend in dieselbe Zeit gehören. Der Helm selbst entstand nach Egg wohl in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr., wurde aber erst im späten 2. oder frühen 1. Jahrhundert v. Chr. im Depot von Ženjak niedergelegt. Wann die Inschrift angebracht wurde, bleibt unsicher; nach Nedoma sprechen der Erhaltungszustand der Ritzungen und paläographische Vergleiche eher für eine späte Beschriftung (Nedoma 1995). Der Fundkontext allein datiert die Ritzung daher nicht zuverlässig.


Auch die Lesung und Deutung bleiben umstritten. Nedoma versteht harigastiteiva als Besitzerinschrift und deutet den Text als germanischen Personennamen beziehungsweise als Namenfolge; diese germanische Deutung ist jedoch aus lautlichen und grammatischen Gründen bestritten worden (Nedoma 1995; Schürr 2001). Der Helm zeigt damit, dass selbst ein gut bekanntes, viel diskutiertes Schriftobjekt mehrere Unsicherheiten zugleich aufweisen kann: die Zeitstellung der Beschriftung, die Trennung von Text und schriftähnlichen Zusatzzeichen sowie die sprachliche Deutung.


Für den Mitterdorfer Spinnwirtel ergibt sich daraus eine wichtige methodische Konsequenz, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied zum Negauer Helm. Der Helm stammt aus einem Hort, der erst lange nach seiner Herstellung niedergelegt wurde, weshalb dort auch eine späte Beschriftung denkbar ist. Der Mitterdorfer Wirtel lag dagegen in einer durch Brand konservierten Werkstatt. Dieser Brand bildet einen sicheren Zeitpunkt, vor dem die Ritzungen entstanden sein müssen. Die Zeichen sind damit so alt wie der hallstattzeitliche Befund oder älter, falls der Wirtel ein bereits länger gebrauchtes oder ererbtes Stück war. Eine jüngere Entstehung der Ritzungen scheidet bei einem geschlossenen Brandbefund aus, solange die Schicht ungestört blieb.


Negauer Helm B, Kunsthistorisches Museum Wien, mit der eingeritzten Inschrift harigastiteiva auf der Krempe . Robert Nedoma deutet die Inschrift als germanische Besitzerinschrift und segmentiert sie in harigasti teiva. Der erste Name enthält wahrscheinlich die urgermanischen Bestandteile harja- („Heer, Kriegerschar“) und gasti- („Gast, Fremder, Gefährte“); teiva wird als zweiter Männername derselben Person verstanden. Erklärend etwa „Heergast“ oder „Gefährte des Heeres“, nach Nedoma 1995.




Welche Zeitstellung?

Selbst wenn die Ritzungen Schrift wären und sich ein Alphabet bestimmen ließe, bliebe die Datierung entscheidend. Die rätische Schriftlichkeit setzt erst im späten 6. Jahrhundert v. Chr. ein (Salomon 2021, S. 41), und die Beschriftung des Negauer Helms B erfolgte nach Nedoma wahrscheinlich erst spät, im 2. oder 1. Jahrhundert v. Chr. (Nedoma 1995). Ein gesichert hallstattzeitliches Schriftstück aus Mitterdorf läge damit am frühesten Rand der norditalischen Schriftausbreitung und würde die bisher angenommene Chronologie des Schriftgebrauchs nördlich der Alpen nach hinten verschieben.


Dass ein so früher Ansatz nicht ausgeschlossen ist, zeigt erneut der Fund von Montmorot. Dieses hallstattzeitliche Schriftzeugnis aus der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. belegt, dass die Übernahme des etruskischen Alphabets nördlich der Alpen bereits in der Stufe Hallstatt D einsetzte (Verger 1998). Der Mitterdorfer Wirtel läge demnach am frühen Rand eines nachweisbaren Vorgangs, und nicht außerhalb davon.




Abschluss

Damit lässt sich die eingangs gestellte Frage beantworten, ohne den offenen Forschungsstand zu verlassen. Die Ritzungen auf dem Mitterdorfer Wirtel gelten nur dann als frühes Schriftzeugnis, wenn alle drei Bedingungen zusammen erfüllt sind: die Zeichen sind tatsächlich Schrift und nicht Ornament oder Merkzeichen, ihre Abfolge lässt sich als Graphemreihe eines bestimmbaren norditalischen Alphabets erklären und die hallstattzeitliche Datierung des Befundes bleibt gesichert. Jede dieser Bedingungen ist derzeit offen, und der Nußdorfer Ring wie der Negauer Helm zeigen, dass schon Schrift, Sprache und Zeitstellung getrennt zu beurteilen sind. Bestätigt sich die Deutung in allen drei Punkten, wäre das kleine Stück das älteste Schriftzeugnis des Ostalpenraums. Bestätigt sie sich nicht, bleibt ein verzierter Wirtel, der allein durch seinen Dekor schon zu einer kleinen Minderheit eisenzeitlicher Funde gehört. Die Entscheidung darüber liegt bei der laufenden Fachuntersuchung.




Ausblick auf Teil 3

Der dritte Teil befasst sich mit dem Fundort St. Barbara-Mitterdorf und der Rolle des Mürztals in der Eisenzeit.


Innerhalb Österreichs liegt St. Barbara-Mitterdorf an der Mur-Mürz-Furche, einer alten Verkehrsdiagonale. Nach Westen führt sie über Ennstal und Ausseer Land zum Salzzentrum Hallstatt im Salzkammergut, nach Norden ins niederösterreichische Donautal, nach Osten über Semmering und Wechsel ins Wiener Becken, in die Oststeiermark um Hartberg und in das eisenreiche mittlere Burgenland.


Über diese regionale Ebene hinaus reicht ein überregionaler, internationaler Raum. Nach Osten und Süden schließen die Wege an die Bernsteinstraße an, den großen Korridor zwischen Ostsee und Adria, der über das heutige Ungarn und Slowenien bis nach Norditalien und weiter in den pannonischen Donauraum führte. Funde belegen zudem eine weiträumige Nord-Süd-Achse, die den ostalpinen Raum schon früh bis nach Skandinavien einband.




Quellen

Bonfante, G. und Bonfante, L. (2002): The Etruscan Language. An Introduction. 2. Auflage, Manchester University Press, Manchester/New York.

Egg, M. (1986): Italische Helme. Studien zu den ältereisenzeitlichen Helmen Italiens und der Alpen. Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Monographien 11, Mainz.

Hansen, M. C. D. (2019): Håndtegnet. In: Gefjon 4, S. 86 bis 151, Aarhus.

Karl, R. (2025): Ausgrabungen in Mitterdorf im Mürztal, erste Ergebnisse. Vortrag, St. Barbara im Mürztal, 15. April 2025 (Universität Wien).

Karl, R., Löcker, K., Wallner, M., Trausmuth, T., Rösel-Mautendorfer, H., Rösel, G., Mann, R., Ellmeier, M. und Singer, G. (2024): Die späthallstattzeitliche Siedlung von Mitterdorf im Mürztal. Grabungsbericht 2023. Archäologische Denkmalpflege, 31. März 2024.

Koch, M. (2010): Zeugnisse keltischer Textilproduktion, die Spinnwirtel vom Hunnenring. In: TERREX gGmbH (Hg.), Kelten und Römer im St. Wendeler Land. Die Ausgrabungen der TERREX gGmbH am Hunnenring und im vicus Wareswald, Marpingen, S. 91 bis 97.

Kossack, G. (1959): Südbayern während der Hallstattzeit. Römisch-Germanische Forschungen 24, Walter de Gruyter, Berlin.

Landesmuseum für Vorgeschichte Halle: Sichelmassen. Dauerausstellung „Glutgeboren“. Online unter landesmuseum-vorgeschichte.de.

Marchesini, S. (2011): Alla ricerca del modello perduto. Sulla genesi dell’alfabeto camuno. In: Palaeohispanica 11, S. 155 bis 171.

Nedoma, R. (1995): Die Inschrift auf dem Helm B von Negau. Möglichkeiten und Grenzen der Deutung norditalischer epigraphischer Denkmäler. Philologica Germanica 17, Wien.

Nedoma, R. und Urban, O. H. (2002): Negauer Helm. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, 2. Auflage, Band 21, Walter de Gruyter, Berlin/New York, S. 52 bis 61.

Rix, H. (1998): Rätisch und Etruskisch. Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, Vorträge 68, Innsbruck.

Sacken, E. von (1868): Das Grabfeld von Hallstatt in Oberösterreich und dessen Alterthümer. Braumüller, Wien.

Salomon, C. (2021): Das Verhältnis der rätischen Sprache zum Etruskischen. In: Bayerische Archäologie 1/2021, S. 40 bis 47.

Schumacher, S. (2016): Rätische Inschriften im Pürschlinggebiet bei Unterammergau. In: W. Zanier (Hg.), Der spätlatène- und frühkaiserzeitliche Opferplatz auf dem Döttenbichl südlich von Oberammergau, Band 3, C. H. Beck, München, S. 821 bis 827.

Schumacher, S. und Salomon, C. (2019): Die rätischen Inschriften vom Schneidjoch (Brandenberger Alpen, Tirol). In: Die Höhle 70, Heft 1 bis 4/2019, S. 159 bis 174.

Schumacher, S., Salomon, C. und Kluge, S. (Hg.): Thesaurus Inscriptionum Raeticarum. Online-Edition, Universität Wien.

Schürr, D. (2001): Zu Schrift und Sprache der Inschrift auf Helm B von Negau. In: Sprachwissenschaft 26, S. 205 bis 231.

Sommerfeld, Ch. (1994): Gerätegeld Sichel. Studien zur monetären Struktur bronzezeitlicher Horte im nördlichen Mitteleuropa. Vorgeschichtliche Forschungen 19, Walter de Gruyter, Berlin/New York.

Thüry, G. E. (2020): Ein gallischer Spinnwirtel mit Liebesinschrift aus Carnuntum. In: G. E. Thüry (Hg.), Domi militiaeque. Militär- und andere Altertümer. Festschrift für Hannsjörg Ubl zum 85. Geburtstag. Archaeopress Roman Archaeology 68, Oxford, S. 165 bis 175.

Verein Römische Bernsteinstraße Burgenland (2024): Spinnwirtel aus Ton (Fundkatalog, Kroatisch-Minihof und Kleinwarasdorf). Online unter bernsteinstrasse-burgenland.at.

Verger, S. (1998): Hrsg., Rites et espaces en pays celte et méditerranéen. Collection de l’École française de Rome 276, Rom.

Wedenig, R. (2008): Römerzeitliche Webgewichte aus der Steiermark als Schriftträger. In: G. Grabherr und B. Kainrath (Hg.), Akten des 11. Österreichischen Archäologentages in Innsbruck 2006, Innsbruck, S. 323. Zitiert nach Thüry 2020.

Ziegaus, B. und Rix, H. (1998): Ungewöhnliche Funde der späten Hallstattzeit aus dem Alpenvorland. In: Germania 76, S. 291 bis 303.


Hinweis: Einige Bilder wurden zur Verbesserung der Auflösung mit künstlicher Intelligenz nachbearbeitet.

 
 
 

Kommentare


Schreib mir, ich freue mich auf deine Nachricht!

Danke für deine Nachricht!

© 2023 Der steirische Brauch.

bottom of page