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Zwischen Hallstatt und Bernsteinstraße: Die Rolle des Mürztals in der Eisenzeit

vor 3 Stunden
17 Min. Lesezeit

Teil 3 der Reihe über die späthallstattzeitliche Siedlung von St. Barbara-Mitterdorf im Mürztal


Künstlerische KI-Rekonstruktion zu Grab 24/1907 in Hallstatt. Die Darstellung orientiert sich an den Grabbeigaben; die Kleidung ist von erhaltenen Hallstätter Textilien inspiriert. Aussehen und Farben sind frei gestaltet. Die Beigaben weisen Bezüge zum Nordostalpenraum auf und veranschaulichen, wie Menschen und Güter über die Verkehrswege der Eisenzeit zwischen verschiedenen Regionen in Verbindung standen. Welche Route die Bestatteten zurücklegten, ist unbekannt.
Künstlerische KI-Rekonstruktion zu Grab 24/1907 in Hallstatt. Die Darstellung orientiert sich an den Grabbeigaben; die Kleidung ist von erhaltenen Hallstätter Textilien inspiriert. Aussehen und Farben sind frei gestaltet. Die Beigaben weisen Bezüge zum Nordostalpenraum auf und veranschaulichen, wie Menschen und Güter über die Verkehrswege der Eisenzeit zwischen verschiedenen Regionen in Verbindung standen. Welche Route die Bestatteten zurücklegten, ist unbekannt.


Ein Tal voller Wege

Wer heute an das Mürztal denkt, verbindet die Landschaft mit Industrie, Eisenbahn und modernen Verkehrswegen. Tatsächlich folgt der Verkehr hier seit Jahrtausenden denselben natürlichen Gegebenheiten. Bereits in der Eisenzeit orientierten sich Menschen an Flusstälern und Passübergängen.


Die Ausgrabungen in St. Barbara-Mitterdorf zeigen, dass sich hier vor rund 2.500 Jahren eine dauerhaft bewohnte Siedlung befand. Hausgrundrisse, Webgewichte, Spinnwirtel und Keramik belegen einen festen Siedlungsplatz. Seine Lage war kein Zufall. Das Mürztal verband bereits damals verschiedene Landschaften des Ostalpenraums und bot günstige Voraussetzungen für Handel, Austausch und Mobilität.




Flüsse als Lebensadern der Eisenzeit

Lange bevor befestigte Straßen entstanden, bestimmten Flüsse und Täler die Bewegungen der Menschen. Sie boten Orientierung, erleichterten den Transport und verbanden Landschaften, die durch Gebirge voneinander getrennt waren.


Wie günstig das Ennstal in diesem System lag, zeigt sich an seinen Anschlüssen. Über den Radstädter Tauern erreichte man von dort das Salzachtal, über das Murtal den Süden und über das Mürztal den Osten. Das Ennstal bot damit beste Voraussetzungen als Durchgangsraum, der direkt an den beiden wichtigsten ostalpinen Rohstoffquellen der Bronzezeit, Kupfer und Salz, vorbeiführte. Dass solche Verbindungen tatsächlich genutzt wurden, zeigt das hallstattzeitliche Prunkgrab von Strettweg bei Judenburg, dessen Ausstattung ihre engsten Entsprechungen in Hallstatt findet, mit weiteren Vorbildern in Unterkrain.


Der Kultwagen von Strettweg (ca. 600 v. Chr.) Dieses Meisterwerk der Hallstattzeit zeigt eine rituelle Opferprozession. Der Wagen war Teil eines sagenhaft reichen Fürstengrabes aus Judenburg: Neben dem Bronze-Kunstwerk wurden über 7.000 Beigaben entdeckt, darunter hunderte kostbare Bernsteinperlen, Prunkamphoren, Waffen und Pferdeschmuck. Heute zu bestaunen im Archäologiemuseum Schloss Eggenberg.
Der Kultwagen von Strettweg (ca. 600 v. Chr.) Dieses Meisterwerk der Hallstattzeit zeigt eine rituelle Opferprozession. Der Wagen war Teil eines sagenhaft reichen Fürstengrabes aus Judenburg: Neben dem Bronze-Kunstwerk wurden über 7.000 Beigaben entdeckt, darunter hunderte kostbare Bernsteinperlen, Prunkamphoren, Waffen und Pferdeschmuck. Heute zu bestaunen im Archäologiemuseum Schloss Eggenberg.

Für die Steiermark lässt sich diese Entwicklung bereits in der Urnenfelderzeit beobachten. Besonders entlang von Mur, Mürz und Enns häufen sich Siedlungen, Gräberfelder und Einzelfunde. Mit Beginn der Hallstattzeit gewann dieses Netz weiter an Bedeutung. Der wirtschaftliche Aufschwung beruhte auf Rohstoffen wie Salz und Eisen, deren Gewinnung und Verteilung ohne funktionierende Verkehrswege kaum denkbar gewesen wäre.



Das Mürztal als Knotenpunkt

Die Lage einer Siedlung war in der Eisenzeit kaum zufällig. Das Mürztal bot günstige Voraussetzungen für den Zugang zu mehreren bedeutenden Wirtschaftszentren. Von St. Barbara-Mitterdorf führte der Weg nach Westen in die Obersteiermark und weiter in den Raum von Hallstatt. Nach Norden eröffneten sich Verbindungen über Mariazell, den Ötscher und das Erlauftal in Richtung Donau. Über den Semmering führte der Weg in das Wiener Becken, Pfaffensattel und Wechsel ermöglichten den Zugang zur Oststeiermark und schließlich zum Raum der Bernsteinstraße. Nach Süden führte das Mürztal entlang der Mur

in die südöstlichen Alpen.


Die Bernsteinstraße als Handelsweg wurde nicht erst von den Römern geschaffen. Schon vor der Eisenzeit bestanden Verbindungen, über die Bernstein von der Ostsee in den Süden gelangte. In der Hallstatt- und Latènezeit diente dieses Wegesystem auch dem Austausch weiterer Güter. Besonders im heutigen Mittelburgenland gewann es wirtschaftliche Bedeutung: Dort wurde in der jüngeren Eisenzeit Eisenerz gewonnen und zu norischem Eisen verarbeitet.


Erst in römischer Zeit wurden Teile dieses Handelskorridors als befestigte Straße ausgebaut. Ihr aus römischer Zeit bekannter Verlauf führte über Carnuntum, Scarbantia (Sopron), Savaria (Szombathely), Poetovio (Ptuj) und Emona (Ljubljana) nach Aquileia.

Der rund 3.100 Jahre alte Goldschatz von Ebreichsdorf, gefunden 2021 beim Ausbau der Pottendorfer Linie im Bezirk Baden, Niederösterreich. Golddrahtspiralen, Reste eines golddurchwirkten Gewandes und eine goldene Schale mit Sonnenmotiv. (Foto: APA/Georg Hochmuth) Ebreichsdorf liegt gut 100 Kilometer vom Mürztal entfernt, aber genau dort, wohin die Wege über Semmering, Pfaffensattel und Wechsel ins Wiener Becken führten: nur rund 40 Kilometer von Carnuntum entfernt, im Einzugsbereich der späteren Bernsteinstraße. Bernsteinsplitter am Fundort und Vergleichsstücke aus Norddeutschland und Skandinavien zeigen, wie weit dieses Netz schon in der Bronzezeit reichte.
Der rund 3.100 Jahre alte Goldschatz von Ebreichsdorf, gefunden 2021 beim Ausbau der Pottendorfer Linie im Bezirk Baden, Niederösterreich. Golddrahtspiralen, Reste eines golddurchwirkten Gewandes und eine goldene Schale mit Sonnenmotiv. (Foto: APA/Georg Hochmuth) Ebreichsdorf liegt gut 100 Kilometer vom Mürztal entfernt, aber genau dort, wohin die Wege über Semmering, Pfaffensattel und Wechsel ins Wiener Becken führten: nur rund 40 Kilometer von Carnuntum entfernt, im Einzugsbereich der späteren Bernsteinstraße. Bernsteinsplitter am Fundort und Vergleichsstücke aus Norddeutschland und Skandinavien zeigen, wie weit dieses Netz schon in der Bronzezeit reichte.

Wie konkret solche Verbindungen einzelne Menschen betrafen, zeigt ein Grabfund aus Hallstatt selbst. Bei einer Grabungskampagne im Herbst 1907 wurde dort ein Doppelgrab freigelegt, ausgestattet mit einem fragmentierten Eisenschwert, einer Lappenaxt vom Typ Hallstatt, einer gerippten Bronzenadel, einem Eisenmesser, drei bronzenen Angelhaken und zwei ungewöhnlichen Fibelbügeln. Die Nadel und die beiden Fibelbügel weisen nicht, wie an anderen Hallstätter Gräbern üblich, nach Westen oder in den Südostalpenraum, sondern eindeutig in den Nordostalpenraum. Das Grab wird deshalb als Bestattung eines Kriegers samt Frau aus dieser Region gedeutet, wahrscheinlich Angehörige einer einzelnen Familie, die dauerhaft in die Hallstätter Gemeinschaft integriert wurde.


Hallstatt, Grab 24/1907, Fundinventar der Doppelbestattung eines nordostalpinen Kriegers und seiner Frau (nach Wells, Fig. 25; Aufnahme der Mecklenburg-Grabung von 1907). 1–2: die beiden bronzenen Fibelbügel, entgegen älterer Ansprache als „Bogenfibeln" nach Bügelquerschnitt und Bügelanstieg als Harfenfibeln bestimmt, eine für den Nordostalpenraum charakteristische Trachtform der Frau. 3: die Bronzenadel mit feingerripptem Kopf und markantem Halsknick, Typ Statzendorf, mit Verbreitungsschwerpunkt im niederösterreichischen Raum. 4: das fragmentierte Klingenstück des Eisenschwertes. 5: das bronzene Lappenbeil vom Typ Hallstatt, im ostalpin-pannonischen Raum beheimatet. 6: das kleine geschwungene Eisenmesser mit Griffdorn, der Fleischbeigabe zugehörig, an der auch der am Schwert anhaftende Tierknochen erkennbar ist. 7–9: die drei bronzenen Angelhaken. 10: der blecherne Bronzerest. 11–15: das keramische Material, mindestens sechs Gefäße, der Huglfing-Schärding-Gruppe zugerechnet, mit den engsten Parallelen in Oberösterreich und Südbayern.
Hallstatt, Grab 24/1907, Fundinventar der Doppelbestattung eines nordostalpinen Kriegers und seiner Frau (nach Wells, Fig. 25; Aufnahme der Mecklenburg-Grabung von 1907). 1–2: die beiden bronzenen Fibelbügel, entgegen älterer Ansprache als „Bogenfibeln" nach Bügelquerschnitt und Bügelanstieg als Harfenfibeln bestimmt, eine für den Nordostalpenraum charakteristische Trachtform der Frau. 3: die Bronzenadel mit feingerripptem Kopf und markantem Halsknick, Typ Statzendorf, mit Verbreitungsschwerpunkt im niederösterreichischen Raum. 4: das fragmentierte Klingenstück des Eisenschwertes. 5: das bronzene Lappenbeil vom Typ Hallstatt, im ostalpin-pannonischen Raum beheimatet. 6: das kleine geschwungene Eisenmesser mit Griffdorn, der Fleischbeigabe zugehörig, an der auch der am Schwert anhaftende Tierknochen erkennbar ist. 7–9: die drei bronzenen Angelhaken. 10: der blecherne Bronzerest. 11–15: das keramische Material, mindestens sechs Gefäße, der Huglfing-Schärding-Gruppe zugerechnet, mit den engsten Parallelen in Oberösterreich und Südbayern.

Solche Fremdpersonen werden mit der Organisation des Salzhandels in Verbindung gebracht, möglicherweise auch mit dem Handel mit baltischem Bernstein. Für das Mürztal bedeutet dieser Befund vor allem eines: Wege verbanden nicht nur Rohstoffe, sondern auch Personen mit ihrer Herkunft, und diese Herkunft ließ sich, wie das Hallstätter Grab zeigt, archäologisch oft nur über kleine, unscheinbare Details wie eine Nadelform bestimmen.




Hallstatt – das Zentrum des Salzes

Unter den wirtschaftlichen Zentren der Hallstattzeit nimmt Hallstatt eine besondere Stellung ein. Die reichen Salzlagerstätten am Hallstätter Salzberg bildeten die Grundlage für einen außergewöhnlichen wirtschaftlichen Aufschwung, der dem gesamten Zeitabschnitt seinen Namen gab. Salz war in der Eisenzeit weit mehr als ein Gewürz. Es diente vor allem der Haltbarmachung von Lebensmitteln und gehörte damit zu den wichtigsten Rohstoffen Europas.


Mit der Salzgewinnung entwickelte sich Hallstatt zu einem bedeutenden Wirtschafts- und Handelszentrum des Ostalpenraums. Archäologische Funde belegen weitreichende Kontakte in zahlreiche Regionen Europas. Neben Bernstein gelangten auch Luxusgüter aus dem Mittelmeergebiet sowie weitere Rohstoffe und Erzeugnisse aus unterschiedlichen Landschaften nach Hallstatt. Gleichzeitig verließen nicht nur Salz, sondern auch hochwertige Produkte den Hallstätter Salzberg auf denselben Verkehrswegen. Dazu gehörten vor allem gepökeltes Schweinefleisch sowie wahrscheinlich Textilien, Lederwaren und metallene Erzeugnisse.


Blick vom Hallstätter Hochtal auf dem Salzberg über den Hallstätter See, direkt über dem UNESCO-Welterbeort Hallstatt. Hier liegt das älteste Salzbergwerk der Welt. (Foto: Salzwelten Hallstatt, salzwelten.at) Hallstatt am Salzberg war weit mehr als ein reiner Abbauort. Über 7.000 Jahre wurde hier Salz gewonnen, doch daneben entstand eine regelrechte Fleischindustrie mit hölzernen Pökelbecken für jeweils 150 bis 200 Schweine pro Arbeitsgang, deren Fleischsaft und Knochen vermutlich sogar zu haltbaren Bouillontafeln als Reiseproviant weiterverarbeitet wurden. Dazu kamen wahrscheinlich Textilien, Lederwaren und metallene Erzeugnisse aus eigener Herstellung.
Blick vom Hallstätter Hochtal auf dem Salzberg über den Hallstätter See, direkt über dem UNESCO-Welterbeort Hallstatt. Hier liegt das älteste Salzbergwerk der Welt. (Foto: Salzwelten Hallstatt, salzwelten.at) Hallstatt am Salzberg war weit mehr als ein reiner Abbauort. Über 7.000 Jahre wurde hier Salz gewonnen, doch daneben entstand eine regelrechte Fleischindustrie mit hölzernen Pökelbecken für jeweils 150 bis 200 Schweine pro Arbeitsgang, deren Fleischsaft und Knochen vermutlich sogar zu haltbaren Bouillontafeln als Reiseproviant weiterverarbeitet wurden. Dazu kamen wahrscheinlich Textilien, Lederwaren und metallene Erzeugnisse aus eigener Herstellung.

Archäologische Ausgrabungen belegen eine regelrechte prähistorische Fleischindustrie in der Bronzezeit etwa 13./12. Jahrhundert v. Chr. mit hölzernen Pökelbecken , in denen pro Arbeitsgang etwa 150 bis 200 Schweine verarbeitet werden konnten. Das Salz diente dabei nicht nur der Konservierung des Fleisches. Nach den Untersuchungen von Erich Pucher wurde vermutlich auch der beim Pökeln anfallende Fleischsaft weiterverarbeitet. In großen, weitmündigen Graphittongefäßen konnte er eingekocht und konzentriert werden. Selbst die ausgekochten Knochen wurden wahrscheinlich genutzt, um eine gelierende Fleischbrühe herzustellen, die anschließend zu haltbaren Bouillontafeln eintrocknete. Diese Fleischkonzentrate waren über Jahre lagerfähig und eigneten sich hervorragend als Reiseproviant. Sie können als Vorläufer moderner Brühwürfel oder Fleischbrühe angesehen werden. Auch das gepökelte Fleisch selbst reifte nach dem Einsalzen im kühlen Klima des Bergwerks und blieb dadurch über lange Zeit haltbar. Hallstatt exportierte somit nicht nur den begehrten Rohstoff Salz, sondern auch hochwertige, haltbare Lebensmittel, die sich für den Transport über weite Entfernungen eigneten.

Rekonstruktion einer bronzezeitlichen Blockbauwanne (Pökelanlage, 13./12. Jahrhundert v. Chr.) im Hallstätter Salzbergtal. Die originalen, im Boden eingetieften Holzbecken besaßen standardisierte Maße von etwa 2,0 bis 2,5 Metern Seitenlänge und eine Tiefe von rund 1,0 bis 1,2 Metern, womit sie ein Fassungsvermögen für die Massenverarbeitung von bis zu 200 Fleischstücken boten. Quelle (Bild & Forschung): Naturhistorisches Museum Wien (NHM) – Abteilung für Prähistorie / Experimentelle Archäologie. Die Erforschung und die wissenschaftliche Publikation dieser Anlagen erfolgten über die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Rekonstruktion einer bronzezeitlichen Blockbauwanne (Pökelanlage, 13./12. Jahrhundert v. Chr.) im Hallstätter Salzbergtal. Die originalen, im Boden eingetieften Holzbecken besaßen standardisierte Maße von etwa 2,0 bis 2,5 Metern Seitenlänge und eine Tiefe von rund 1,0 bis 1,2 Metern, womit sie ein Fassungsvermögen für die Massenverarbeitung von bis zu 200 Fleischstücken boten. Quelle (Bild & Forschung): Naturhistorisches Museum Wien (NHM) – Abteilung für Prähistorie / Experimentelle Archäologie. Die Erforschung und die wissenschaftliche Publikation dieser Anlagen erfolgten über die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)

Die wirtschaftliche Bedeutung Hallstatts spiegelte sich zugleich in seinen weitreichenden Kontakten wider. Im eisenzeitlichen Gräberfeld finden sich Grabbeigaben und Ausrüstungsgegenstände mit Bezügen nach Unterkrain, Norditalien, Westungarn, Süddeutschland, Mähren und in die Westschweiz. Viele Objekte wurden importiert, andere vor Ort nach fremden Vorbildern gefertigt. Dies zeigt, dass nicht nur Waren, sondern auch handwerkliches Wissen, technische Innovationen und kulturelle Einflüsse über große Entfernungen weitergegeben wurden. Hallstatt war damit weit mehr als ein Salzbergwerk. Der Ort entwickelte sich zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Knotenpunkt, an dem Menschen aus unterschiedlichen Regionen zusammentrafen und ein europaweites Netzwerk des Austauschs entstand.



Eisen, Erz und Macht

Neben dem Salz bildete Eisen die zweite wirtschaftliche Grundlage der Hallstattzeit. Im Ostalpenraum lagen einige der bedeutendsten Erzvorkommen Mitteleuropas. Besonders der steirische Erzberg entwickelte sich zu einem Zentrum der Eisengewinnung. Auch im heutigen Burgenland und im angrenzenden Westungarn wurden bereits in vorgeschichtlicher Zeit umfangreiche Eisenerzlagerstätten erschlossen. Diese Rohstoffvorkommen prägten Wirtschaft, Siedlungsentwicklung und Machtverhältnisse über Jahrhunderte.


Eisen war weit mehr als ein Werkstoff für Waffen. Es wurde für Werkzeuge, Geräte und landwirtschaftliche Geräte benötigt und bildete die Grundlage zahlreicher Handwerke. Mit der zunehmenden Bedeutung des Eisens entstanden spezialisierte Abbau- und Verhüttungszentren. Im mittleren Burgenland weisen tausende Pingen – trichterförmige Gruben des Erzabbaus – sowie zahlreiche Rennöfen auf eine intensive Eisenproduktion hin. Das dort gewonnene Erz wurde im Rennverfahren verhüttet und anschließend als Eisenluppen weiterverarbeitet oder gehandelt.


Beweis für antiken Technologietransfer? Die exakte bauliche Übereinstimmung dieses römischen Ofens in Österreich mit skandinavischen Modellen deutet darauf hin, dass das Wissen zur Eisenverhüttung ursprünglich von außerhalb nach Norwegen gelangte. Foto: Brigitte Cech
Beweis für antiken Technologietransfer? Die exakte bauliche Übereinstimmung dieses römischen Ofens in Österreich mit skandinavischen Modellen deutet darauf hin, dass das Wissen zur Eisenverhüttung ursprünglich von außerhalb nach Norwegen gelangte. Foto: Brigitte Cech

Berühmt wurde das Ferrum Noricum, das norische Eisen. Bereits antike Autoren rühmten seine außergewöhnliche Qualität. Heute geht die Forschung davon aus, dass dieses hochwertige Eisen nicht nur aus dem Raum Hüttenberg stammte, sondern auch Lagerstätten des mittleren Burgenlandes einen wichtigen Beitrag leisteten. Die Bernsteinstraße verlief unmittelbar durch dieses Produktionsgebiet und bot ideale Voraussetzungen für den Fernhandel. Eisen gelangte von hier in andere Regionen des Ostalpenraums und später bis in die Werkstätten Aquileias, wo es unter anderem für die römische Rüstungsproduktion verwendet wurde.


Mit den wertvollen Rohstoffen gewann auch die Kontrolle über ihre Gewinnung und ihren Transport an Bedeutung. Höhensiedlungen entstanden bevorzugt an markanten Geländepunkten, von denen aus sich Täler, Passübergänge und Verkehrswege überwachen ließen. Im Bereich der Eisenlagerstätten des Burgenlandes standen große Produktionszentren unter der Aufsicht befestigter Höhensiedlungen, während im Ostalpenraum ähnliche Strukturen den Zugang zu Erzvorkommen und wichtigen Verkehrsachsen sicherten. Wirtschaftliche Macht beruhte daher nicht allein auf dem Besitz von Rohstoffen, sondern ebenso auf der Kontrolle jener Wege, über die sie transportiert wurden. Auch das Mürztal dürfte Teil dieses wirtschaftlichen Gefüges gewesen sein.




Über Semmering und Wechsel

Die Ostalpen werden von zahlreichen Pässen und Talübergängen durchzogen. Einige entwickelten sich schon früh zu wichtigen Verbindungen zwischen den inneralpinen Landschaften und dem Wiener Becken. Für das Mürztal spielten dabei vor allem der Semmering, der Pfaffensattel und der Wechsel eine zentrale Rolle. Sie ermöglichten den Übergang in jene Räume, die später zu den bedeutendsten Verkehrs- und Handelslandschaften Mitteleuropas gehörten.


Der Semmering verbindet seit jeher das Mürztal mit dem südlichen Niederösterreich. Archäologische Funde zeigen, dass dieser Raum bereits in vorgeschichtlicher Zeit genutzt wurde, auch wenn sich der genaue Verlauf der eisenzeitlichen Wege heute nur noch teilweise nachvollziehen lässt. Ähnliches gilt für den Pfaffensattel und den Wechsel. Beide Übergänge erschlossen den Weg in die Oststeiermark und weiter in das pannonische Becken. Von dort bestanden Anschlüsse an weitreichende Handelsnetze, deren Bedeutung weit über den Alpenraum hinausreichte.


Eine besondere Stellung nahm Hartberg ein. Die Stadt liegt an der Schnittstelle mehrerer natürlicher Verkehrsachsen und entwickelte sich bereits in der Urnenfelder- und Hallstattzeit zu einem wichtigen Handels- und Verkehrsknotenpunkt. Mit dem Ringkogel befindet sich hier eine befestigte Höhensiedlung, deren Besiedlung bis in die Hallstattzeit zurückreicht. Über lokale Verbindungen war Hartberg sowohl mit den oststeirischen Tälern als auch mit den Routen zur Bernsteinstraße verbunden.


Die Semmeringbahn: von der Passroute zur Welterbe-Eisenbahn: Zwischen 1848 und 1854 baute der Ingenieur Carl Ritter von Ghega die Bahnstrecke über den Semmering zwischen Gloggnitz und Mürzzuschlag. Auf 42 Kilometern überwindet die Strecke einen Höhenunterschied von rund 459 Metern, durch 14 bis 15 Tunnel und über 16 Viadukte. Sie gilt als erste normalspurige Gebirgsbahn Europas und wurde 1998 als erste Eisenbahnstrecke weltweit zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Für das Mürztal markiert die Semmeringbahn den Übergang von der jahrtausendealten Passroute, die schon in der Eisenzeit den Zugang zum Wiener Becken ermöglichte, zur modernen Verkehrsachse des 19. Jahrhunderts. Quellen: Österreichische UNESCO-Kommission, Südbahnmuseum Mürzzuschlag, Wikipedia (Semmeringbahn)
Die Semmeringbahn: von der Passroute zur Welterbe-Eisenbahn: Zwischen 1848 und 1854 baute der Ingenieur Carl Ritter von Ghega die Bahnstrecke über den Semmering zwischen Gloggnitz und Mürzzuschlag. Auf 42 Kilometern überwindet die Strecke einen Höhenunterschied von rund 459 Metern, durch 14 bis 15 Tunnel und über 16 Viadukte. Sie gilt als erste normalspurige Gebirgsbahn Europas und wurde 1998 als erste Eisenbahnstrecke weltweit zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Für das Mürztal markiert die Semmeringbahn den Übergang von der jahrtausendealten Passroute, die schon in der Eisenzeit den Zugang zum Wiener Becken ermöglichte, zur modernen Verkehrsachse des 19. Jahrhunderts. Quellen: Österreichische UNESCO-Kommission, Südbahnmuseum Mürzzuschlag, Wikipedia (Semmeringbahn)

Der genaue Verlauf einzelner eisenzeitlicher Wege lässt sich allerdings nur selten mit Sicherheit bestimmen. Besonders ältere Rekonstruktionsversuche stützen sich häufig auf Flurnamen, Geländebeobachtungen oder spätere Überlieferungen. Viele dieser Trassen bleiben daher Arbeitshypothesen und müssen mit modernen archäologischen Befunden abgeglichen werden. Unbestritten ist hingegen die verkehrsgeographische Bedeutung des Raumes. Das Mürztal war über mehrere Passübergänge mit den Landschaften östlich der Alpen verbunden und nahm dadurch eine Schlüsselstellung innerhalb des ostalpinen Wegenetzes ein.




Die Bernsteinstraße

Kaum eine Handelsroute Europas ist so bekannt wie die Bernsteinstraße. Ihr Name geht auf den begehrten Bernstein zurück, der von den Küsten der Ostsee bis an die Adria gelangte. Tatsächlich war diese Verbindung jedoch weit mehr als eine Straße für den Bernsteinhandel. Sie bildete über Jahrhunderte eine der wichtigsten Nord-Süd-Achsen Mitteleuropas und verband sehr unterschiedliche Wirtschafts- und Kulturräume miteinander.


Von der Ostsee führte die Route über die Weichsel und die Mährische Pforte nach Carnuntum an der Donau. Von dort verlief sie über Scarbantia (Sopron), Savaria (Szombathely), Poetovio (Ptuj) und Emona (Ljubljana) bis nach Aquileia an der oberen Adria. Der Abschnitt zwischen Sopron und Szombathely durchquerte das heutige Burgenland und verlief mitten durch eines der bedeutendsten eisenzeitlichen Eisenerzgebiete des Ostalpenraums.


Entlang dieser Route wurden zahlreiche Güter transportiert. Bernstein gehörte zu den bekanntesten, spielte aber keineswegs die alleinige Rolle. Salz aus Hallstatt erreichte über verschiedene Verbindungen entfernte Regionen. Hochwertiges Eisen aus Noricum und den burgenländischen Erzgebieten gelangte zu den Handelszentren des Alpenraums und später bis nach Italien. Hinzu kamen Bronze, Keramik, Textilien, Schmuck, Glas, Pelze und andere Luxusgüter, die von einer wohlhabenden Oberschicht nachgefragt wurden.


Das Bernsteincollier aus dem Fürstengrab Magdalenenberg bei Villingen-Schwenningen (8./7. Jahrhundert v. Chr.) belegt die weitreichenden Handelsnetze der Hallstattzeit. Bernstein und andere kostbare Materialien wurden über Flusstäler, Alpenpässe und Fernwege über große Entfernungen transportiert und gelangten so in die Zentren der frühkeltischen Elite.
Das Bernsteincollier aus dem Fürstengrab Magdalenenberg bei Villingen-Schwenningen (8./7. Jahrhundert v. Chr.) belegt die weitreichenden Handelsnetze der Hallstattzeit. Bernstein und andere kostbare Materialien wurden über Flusstäler, Alpenpässe und Fernwege über große Entfernungen transportiert und gelangten so in die Zentren der frühkeltischen Elite.

Mit den Waren verbreiteten sich auch technische Innovationen, handwerkliche Fertigkeiten und kulturelle Vorstellungen. Handelswege waren zugleich Kommunikationswege. Händler, Handwerker und Reisende brachten neue Werkstoffe, Herstellungsverfahren und künstlerische Einflüsse in bislang entfernte Regionen. Auch Schrift und Zeichen konnten sich auf diese Weise ausbreiten. Gerade für den Mitterdorfer Spinnwirtel ist dieser Zusammenhang von besonderem Interesse, weil mögliche Schriftkontakte ohne ein dichtes Netz überregionaler Beziehungen kaum denkbar wären.


Für das Mürztal bedeutete dies eine günstige Lage zwischen mehreren Wirtschaftsräumen. Über Semmering, Pfaffensattel und Wechsel bestand Anschluss an die ostalpinen Verbindungen in Richtung Bernsteinstraße. Die Siedlung von St. Barbara-Mitterdorf lag zwar nicht unmittelbar an dieser Fernhandelsroute, war jedoch über die natürlichen Talwege mit ihr verbunden. Dadurch eröffnete sich der Zugang zu einem Verkehrs- und Kommunikationsnetz, das den Ostalpenraum mit Nord- und Südeuropa verknüpfte.




Menschen unterwegs: Wege, Waren und Verwandtschaft im eisenzeitlichen Netzwerk

Für die ältere Eisenzeit beschreibt Paul Gleirscher eine Verkehrsachse vom Murknick entlang der Mürz über den Semmering in den Donauraum. Eine weitere Verbindung führte über das Palten- und Liesingtal ins Ennstal und weiter in Richtung Hallstatt. Die Siedlung von Mitterdorf lag damit im Bereich eines überregionalen Verkehrsnetzes.


Das bereits vorgestellte Hallstätter Grab 24/1907 gibt diesem Verkehrsraum eine menschliche Dimension. Olaf Dörrer erwägt für den bestatteten Krieger eine Beteiligung am Fernhandel mit baltischem Bernstein. Als weiteres seltenes Handelsgut nennt er Elfenbein. In diesem Zusammenhang erörtert er Hallstatt als „port of trade“ als Handelsplatz, an dem Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenkamen und Güter über große Entfernungen austauschten.


Für Mitterdorf verbindet sich damit die von Gleirscher beschriebene Verkehrsachse mit der Frage nach den Menschen, die solche Beziehungen unterhielten. Das Hallstätter Grab veranschaulicht mögliche soziale Kontakte zwischen dem Salzraum und dem Nordostalpenraum. Der Weg der Bestatteten bleibt offen; ihre Grabbeigaben geben Einblick in die Reichweite dieser Kontakte.


Textilien als Spuren weitreichender Kontakte

Auch Textilfunde zeigen, wie großräumig diese Verbindungen sein konnten. Das ist für St. Barbara-Mitterdorf besonders interessant, weil dort Textilhandwerk unmittelbar fassbar ist: durch Webgewichte, einen Hängewebstuhl und mehrere Spinnwirtel. Der verbrannte Webstuhl aus Mitterdorf steht zunächst für einen lokalen Arbeitszusammenhang. Doch andere Funde zeigen, dass Textilien in der Bronze- und Eisenzeit weit mehr sein konnten als Alltagsprodukte. Sie konnten Status anzeigen, Zugehörigkeit markieren und über große Distanzen zirkulieren.


Ein eindrucksvolles Beispiel stammt aus Ebreichsdorf im Wiener Becken. Dort wurde 2021 beim Ausbau der Pottendorfer Linie ein golddurchwirktes Gewand entdeckt. Die Fransen waren mit feinen Goldspiralen umwickelt. Textilspezialisten des Naturhistorischen Museums Wien deuteten die Reste als Teil eines außergewöhnlich hochwertigen Kleidungsstücks, vermutlich im Zusammenhang mit einer religiös oder politisch bedeutenden Eliteperson. Vergleichbare golddurchwirkte Gewebe aus der Zeit um 1100 bis 1000 v. Chr. sind vor allem aus Westungarn und Ostösterreich bekannt. Der Fund aus Ebreichsdorf gehört also in jenes östliche Kontaktfeld, in das auch die Wege aus dem Mürztal über Semmering und Wiener Becken führen konnten.


Noch weiter reicht die Spur eines Textils aus dem Grabhügel von Lusehøj in Dänemark. Isotopenanalysen sprechen dafür, dass das Gewebe wahrscheinlich aus dem Raum Kärnten oder Steiermark stammt und um 800 v. Chr. über mehr als 1.000 Kilometer nach Norden gelangte. Dieser Befund ist kein direkter Nachweis für Mitterdorf, zeigt aber, dass textile Rohstoffe und Gewebe in der Bronzezeit über enorme Entfernungen bewegt werden konnten.


Zugleich weisen Untersuchungen derselben Forschungsgruppe darauf hin, dass der Anteil nichtlokaler Wolle von der Bronzezeit zur frühen Eisenzeit zurückging. Fernhandel mit Textilien war zur Zeit von Mitterdorf also möglicherweise kein neues, aufblühendes Phänomen, sondern bereits Teil eines älteren Netzes, das sich veränderte. Genau darin liegt der Reiz für die Deutung des Mitterdorfer Befundes: Der Webstuhl in der Siedlung zeigt lokales Handwerk, doch dieses Handwerk gehörte zu einer Welt, in der Textilien grundsätzlich auch überregionale Bedeutung haben konnten.


Für Mitterdorf ergibt sich daraus ein vorsichtiger, aber wichtiger Zusammenhang. Der dort gefundene Webstuhl muss nicht als Beleg für Fernhandel verstanden werden. Er zeigt zunächst die Herstellung eines Stoffes vor Ort. Doch die Vergleichsfunde aus Ebreichsdorf und Lusehøj machen deutlich, dass textile Arbeit in der Vorgeschichte in größere soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge eingebunden sein konnte. Spinnen und Weben waren notwendige Tätigkeiten des Alltags, konnten aber zugleich Wissen, Technik, Status und regionale Verbindung ausdrücken.


Das Textilfragment aus dem dänischen Grabhügel Lusehøj stammt aus der späten Bronzezeit um 800 v. Chr. Lange Zeit hielten Forschende den Stoff für gewöhnliches Leinen, doch moderne Analysen des Dänischen Nationalmuseums zeigten, dass er vollständig aus den Bastfasern der Großen Brennnessel (Urtica dioica) gewoben wurde. Überraschenderweise ergab eine Strontiumisotopenanalyse, dass die Brennnesseln nicht aus Skandinavien stammten, sondern im Raum des heutigen Österreichs gewachsen sind. Die Rohstoffe oder das fertige Tuch kamen dabei vermutlich aus der Region der alpinen Hallstatt-Kultur. Dies belegt, dass bereits in der Bronzezeit ein hochentwickelter, weiträumiger Fernhandel mit Luxusgütern quer durch Europa existierte. Das kostbare Gewebe besitzt eine bemerkenswert feine Struktur in Leinwandbindung mit etwa 16 Fäden pro Zentimeter. Es diente als feierliche Hülle für die verbrannten Knochen eines hochrangigen Anführers, die in einer importierten Bronzeurne beigesetzt waren. (Photo: The National museum of Denmark)
Das Textilfragment aus dem dänischen Grabhügel Lusehøj stammt aus der späten Bronzezeit um 800 v. Chr. Lange Zeit hielten Forschende den Stoff für gewöhnliches Leinen, doch moderne Analysen des Dänischen Nationalmuseums zeigten, dass er vollständig aus den Bastfasern der Großen Brennnessel (Urtica dioica) gewoben wurde. Überraschenderweise ergab eine Strontiumisotopenanalyse, dass die Brennnesseln nicht aus Skandinavien stammten, sondern im Raum des heutigen Österreichs gewachsen sind. Die Rohstoffe oder das fertige Tuch kamen dabei vermutlich aus der Region der alpinen Hallstatt-Kultur. Dies belegt, dass bereits in der Bronzezeit ein hochentwickelter, weiträumiger Fernhandel mit Luxusgütern quer durch Europa existierte. Das kostbare Gewebe besitzt eine bemerkenswert feine Struktur in Leinwandbindung mit etwa 16 Fäden pro Zentimeter. Es diente als feierliche Hülle für die verbrannten Knochen eines hochrangigen Anführers, die in einer importierten Bronzeurne beigesetzt waren. (Photo: The National museum of Denmark)

Genetische Studie: verwandtschaftliche Netzwerke

Dass eisenzeitliche Netzwerke nicht nur über Waren und Rohstoffe funktionierten, zeigt eine 2024 veröffentlichte genetische Studie von Gretzinger und Kollegen. Sie untersuchte verwandtschaftliche Beziehungen zwischen frühkeltischen Eliten in Mitteleuropa. Das Ergebnis ist bemerkenswert: Über Distanzen von mehr als 100 Kilometern ließen sich enge familiäre Beziehungen zwischen Bestatteten nachweisen. Solche Befunde sprechen nicht für zufällige Einzelmobilität, sondern für sozial organisierte Verbindungen.


Diese Studie betrifft nicht direkt das Mürztal. Sie ergänzt aber das Bild, das am Hallstätter Grab 24/1907 über Tracht und Beigaben sichtbar wird. Dörrer erschließt die Herkunft einer einzelnen Bestattung über Fibeln, Nadeln und weitere Ausstattungselemente. Die genetische Forschung zeigt auf breiterer Basis, dass Verwandtschaftsbeziehungen in der Eisenzeit über größere Räume hinweg gepflegt wurden. Mobilität betraf also nicht nur Händler, Krieger oder Handwerker, sondern auch Familienverbände, Heiratsbeziehungen und politische Bindungen.


Für das Mürztal ist dieser Gedanke bedeutsam. Die Wege, die es mit Hallstatt, dem Wiener Becken und den östlichen Kontaktzonen verbanden, waren nicht bloß Handelsrouten. Über solche Wege konnten auch Menschen, Verwandtschaften und soziale Verpflichtungen in Bewegung bleiben. Damit wird die Landschaft zwischen Hallstatt und Bernsteinstraße nicht nur als Wirtschaftsraum verständlich, sondern als Beziehungsraum.


Mitterdorf liegt in diesem Zusammenhang nicht an einem eindeutig nachweisbaren Fernhandelsweg, aber an einer plausiblen Talachse zwischen mehreren Kontaktzonen. Der Fundort selbst zeigt Alltag, Textilhandwerk und Siedlungstätigkeit. Die Vergleichsbefunde aus Hallstatt, Ebreichsdorf, Lusehøj und den genetischen Studien zeigen, welche Reichweite solche Verbindungen in der Bronze- und Eisenzeit haben konnten. So entsteht ein vielschichtiges Bild: Wege trugen Salz, Bernstein, Eisen, Textilien und Elfenbein. Vor allem aber trugen sie Menschen, deren Herkunft, Beziehungen und Wissen die Netzwerke erst lebendig machten.




Mit den Menschen reisten auch Ideen

Waren lassen sich archäologisch häufig nachweisen, Gedanken dagegen nicht. Dennoch zeigen viele Funde, dass sich mit den Menschen auch technisches Wissen und kulturelle Vorstellungen über weite Entfernungen verbreiteten. Die Handelswege der Hallstattzeit waren deshalb zugleich Wege des Wissensaustausches.


Ein gutes Beispiel dafür ist das Textilhandwerk, wie es der erste Teil dieser Reihe am Webstuhlbefund von Mitterdorf gezeigt hat. Die Herstellung von Stoffen erforderte umfangreiche Kenntnisse über das Spinnen, Weben, Färben und die Verarbeitung verschiedener Fasern. Ähnliche Webtechniken und vergleichbare Geräte finden sich in unterschiedlichen Regionen Europas, von den Webgewichten aus Hallstatt und dem Dürrnberg bis zu den Bildquellen aus Sopron und Strettweg. Diese Übereinstimmungen sprechen dafür, dass handwerkliches Wissen nicht isoliert entstand, sondern durch persönliche Kontakte und den Austausch erfahrener Handwerker weitergegeben wurde.


Ähnliches gilt für Zeichen und Schrift. Während im östlichen Alpenraum selbst noch keine eigenständige Schrifttradition bestand, waren im norditalischen Raum bereits verschiedene Alphabete in Gebrauch. Besonders das etruskische und die daraus abgeleiteten norditalischen Alphabete, darunter das Venetische, das Camunische und das Rätische, beeinflussten zahlreiche Regionen südlich und nördlich der Alpen. Über Handelskontakte, persönliche Begegnungen und kulturellen Austausch konnten einzelne Schriftzeichen oder das Wissen um ihre Verwendung auch in Gebiete gelangen, in denen Schreiben noch keine alltägliche Praxis war.


Vor diesem Hintergrund erhält der eingeritzte Spinnwirtel aus St. Barbara-Mitterdorf, dem der zweite Teil dieser Reihe ausführlich nachgegangen ist, besondere Aufmerksamkeit. Sollte es sich tatsächlich um Schriftzeichen handeln, wäre dies kein isoliertes Phänomen, sondern ließe sich in die weitreichenden Kontakte der Hallstattzeit einordnen, wie sie etwa der Silberring von Nußdorf im Chiemgau oder der Negauer Helm B belegen. Die Verkehrswege zwischen Hallstatt, den Ostalpen und Norditalien boten grundsätzlich die Möglichkeit, dass Kenntnisse über Schrift ihren Weg auch in das Mürztal fanden.


Gleichzeitig ist Vorsicht geboten. Die Deutung der Ritzungen ist, wie im zweiten Teil dargelegt, in der Forschung noch nicht abgeschlossen, und eine eindeutige Lesung liegt bislang nicht vor. Der Fund belegt daher nicht, dass in Mitterdorf geschrieben wurde oder dass die Bevölkerung alphabetisiert war. Er zeigt jedoch, dass die Siedlung Teil eines kulturellen Umfeldes war, in dem neue Ideen und Einflüsse über große Entfernungen verbreitet wurden. Gerade diese Einbindung in ein weitreichendes Netzwerk macht den Fund so bemerkenswert und bildet die Brücke zu den Fragen, die in den ersten beiden Teilen dieser Beitragsreihe behandelt wurden.




Das Mürztal als Teil eines größeren Netzwerks

Die Ausgrabungen in St. Barbara-Mitterdorf zeigen eine hallstattzeitliche Siedlung, deren Bedeutung sich erst im Zusammenhang mit den überregionalen Verkehrs- und Handelsverbindungen vollständig erschließt. Das Mürztal war kein abgelegenes Seitental, sondern Teil eines weit verzweigten Kommunikations- und Wirtschaftsraumes, der den Ostalpenraum mit dem Wiener Becken, dem pannonischen Raum, Norditalien und darüber hinaus verband. Über Flusstäler und Passübergänge gelangten Rohstoffe, Fertigwaren und Luxusgüter ebenso an ihr Ziel wie Menschen mit ihren Erfahrungen und ihrem Wissen.

Die Webgewichte und Spinnwirtel aus Mitterdorf belegen nicht nur die Bedeutung des Textilhandwerks innerhalb der Siedlung, sondern verweisen auf handwerkliche Traditionen, die Teil dieses überregionalen Austausches waren. Der eingeritzte Spinnwirtel steht dafür exemplarisch: Seine noch ungeklärte Zeichenfolge wirft die Frage auf, ob Schriftkenntnisse oder andere Zeichentraditionen über die Kontakte des Mürztals bis nach Mitterdorf gelangten.


Der erste Teil dieser Beitragsreihe widmete sich dem Textilhandwerk und dem Alltag der Menschen in der Siedlung, der zweite Teil den eingeritzten Zeichen auf dem Spinnwirtel und der Frage nach möglichen Schriftkontakten. Dieser dritte Teil erweitert den Blick auf den geografischen und wirtschaftlichen Hintergrund. Erst durch die Einbettung in die Verkehrswege der Eisenzeit wird verständlich, warum sich gerade hier eine Siedlung entwickeln konnte und weshalb ihre Funde weit über das Mürztal hinausweisen.




Ausblick auf Teil 4

Feuerberge und Kreidfeuer. Keltische Höhenkommunikation und das Mürztal im Warnnetz

Der vierte Teil dieser Reihe richtet den Blick von der Talsiedlung Mitterdorf auf die Höhen, die sie umgeben. Signalpunkte wie Trollkogel, Wartbergkogel und Karnerkogel standen nicht isoliert, sondern gehörten mutmaßlich zu einem weiträumigeren System der Beobachtung und Verständigung. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich keltische Höhenkommunikation über Sichtachsen und Signalfeuer organisiert haben könnte und welche Rolle das Mürztal innerhalb eines solchen überregionalen Warnnetzes eingenommen haben mag.



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